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CD BENJAMIN BRITTEN „EN FRANCAIS“ – CYRILLE DUBOIS mit französischen Liedern des vielseitigsten englischen Komponisten des 20. Jahrhunderts; aparte

04.11.2026 | cd

CD BENJAMIN BRITTEN „EN FRANCAIS“ – CYRILLE DUBOIS mit französischen Liedern des vielseitigsten englischen Komponisten des 20. Jahrhunderts; aparte

Hinreißende Hommage in Gedenken an Benjamin Britten!

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Benjamin Brittens Todestag jährt sich am 4. Dezember zum 50. Mal. Zu Ehren des größten britischen Komponisten des 20. Jahrhunderts hat der französische Haute Contre und lyrische Tenor Cyrille Dubois ein faszinierendes Album mit französisch sprachigen Vokalkompositionen herausgebracht. Es ist nicht das erste Mal, dass französische Musiker Maßstäbe in der Interpretation englischer Musik setzen, wie vice versa englische oder amerikanische Dirigenten vom Schlage eines John Eliot Gardiner oder William Christie zu den Pionieren der Renaissance französischer Barockmusik gehören.

Cyrille Dubois geht die Sache mit Humor und einer guten Portion Selbstironie an. Auf den von Olivier Lalane gekonnt arrangierten Fotos ist Dubois zuerst mit Schirm und einem hübschen grünen Frosch auf der Schulter zu sehen. Da könnte man annehmen, dass damit das englische Wetter und ein cleverer Wetterfrosch gemeint sein könnte. Auf dem Umschlagblatt des Booklets ist Dubois mit Baguette und Frosch zu sehen, diesfalls eindeutig Assoziationen zum Essverhalten der Franzosen. Galt im 18.Jahrhundert der Begriff grenouille noch karikierend für die ärmere Pariser Bevölkerung (Froschschenkel im sumpfigen Pariser Umland waren wohlfeil), so hat sich bei den Briten das Wort Froggies oder Frogs als liebevoll spöttische Bezeichnung für die Nachbarn jenseits des English Channel etabliert. Als Revanche haben die Franzosen ihren britischen Freunden „les Rosbifs“ kulinarisch augenzwinkernd um den Hals gehängt.

Ob Festland oder Insel, Dubois kam mit der Musik von Benjamin Britten schon als sehr junger Sänger durch den aus England stammenden Chorleiter Robert Weddle in Caen in Kontakt. Ihm ist auch das vorliegende Album gewidmet. Britten war ständig präsent im künstlerischen Werdegang und im Leben des Cyrille Dubois. Sei es das erste Konzert mit „Curlew River“, die Aufnahmeprüfung an der Chorschule mit den „Folk Songs“, die ersten Soli in „Ceremony of Carols“, die Gehversuche vor Mikros mit „Rejoice in the Lamb“ oder als Zwölfjähriger in der Rolle des Miles in Aufführungen von „The Turn of the Screw“ in Lyon und Chambéry. „The Rape of Lucretia“ markierte seinen Start im Atelier Lyrique der Opéra de Paris.

Kein Wunder, dass Dubois‘ Liebe zur Sprache Shakespeares mit derjenigen Brittens für die Dichtkunst Molières korrespondierte. Das erfreuliche Ergebnis: Nirgendwo auf Tonträgern und bei niemandem sonst in der Vergangenheit sind und waren die französischsprachigen Kompositionen Brittens besser aufgehoben als bei Dubois.

Die vielleicht überraschendste Pointe ist der Einstieg in das Album und die Begegnung mit „Les Quatre Chansons françaises“ nach Texten von Victor Hugo und Paul Verlaine des 14-jährigen Benjamin. In ‚Nuits de juin‘, ‚Sagesse‘, ‚L’Enfance‘ und ‚Chanson d’automne‘ mit Orchesterbegleitung vermochte der blutjunge Britten bereits 1928, sich die Klangfarben Debussys, Poulencs oder Ravels melodisch und atmosphärisch zu Eigen zu machen. Kein Mensch würde beim Raten darauf kommen, dass diese überaus charmanten, spätromantisch üppigen, jedoch klanglicht orchestrierten und sensitiv wortdeutenden Preziosen von einem adoleszenten Engländer stammen.

Besonders anrührend bewegt das Lied ‚L’Enfance‘ mit seinem Gegensatz des unbeschwert neben dem Fenster spielenden, singenden fünfjährigen Kindes in Gegenwart der im Todeskampf agonisierenden Mutter. Die morbide Stimmung des Chanson d’automne mit den schluchzenden Violinen kommt harmonisch der musikalischen Sprache Wagners nahe. Vielleicht wirkte die Französin Raymonde Chevelard anregend auf die schillernde Kreativität des Musikers, als sie im April im Rahmen eines Sprachaustauschprogramms in das Haus der Brittens kam.

Völlig anders im Sinne von bodenständiger und ausgelassen ironischer ging Britten an die acht französischen Folksongs heran. Der Pianist Tristan Raës spielt in Liedern wie ‚Le roi s’en va-t’en chasse‘ oder ‚Eho! Eho!‘ den lautmalerisch virtuosen Klavierpart mit derselben federnden Leichtigkeit, die Liebe als auch Schafe und Natur zum Leben zu erwecken vermögen. Was Cyrille Dubois diesen Liedern an guter Laune, zarter Intimität, erzählerischer Plastizität, bis zu drastischer Expressivität und zu Tränen rührender Klangschönheit abgewinnt, gehört mit zum Faszinierendsten, was Liedgesang überhaupt leisten kann.

Als Abschluss des Albums interpretiert Dubois „Les Illuminations“ op.18 für hohe Stimme und Streichorchester nach Gedichten von Arthur Rimbaud. Wie bei den einleitenden „Quatre Chansons françaises“ wird Dubois vom Orchestre National de Metz unter David Reiland erstklassig begleitet. Am 30. Januar 1940 in London durch die Sopranistin Sophie Wyss mit dem Boyd Neel Orchestra uraufgeführt, entführen uns Rimbaud und Britten in eine mystisch surreale Abfolge von neun exotischen Szenen. Die poetischen Halluzinationen des Dichters, seine symbolistischen Beschwörungen wandelt Britten traumwandlerisch, in seltsame Akkorde zu den Worten ‚J’ai seul la clef de cette parade sauvage‘, in sphärische Flageolettkaskaden, in flirrendes Sausen bis zu als Gitarrenklang maskierten Streichereinsätzen.

‚Assez vu‘…‘Assez eu‘…‘Assez connu.‘ aus Rimbauds Gedicht ‚Départ‘ am Ende des Zyklus mag für den alternden Dichter gegolten haben. Ich kann von dem Album jedenfalls nicht genug bekommen. Das unverwechselbare, himmlisch pure Timbre von Dubois, seine Intensität, Integrität und Wortgewandtheit, und vor allem seine Vortrags- und Gestaltungskunst mache aus diesem Album die sinnlichste und vokal erfreulichste Neuerscheinung zum „Britten Jahr.“

Unvorhergesehenes: Wer Track 22 passiert hat, der letzten im Booklet angegebenen Nummer aus „Les Illuminations“, rechnet damit, dass die CD damit ihr Ende genommen hat. Weit gefehlt. Auf sog. „hidden tracks“ sind noch zwei Songs in englischer Sprache zu hören: „The Salley Gardens“ nach einem Gedicht von William Butler Yeats sowie ein Arrangement des traditionellen schottischen Volkslieds „O Waly, Waly“. Bei beiden handelt es sich um melancholische Liebeslieder, die das Album emotional abschwellend ausklingen lassen.

Hinweis: In der digitalen Ausgabe des Albums sind noch weitere Bonus Tracks zu finden: „The Last Rose of Summer“ und „O can ye sew cushions“, allesamt begleitet am Klavier von Tristan Raës.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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