CD BENJAMIN APPL: Schubert-Lieder mit Orchester; BR-Klassik
In der Wohlklangsfalle

„Braucht es wirklich Orchesterversionen von Schubert-Klavierliedern?“ stellt Appl die rhetorische Frage zu Beginn seiner Booklet-Erläuterungen zu diesem Album. Nach mehrmaligem Anhören habe ich mich dazu entschieden, diese Frage für mich mit „Eher Nein“ zu beantworten.
19 Lieder in Orchester-Bearbeitungen verschiedener Komponisten und Arrangeure plus vier Ersteinspielungen von Schuberts „Deutsche Tänze“, orchestriert von Johann von Herbeck, machen die Probe aufs Exempel. Denn die Liste der beteiligten Musiker liest sich mehr als eindrucksvoll: Da hören wir fünf Anton von Webern Bearbeitungen (Romanze aus „Rosamunde“, „Du bist die Ruh“, „Tränenregen“ aus Die schöne Müllerin, „Ihr Bild“ aus Schwanengesang, „Der Wegweiser“ aus Winterreise) die 1903 im Rahmen eines musikwissenschaftlichen Seminars entstanden sind. Als quantitativ größter Beitrag finden sich sieben Arrangements von Max Reger („Gruppe aus dem Tartarus“, „Im Abendrot“, „An die Musik“, „Nacht und Träume“, „Prometheus“, „Litanei auf das Fest Allerseelen“ und „Erlkönig“). Die vom Spätromantiker Reger mit beachtlicher Klangfülle überzeugend als dramatische Szenen gedeuteten Lieder sind die aufregendsten des Programms. Von den gelungensten dieses anderen Schubert-Erlebnisses mögen „Prometheus“ und „Erlkönig“ hervorgehoben sein.
Weitere Bearbeitungen stammen von Johannes Brahms („Geheimes“), der damit zur Popularisierung der Gattung Klavierlied beitragen wollte, von Benjamin Britten (klarinettenhüpfend „Die Forelle“) und Jacques Offenbach („Ständchen“). Da das Programm als repräsentativer Querschnitt der Bearbeitungen von Schubert-Liedern des 19., 20. und 21. Jahrhunderts konzipiert ist, wurden auch instrumentierte Nummern des Dirigenten Felix Mottl („Der Tod und das Mädchen“), des deutschen Harfenisten und Komponisten Kurt Gillmann („Ganymed“) oder des Liedbegleiters und Professors an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig Alexander Schmalcz („“Abendstern“, „An Sylvia“) in die Anthologie aufgenommen. Aber Hand aufs Herz: Vom Hocker reißen mich die Mehrzahl an streicherverliebten Adaptionen nicht. Welch ein Unterschied an Originalität und Urwüchsigkeit, hört man im Vergleich die Schubert Bearbeitungen („Die schöne Müllerin“) der Musicbanda Franui, einem österreichischen Musikensemble aus dem Osttiroler Dorf Innervillgraten. Wenn schon, denn wenigstens zart-zünftig.
Dirigent Oscar Jockel setzt mit dem klangschön aufspielenden Münchner Rundfunkorchester auf einen seidenweichen Streichersound, weiß aber im Kontrast dazu die Instrumentierungsfinessen etwa von Reger und Webern delikat zu präsentieren. Allerdings bleiben bei den breit gewählten Tempi und der dynamischen Vorsicht vor allem bei den elegischeren Liedern Spannung und inneres Beben, ja die fiebrige Unruhe auf der Strecke. Benjamin Appl, der eine der schönsten lyrischen Baritonstimmen der Jetztzeit sein Eigen nennt, über ein Traumlegato verfügt und eine beispielhafte Textdeutlichkeit an den Tag legt, hat mit seinem zuletzt erschienenen Solo-Album „Forbidden Fruit“ die Vielseitigkeit seiner Gestaltungsmöglichkeiten und die stilistische Bandbreite seines Könnens eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Im Fahrwasser der emotional und dramaturgisch (außer Reger) in der Mehrzahl alles andere als überzeugenden Orchesterfassungen bleibt er hier doch Relevantes an Expressivität und aufrüttelnder Wahrhaftigkeit schuldig.
Dr. Ingobert Waltenberger

