CD BELLA FURIA: SHIRA PATCHORNIK singt Arien von Piccini, J. Haydn, Mozart, Salieri und Paisiello; Solo Musica
A Diva is born: Grandioses Soloalbum Debüt!

Unter dem schrullig kitzelnden Titel „Schöne Furie“ sind auf dem vorliegenden Album Arienraritäten aus den Genres Opera buffa und Dramma giocoso des 18. Jahrhunderts mit der jungen lyrischen Sopranistin Shira Patchornik zu hören. Wutentbrannt dramatisch auffahrend bis spitz einer Lebenssituation überdrüssig, dienen diese herzerfrischenden Arien als emotionales Sprungbrett für Frauen am Wendepunkt, jemanden einen Tritt in den Allerwertesten zu verpassen, ja vielleicht auch, um etwas Neues zu versuchen.
Dabei sind unter Furien selbstredend nicht nur monströs-augenrollende Tobsüchtige gemeint. Denn Vergeltung kann als Akt der Selbstbehauptung auf sehr unterschiedliche, auch subtile Art und Weise erfolgen. Sie kann sich, wie von den Albummachern programmatisch angemerkt, „mit Ironie, Verletzlichkeit, Stolz und Liebe mischen.“
Die aus Israel stammende, in Leipzig ausgebildete Koloratursopranistin Shira Patchornik, die nebenbei auch noch Opernlibretti schreibt, stellt insgesamt sieben Arien vor, von denen drei aus der Feder von Niccolò Piccini stammen. Mehrheitlich hat sie sie gemeinsam mit dem Organisten und Pianisten Filip Hruby in Bibliotheken und Archiven ausgeforscht.
Neben bekannteren Nummern wie Lisettas Arie ‚Non s’innalza‘ aus Joseph Haydns Oper „La vera costanza“ und dem alternativen Rondo der Susanna aus dem vierten Akt ‚Al desio di chi t’adora‘ aus Mozarts „Le nozze di Figaro“ gibt es Seltenes zu entdecken. So wird das Herz der Melomanen besonders hoch bei der Arie der Contessa ‚Or ei con Ernestina. Ah, sia già‘ aus Antonio Salieris komischer Oper „La scoula de‘ gelosi‘ oder der verzierungsverwegenen Arie der Serpina ‚Stizzoso, mio Stizzoso‘ aus Giovanni Paisiellos „La serva padrona“ (nicht zu verwechseln mit der Vertonung des gleichen Sujets von Pergolesi) schlagen.
Spannend wird es bei den Kostproben aus dem reichen, noch lange nicht vollends ergründeten Schaffen des vor allem in Neapel erfolgreichen Niccolò Piccini. Der aus Bari/Apulien stammende Musiker soll an die hundert italienische Opern geschrieben haben. Letztlich konnte auch dieser Fleiß nicht verhindern, dass der Unglückliche im Gefängnis einsaß und verarmt in Paris starb. Shira Patchornik singt auf dem quellfrisch und ausdrucksstark gesungenen Album die Arie der Marcheza ‚Furie di donna irrata‘ aus der Oper „La buona figluola“. Zuvor hören wir noch Liviettas Arie ‚Ah ceffaccio d’assassino‘ und Piccinis Version der Arie der Contessa ‚Dove sono i bei momenti‘.
Sehen sie sich dazu das köstliche Video in der Regie der Sängerin (Film und Schnitt Andreas Fleck), auf Schloss Kyburg aufgenommen, mit Piccinis koloraturtoller Arie ‚Furie di donna irrata‘ an. Link: https://www.youtube.com/watch?v=2CEkRj-QgCQ
Da geht es um eine Böses ahnende Schlossherrin, die in ihrer Burg hinter ihrem Ritter her ist. Rote Rosen, allerdings nicht für sie bestimmt, weisen den Weg zur verschlossenen Schlafzimmertür. Was sich dahinter abspielt, erlauscht die Betrogene mit Entsetzen und wachsendem Zorn. Nachdem sie sich im Wald der güldenen Liebesgaben entledigt hat, schickt sie sich an, genüsslich die roten Rosen zu zerrupfen. Der Typ dürfte damit abgehakt sein, obwohl, so ganz genau weiß man ja nie.
Shira Patchornik hat die seltene Gabe, mit ihrem instrumental geführten, intonationsklaren Sopran mit rein stimmlichen Mitteln pralle Opernporträts zu gestalten. Der attraktiv timbrierte Sopran hat Biss, stupende Agilität und kann selbst die verrücktesten Verzierungen noch mit dramaturgischer Wahrheit servieren. Die vollkommene Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit, mit der sie Text, Ausdruck und Musik verbindet, sind weitere Atouts des bezaubernden Albums. Das Schweizer Instrumentalensemble CHAARTS Chamber Artists unter der musikalischen Leitung des Geigers David Castro-Balbi steuert dazu das jeweils passgenaue affektgeladene bzw. schräghumorige Tonfundament bei.
Nach dem Vokalprogramm stellen die CHAARTS noch schwungvoll aufspielend Mozarts Divertimento in D-Dur für Oboe, zwei Hörner und Streicher, KV 251, das sogenannte „Nannerl Septett“ mit augenzwinkernder Galanterie vor. Das Divertimento vom Juli 1776 schrieb Mozart wahrscheinlich zum 25. Namenstag seiner Schwester Maria Anna, vulgo „Nannerl“. Die abschließende ‚Marcia alla francese‘ mit Trillern und punktierten Rhythmen trägt dem Umstand Rechnung, dass solche Serenaden in Freien aufgeführt wurden und die kleine Kapelle zu Marschklängen wieder abzog. Ob Mozart bei diesem höchst charmant ausgelassenen Werk schon kommende Faschingsbälle im Auge hatte? Auf jeden Fall regt die Musik in der vorliegenden kessen Interpretation zu übermütiger Laune an. Seien Sie sicher: Die Mozarts schauen uns beim Kichern von welcher Wolke auch immer wohlwollend zu.
Anmerkungen für das Label: Booklet-Schlampigkeiten
1) Bei den Arien ist nicht angegeben, aus welchen Opern genau sie stammen. Das betrifft vor allem zwei Piccini Arien (Track 1 und 3), bei denen auch der Text keinen Aufschluss darüber gibt.
2) Man konnte sich offenbar nicht entscheiden, wie Piccini geschrieben wird. Auf Seite 3 mit einem n, im Text und auf der letzten Seite des Booklets mit zwei nn. Da wird Track 7 sogar Puccini zugeschrieben. Das sollte den Booklettextern des Labels nicht passieren!
Dr. Ingobert Waltenberger

