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CD BEETHOVEN, REICHA Klavierkonzerte – JAN BARTOS mit den WIENER SYMPHONIKERN und dem PRAGER RADIO-SINFONIEORCHESTER unter PETR POPELKA; Supraphon

13.11.2025 | cd

CD BEETHOVEN, REICHA Klavierkonzerte – JAN BARTOS mit den WIENER SYMPHONIKERN und dem PRAGER RADIO-SINFONIEORCHESTER unter PETR POPELKA; Supraphon

„Verbündet wie Orestes und Pylades“, Reicha über sein Verhältnis zu Beethoven in der Bonner Zeit.

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Ob Antonius Josephus Rejcha, Anton Reicha oder Antoine-Joseph Reicha, der bedeutende Komponist der Wiener Klassik und vielleicht noch bedeutendere Theoretiker und Pädagoge, und Beethoven – beide 1770 geboren – wuchsen in Bonn unter ähnlichen schulischen, musikalischen und interessengetriebenen Gegebenheiten auf. So was wie beste Kumpel waren die beiden in ihrer Adoleszenz, später überwand die freundschaftliche Gewogenheit manch räumliche Entfernung oder theoretischen Disput.

Aber wie kam der aus Prag stammende Anton Reicha überhaupt nach Bonn? Nach dem frühen Tod von dessen Vater kümmerte sich der in Schwaben lebende Onkel Josef Reicha um den aufgeweckten Buben, ließ dem Begabten Flöten, – Geigen und Klavierunterricht zuteilwerden. Kenntnisse der deutschen und französischen Sprache ermöglichten Anton erst, Josef und seiner französischen Frau sei Dank, die spätere internationale Karriere. Mit fünfzehn Jahren kam der junge böhmische Musiker mit Onkel Josef nach Bonn, Sitz der Residenz des Kurfürsten und österreichischen Erzherzogs Maximilian Franz. Josef wirkte als Direktor und Konzertmeister der kurfürstlichen Hofkapelle und des Orchesters des kurfürstlichen Hoftheaters, Anton durfte sich als zweiter Flötist und Geiger beweisen.

Und da kommt Beethoven ins Spiel, denn Ludwig spielte in der Hofgkapelle Cembalo und Bratsche. Beide lernten bei Christian Gottlob Neefe, beide interessierten sich außer für die Musik auch noch für Disziplinen Physik, Mathematik, Logik, Ethik und Philosophie (Kant). Beethoven und Reicha lernten 1790 in Bonn Joseph Haydn auf der Durchreise von London nach Wien kennen. Beethoven folgte Haydn schon 1792 nach Wien. Nach der Auflösung des Bonner Hoforchesters 1794 aufgrund der französischen Rheinland-Besetzung im „Ersten Koalitionskrieg“ verließ auch Reicha Bonn und versuchte sich als zuerst Musiklehrer in Hamburg. 1802 bis 1808 überlappten sich beide Lebensläufe wieder in Wien.

In dieser Zeit entstanden auch die beiden auf dem vorliegenden Album vorgestellten Klavierkonzerte in Es-Dur. Da aber der Spruch „the winner takes it all“ nicht nur sportlich, ökonomisch, vermögenszogen und oftmals an den Börsen, sondern ganz besonders in der musikhistorischen Rezeption gilt oder besser gesagt galt, gehört Beethovens Fünftes Klavierkonzert, Op. 73, „Kaiserkonzert“ aus dem Jahr 1809 als Geniestreich zum Standardrepertoire seines Genres, während Reichas einziges Klavierkonzert (1804), „nun 222 Jahre nach seiner Entstehung erstmals in seiner ursprünglichen und vollständigen Fassung veröffentlicht wird.“ (Jan Bartoš). Denn erst 2018 wurden die letzten drei fehlenden Seiten (44 Takte des Klavierparts) der Partitur in der Pariser Bibliothèque Nationale aufgefunden und 2020 in Lyon vom Verlag Symétrie herausgegeben.

Erfreulich ist, dass ab 2011 auch Reichas frühe theoretische Schriften in frz. Sprache editiert werden. Zur Zeit ihrer Entstehung wurden sie auch ins Deutsche und Italienische übertragen. Als Pädagoge in Paris muss Reiche eine prägende Erscheinung gewesen sein, gehörten doch u.a. Onslow, Berlioz, Gounod, Farrenc, A. Adam, Flotow und Franck zu seinen Schülern. Franz Liszt nahm bei ihm Privatstunden.

Reicha komponierte Klaviermusik (u.a. Variationen), Kammermusik (alleine 25 Quintette für Blasinstrumente), Orchesterwerke, Ouvertüren, Sinfonien, Opern (Natalie, Sapfo), das große musikalische Tableau für Chor, Orchester und Solisten „Lenore“ auf einen Text von Gottfried August Bürger und ein Te Deum. Eifrig im Umgang mit seinen Verlegern war Reicha nicht. Das frustrierende Beispiel des von Beethovens Bruder Karl vermittelten deutschen Verlagshauses Breitkopf & Härtel, das den 1803 unterschriebenen Vertrag an die Bedingung einer bestimmten Verkaufsquote band und ihn mangels Erfüllung schon 1805 kündigte, dürfte dabei eine gewisse Rolle gespielt haben. Überhaupt wurde Reicha mit der Wiener Mentalität und dem von ihm in Briefen angeprangerten musikalischen Banausentum nicht warm und kehrte angesichts der Napoleonischen Truppen 1808 wieder nach Paris zurück. Er konnte sich dort kompositorisch ausleben und sich die Position eines stark nachgefragten Professors für Harmonielehre und Kontrapunkt am Pariser Konservatorium erkämpfen.

Als musikalischer und musiktheoretischer Neuerer ist Reicha unbestritten. So verfasste Reicha ein Fugenkonzept „mit größerer Freiheit bei der Wahl der Motive, Themen und Figuren, in ihrer Reihenfolge und Abfolgen, in der Harmonie und Modulation.“, (Reicha im Vorwort zu den in Paris veröffentlichten Fugen), das Beethoven ablehnte. Reicha nutzte die Errungenschaften des modernen Instrumentenbaus und favorisierte stärker besetzte Streichergruppen und den Einsatz von Blasinstrumenten, weil die Balance mit den voluminöser klingenden Tasteninstrumenten nun nicht mehr gefährdet schien.

Der auf dieser Aufnahme als Solist brillierende tschechische Pianist Jan Bartoš, Schüler von Ivan Moravec und Alfred Brendel, beschreibt Reichas Klavierkonzert kurz so: „Im 1. Satz findet man seine typischen Innovationen, z.B. calando – plötzliche Verlangsamung mitten in einer Phrase oder eine um einen ganzen Takt verlängerte Pause. Der 2. Satz stellt eine Verschmelzung von Alt und Neu dar – barocke Inspirationen treffen auf aufkeimende Romantik. Der 3. Satz hingegen ist voll von humorvollen, klassizistischen Inventionen.“ 

Mich begeistert die menschlich gebliebenen Dimensionen des Konzerts, der elegant ziselierte Klavierpart. Wir hören keine Heroen brüllen und kein Militär marschieren, vielmehr können wir in galant bewegte Musikfelder eintauchen, witzig, spritzig im ersten Satz wie veritabel „rossinisch“ (der war zum Zeitpunkt der Komposition 12 Jahre alt war), sternenfunkelnd abgemischt mit Mozartischer Spielfreude. Und doch mit dem spezifischen „Reicha-Flair“ des unentwegten Experimentierens und Auslotens der Grenzen und deren tastende Überschreitung. Jegliche böhmische Romantik bleibt da aber noch ganz außen vor.

Das Prager Radio-Sinfonieorchester und der anschlagsvirtuose wie expressiv redselige Bartoš servieren diesen bekömmlichen Leckerbissen von einem Klavierkonzert, wo das Klavier sich mal mit der Flöte sich in intimem Geplauder ergeht, in schwebender Leichtigkeit und einer Rasanz, dass einem schwindlig werden könnte. Im Adagio überraschen verträumte, nachdenklich musikalische Durchführungen, in schroffe Orchestergegenrede gesetzt. Dieses sanfte Geplänkel edler Seelen mündet in das finale Rondeau, gespickt mit Überraschungen und unerwarteten Volten, wie ein Feuerwerk, das gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen kommend das Publikum überwältigt. Reichas Klavierkonzert ist ohne Übertreibung ein Meisterstück der Wiener Klassik, von den Ausführenden appetitanregend angerichtet.

Bei Reichas Konzert handelt es sich um eine Studioproduktion in Kooperation mit dem tschechischen Rundfunk aus der Smetana Hall mit dem Prager Radio-Sinfonieorchester. Kurzer Probenausschnitt, Link: https://www.youtube.com/shorts/WbGFiibnAAU

Das Fünfte Klavierkonzert von Beethoven wurde live am 27.5.2025 während des Internationalen Musikfestivals „Prager Frühling“ unter Mitwirkung der Wiener Symphoniker mitgeschnitten. Über das Konzert muss nichts extemporiert werden, alle kennen es. Was im Vergleich zu Reichas Konzert sofort auffällt, ist die dichtere Klangstruktur und der massivere Orchesterpart. Den Wiener Symphonikern in Bestform tut die Zusammenarbeit mit ihrem neuen Chef Petr Popelka, eigentlich gelernter Kontrabassist, offensichtlich mehr als gut. Beethovens Klavierkonzert mit dem zupackenden und auch trotz aller muskulösen Attitüde wunderbar eleganten Jan Bartoš ist live noch einmal eine intensivere Sache. Wie hier Orchester und Solist im Laufe des Konzerts bis zu dem rasenden Allegro ma non troppo spontan noch eins drauflegen, sich gegenseitig immer wieder befeuern und wirklich alle Lichter im Beethoven‘schen Himmel entzünden, ist ein Spektakel, das sich niemand entgehen lassen sollte. Ein Juwel der Schallplattengeschichte ohne Wenn und Aber. Die audiophile Klangqualität tut ein Übriges, um alle Serotonine und Phenethylamine, auch als Glückshormone bekannt, im Übermaß zu aktivieren.    

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

 

 

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