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CD BEETHOVEN MISSA SOLEMNIS – Jordi Savall dirigiert La Capella Nacional de Catalunya und Le Concerts des Nations; AliaVox

28.12.2023 | cd

CD BEETHOVEN MISSA SOLEMNIS – Jordi Savall dirigiert La Capella Nacional de Catalunya und Le Concerts des Nations; AliaVox

Projekt der Berufsbildungsakademie YOCPA – Beethoven 250 (2023)

scb

Die vorliegende Aufnahme, zwischen 11. und 16. Mai dieses Jahres im Collégiale (Stiftskirche) von Cardona entstanden, mit dem Chor La Capella Nacional de Catalunya und Savalls Orchester Le Concert des Nations, ist ein Projekt der von Savall gegründeten Young Orchestra and Choir Professional Academy (YOCPA). Die Ensembles wurden zu Ausbildungszwecken gemischt mit Berufsmusikern und jüngeren Kollegen besetzt, wobei letztere bereits an Akademien teilgenommen haben mussten oder zum Vorspielen des laufenden Jahres ausgewählt worden waren. So wirkten an den Proben, Aufnahmen und den anschließenden Konzerten der „Missa Solemnis“ in Barcelona, Dresden und Paris 89 Musiker aus 18 Ländern mit, 32 Vollprofis mit langjähriger Berufspraxis und 57 Erfahrung sammelnde Musiker unter 39 Jahren.

Im Vergleich zu doppelt so groß besetzten Wiedergaben klingen das ‚Gloria in excelsis Deo‘ oder die Credo-Fuge ‚Et vitam venturi saeculi‘ schlanker, aber auch kerniger. Der unglaubliche Drive der Friedensbitten im zweiten Teil des ‚Agnus dei‘ funkelt vor innerer Anteilnahme. Überhaupt sind die chorischen Leistungen sensationell mit den glockenhellen Sopranen ohne jegliche Höhenschwierigkeiten, der stupenden Klarheit der Diktion und Artikulation, der rhythmischen Präzision und der goldenen Ausgewogenheit der Stimmgruppen insgesamt. Die Fugen laufen wie am Schnürl, ‚Et vitam venturi saeculi, Amen!‘ dazu in einem unerhört feurigen Tempo, nachdem im ‚Gloria‘ hymnisches Gotteslob Trumpf ist.

Das Solistenquartett ist mit Lina Johnson (Sopran), Olivia Vermeulen (Mezzosopran), Martin Platz (Tenor) und Manuel Walser (Bariton) exzellent besetzt. Allesamt frischstimmig, trübt kein großer Opernton die kammermusikalisch durchhörbaren Ensembles, etwa den Beginn des ‚Et incarnatus est‘.  

Jordi Savall bevorzugt einen fluiden, in heller Feierlichkeit gehaltenen Grundtonus. Die Kontraste bewegen sich in einer nobel ausbalancierten Bandbreite, ohne auf akkurate Zeichengebung und plastische Drastik in der Klangrede zu verzichten (‚Crucifixus‘). Das in das ‚Agnus Dei‘ hereinbrechende Kriegsgetöse von Trompeten und Pauken findet seine Spiegelung in einem flehentlichen ‚Miserere‘. Das ‚Credo‘ erfreut als spiritueller Höhepunkt und nicht als Wettbewerb der lautesten Stimmen.  

Die Existenz in aller Komplexität, die wechselnde Bewegtheit, der Standort jedes Menschen irgendwo zwischen Himmel und Hölle finden in der „Missa solemnis“ ihre musikalischen Äquivalente, universell über alle unterschiedlichen Entwürfe und Landesgrenzen hinweg, zeitlos gültig und unmittelbar verständlich. Ewige Lebensapotheose, Überwindung des Todes und der Furcht in kräftigsten Orchester- und Vokalfarben. Jordi Savall: „Er (Beethoven) beschwört die mörderische und zerstörerische Entgleisung seiner Welt und bringt dies im Rezitativ des ‚Agnus Dei‘ intensiv zum Ausdruck.“. Krieg und Frieden sind ja auch die großen Themen, die im Heute bewegen. Beethoven hat den Begriff „Frieden“ nicht nur politisch gedacht, sondern auch die seelische Gelassenheit im Auge. Das ‚Dona nobis pacem‘ wirkt in der Logik regelrecht als meditativer Sog, und mündet in einen lichten Jubel, in ein Obsiegen von Glauben und Hoffnung über Destruktion und Verzagen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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