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CD BEETHOVEN & THE ITALIANS – Münchener Kammerorchester unter Enrico Onofri auf den Spuren musikalischer Befruchtung zwischen Wien, Paris und italienischen Opern Hotspots; harmonia mundi

18.09.2026 | cd

CD BEETHOVEN & THE ITALIANS – Münchener Kammerorchester unter Enrico Onofri auf den Spuren musikalischer Befruchtung zwischen Wien, Paris und italienischen Opern Hotspots; harmonia mundi

onofri

Aufwühlender als Proteinshakes oder aufputschende Energy Drinks ist Enrico Onofris neues Album als energetischer Muntermacher ohne Nebenwirkungen. Mit seinen kammermusikalisch forschen Interpretationen der Beethovenschen Symphonien Nr. 5 bis 7 samt einigen Opern-Ouvertüren italienischer Zeitgenossen stellt der aus Ravenna stammende Geiger und Dirigent mit dem raubeinig dramatisch aufspielenden Münchner Kammerorchester altbekannte Symphonien in einen neuen Kontext.

Wie wir wählen können zwischen Badetüchern mit oder ohne Weichspüler bzw. Trockner – die bretterharten fördern besser die Durchblutung und die Lebensgeister – ist die klangliche Eigenart der vorliegenden Aufnahmen geprägt von einer bläserbetonteren Balance zwischen Streichern, Holz und Blech. Obwohl auf zeitgenössischen Instrumenten musiziert, hat Onofri tief in die Trickkiste der historisch informierten Aufführungspraxis gegriffen. Also wird kurz phrasiert und fermatiert, beim Vibrato gegeizt, scharf artikuliert, das Gaspedal bei den Tempi manchmal bis zum Anschlag durchgedrückt, ungeduldig nach vorne gedrängt, betonte Noten eher gestoßen denn gestreichelt.

Das stellt klarerweise einen veritablen Kontrast zu den geliebten Aufnahmen unserer Götter alter Tage wie Furtwängler, Klemperer, Karajan oder Böhm mit klangvoll und sinnlich vibrierenden Streichern dar. Und dennoch bringt diese wenig schlemmerische Klangerfahrung nicht nur kognitive Einsichten, sondern auch emotional Eigenwilliges aufs Tapet. Vielleicht in uns selbst Widerstreitendes und Reizbares, denn über jegliche Interpretation ließe sich im Detail trefflich diskutieren.

Spannend ist, wie sehr die extrem unsteten Lebenswelten der Komponisten des beginnenden 19. Jahrhunderts ihr Schaffen prägten. Der revolutionären Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit napoleonischer Herkunft zugetane Beethoven wurde in seiner Begeisterung ordentlich zurechtgestutzt, als sich Napoleon 1804 selbst zum Kaiser krönte. Aber nicht nur das Politische des postrevolutionären Frankreichs zählte. Sondern die Tatsache, wie sehr damals schrecklich beschwerliche Reisen, damit verbundene Erfahrungen, die Vorlieben der Impresarios und Höfe das musikalische Wissen und Schöpfen prägten. Oper und Symphonie, die Poesie der Natur und tapsig Heroisches köchelten bisweilen knapp nebeneinander in kreativ dampfenden Töpfen.

Die Wahrnehmung und die Assimilierung äußerer Reize öffneten sich weit. Da werden lautmalerisch der Gesang von Pirolen (lt Czerny der Anfang von Beethovens „Fünfter“) oder der „Ranz des vaches“, ein Gesang der Schweizer Hirten zitiert, in Streichquartetten Motive und Themen für künftige Symphonien erprobt. Der seit seiner 1802 in Wien erstmals zu hörenden „Medée“ verehrte Cherubini und Beethoven wiederum versicherten sich gegenseitig ihres Respekts und künstlerischer Hochachtung. Und lieferten der eine dem anderen Futter der Inspiration, befeuerten sich in Pathos und heldischer Pose, wie aus der Gegenüberstellung der „Fünften“ in c-Moll, op. 67, der „Médée“ Ouvertüre von Luigi Cherubini und erweitert um die eher von Berlioz bestaunte Empire „Olimpie“ Ouvertüre von Gaspare Spontini unschwer herausgehört werden kann. Für das Berliner Publikum sind hier besonders eventuelle Parallelen zu der 1810 in Wien vorgestellten „La Vestale“ relevant (gehört jedoch nicht zu den auf der Box publizierten Aufnahmen), weil diese tragédie lyrique am 26.9. an der Staatsoper Unter den Linden eine Premiere erleben wird.

Natürlich fußt die Gegenüberstellung von Beethovens „Pastorale“ in F-Dur, Op. 68 und Gioachino Rossinis Ouvertüre zu „Guillaume Tell“ auf von beiden Genies anverwandelten Naturmotiven. Von der Beschwörung eines von Onofri grell kolorierten Landlebens mit Dudelsack und krachendem Tanzboden bis zur klangfrischen Idylle der Schweizer Alpen mit Sonnenaufgang, Gewitter, Kuhreigen und Galopp ist es nicht sonderlich weit. Außerdem enthält die Box zu Dokumentationszwecken die Weltersteinspielung des 38 Sekunden kurzen alternativen Schlusses des zweiten Satzes.

Auf CD 3 lässt sich die Einordnung eines Vergleichs von Beethovens „Siebter“ in A-Dur, op. 92 mit Cherubinis „Symphonie in D-Dur“ nicht mehr so einfach nachvollziehen.

Ich empfinde die Box trotz der klangasketischen Grundhaltung insgesamt als vielfach anregende Hörschule, nicht zuletzt dank der offerierten Querverweise von Oper und Symphonik. Die bildhafte Rhetorik in der musikalischen Umsetzung und der dramaturgisch bissige Impetus der Interpretationen kalibrieren Hörerfahrungen neu. Auch wenn die Beschäftigung mit Onofris und des Münchner Kammerorchesters besonderer Lesart nur der Versicherung eigener historischer Hörerfahrungen dienen sollte, hätte die Box dadurch schon einen immensen Wert. Dass es offenen Ohrs bei den meisten nicht dabei bleiben wird, davon bin ich überzeugt.

Kostprobe, provided to YouTube by PIAS: Symphony No. 5 in c-Moll, Op. 67: I. Allegro con brio ·Enrico Onofri · Munich Chamber Orchestra

https://www.youtube.com/watch?v=cPh4u2zlQaE&list=RDcPh4u2zlQaE&start_radio=1

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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