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CD BEETHOVEN: 6. Symphonie; KNECHT: Tongemälde der Natur oder Große Symphonie, AKADEMIE FÜR ALTE MUSIK BERLIN; harmonia mundi

27.02.2020 | cd

CD BEETHOVEN: 6. Symphonie; KNECHT: Tongemälde der Natur oder Große Symphonie, AKADEMIE FÜR ALTE MUSIK BERLIN; harmonia mundi

Die Idee begeistert mich: Das Label harmonia mundi hat sich zum Beethoven-Jahr was besonderes einfallen lassen, nämlich das Projekt „Beethoven lebt!“ In diesem Sinne werden u.a. alle neun Symphonien in Koppelung mit anderen Instrumentalwerken in etwa aus der Zeit der Entstehung erarbeitet. Und das auf historischen Instrumenten und manchmal – wie auf der vorliegenden Aufnahme – ohne Dirigenten, dafür mit dem Konzertmeister und primus inter pares Bernhard Forck, der die Fäden zusammenhält.

So hat die Akademie für Alte Musik Berlin das „Portrait musical de la nature“ des Justin Heinrich Knecht mit der  23 Jahre später entstandenen „Pastorale“ gemeinsam aufgenommen. Bald werden weitere solcher Zwillings-Einspielungen folgen, wie etwa mit dem Orchestre Les Siècles, das die Symphonie à 17 parties von François-Joseph Gossec mit der fast zeitgleich entstandenen „Fünften“ Beethovens kombiniert. Pablo Heras-Casado wiederum interessiert sich für die Geschichte der „Neunten“, indem er zur Quelle, nämlich der „Chorfantasie“ zurückgeht.

Wer ist dieser Justin Heinrich Knecht? Wir wissen, dass er 1752 in der Freien Reichstadt Biberach geboren ist und überwiegend dort auch gewirkt hat. Zwischendurch war er zwei Jahre Musikdirektor am Stuttgarter Hof. Sein umfassendes, nur partiell erhaltenes Schaffen umfasst Opern, Singspiele, geistliche Werke, zudem Instrumentalwerke wie die nun eingespielte fünfsätzige Pastoralsymphonie mit konkreten Programmangaben, als wäre es bereits Berlioz, der hier am Werk ist.

In dieser musikalischen Naturbetrachtung finden wir uns erst einmal in einer schönen Gegend, in der die Sonne scheint, die zarten Zephirwinde wehen, die Bächlein das Tal durcheilen, die Vögel zwitschern, ein Gebirgsbach herabplätschert, der Hirte flötet, die Schafe hüpfen und die Schäferin singt. Dann – wie kann es anders sein – verdunkeln sich die Wolken, die Winde heulen, der Donner grollt, das Gewitter setzt an, begleitet von sausenden Winden und mächtigen Regengüssen, die Wipfel der Bäume rauschen und der Bergstrom wälzt seine Wasser mit entsetzlichem Lärm. Dann beruhigte sich wieder alles und die Natur ist erfüllt von Freude, dem Schöpfer sei Dank. Die Natur erhebt ihre Stimme gen Himmel. Amen.

Beethoven seinerseits geht die Beschreibung seiner „Pastorale“ als „sinfonia caracteristica“ knapper an, wie wir wissen. Da ist die Rede von Gewitter, Sturm, Erwachen heiterer Empfindungen, Lustigem Zusammensein und Hirtengesang, also etwas distanter als Knecht in Programm und Nachahmungsästhetik. Dennoch sieht Pater Gülke, dass Beethoven in mindestens dreierlei Hinsicht an Knecht anknüpfen konnte: „In der naturhaften Dreiklängigkeit der Themen, der gleichfalls naturhaften Vertiefung in einem einmal gefundenen Grundklang und in Musik, der das Programm abfordert, sich Zeit zu lassen.“

Die Interpretation durch die Akademie für Alte Musik Berlin bringt erwartbar jene Qualitäten, die von einem Top-Ensemble auf historischen Instrumenten zu erwarten sind. Die Naturanklänge werden dank instrumentaler Anschaulichkeit und Lust zur plakativen bis gleichnishaften Imitation in beiden Werken sehr gut herausgearbeitet. Allerdings fehlen mir bei den Streichern in Beethovens Pastorale dieses weich Verträumte, das sanft Schwingende bis abphrasierend Verlöschende, was auf den besten Aufnahmen mit modernen Instrumenten doch noch eine weitere Dimension hinzuzfügen vermag.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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