CD BEDRICH SMETANA: DIE ZWEI WITWEN (Dvě vdovy), Komische Oper in zwei Akten in der revidierten Fassung von 1877 – mitreißende Studioaufnahme 2023 mit dem Prager Radio Sinfonieorchester unter Robert Jindra; Naxos

„Die verkaufte Braut“ ist Smetanas erfolgreichste komische Oper. Die Ingredienzien? Eine volkstümliche Handlung mit originellen, populären Charakteren und Smetanas folkloristisch geprägte, temporeiche, saftige böhmische Melodik mit der gewissen Träne. Alldem begegnet der geneigte Hörer auch in „Die zwei Witwen“ wieder, nur gekonnter und psychologisch zarter ausgeleuchtet. Die Handlung auf ein Libretto von Emanuel František Züngel basiert auf dem Einakter „Les deux veuves“ des französischen Dichters Félicien Mallefille.
Sie dreht sich um ein scheinbares Liebesdreieck mit den jungen Witwen Karolina, Anežka sowie dem Gentleman-Bauer Ladislav. Wie wird die von Karolina angezettelte Intrige, mit der Karolina ihre schwermütige Verwandte Anežka aus ihrer bleiernen Trauer lösen will, ausgehen? Die lustige, in die Zukunft blickende Schlossbesitzerin Karolina hat dafür den Anežka schon seit jeher verehrenden Ladislav im Auge. Um ihr Ziel zu erreichen, scheut sie nicht davor zurück, Anežka mit allerlei Eifersucht auslösenden Manövern für Ladislav zu animieren. Das wiederum deckt sich mit den romantisch-erotischen Neigungen des guten Mannes. Der ‚zufällig‘ in den Wäldern der Karolina wildernde Gutsbesitzer liebt die zögerliche Anežka standhaft. Und weil passenderweise Erntedankfest ist, verloben sich beide. Das Buffopaar Lidunka und Toník hat es amourös einfacher. Die Turteltäubchen lassen sich vom grantelnden, allzu große Freiheiten anprangernden Wildhüter Mumlai nicht beeindrucken. Sie feiern ihre überschwängliche, durch neckende Reibereien gewürzte Liebe – in Bezug auf das Hauptpaar vielleicht ein wenig parodistisch – aber offen ohne Scheu und Furcht. Tja, “gegen zwei Witwen sei man verloren, und der Liebe entrinnen zu wollen, bleibe eitle Mühe.“
Smetana hat „Die zwei Witwen“ nach „Dalibor“ und „Libuše“ komponiert. Wir haben es mit einer musikalisch absolut meisterlichen, schwungvollen und atmosphärisch wie emotional raffiniert abwechslungsreichen Oper zu tun. Was die Bühnentauglichkeit anlangt, gäbe es keinen offenkundigen Grund, der situationskomischen Liebesfarce mit Tiefgang keine Chance einzuräumen.
Die Musik mischt im Fahrwasser Wagners Böhmens Flur und Hain-Romantik mit feinem Konversationston, einem unvergleichlichen, sofort erkennbaren Melos in den Arien und zündenden Chornummern. Nicht ohne Grund soll Richard Strauss die „Zwei Witwen“ als eine der besten Opern des 19. Jahrhunderts bezeichnet haben und er wird ihr wohl manche Anregung zu verdanken haben.
Tatsächlich heben sich die „Zwei Witwen“ von der französischen Opéra comique und anderen Komödien der Zeit mittels durchkomponierten Rezitative, einem symphonischen Orchestersatz (großartige Beispiele bilden Ouvertüre und das Vorspiel zum zweiten Akt) und dem Fehlen offen ironischer Elemente ab. Vielmehr gibt es gefühlvolle Arien wie die schöne Eingangsarie des Ladislav oder die große Szene der Agnes, beides zweiter Akt, oder kunstvolle Ensembles, die es in ihrer Liebeswirrung durchaus mozartisch angehen und einer gewissen melodramatischen Opulenz nicht entbehren.
Die musikalische Umsetzung mit den wohlklingenden, vollmundigen und den Text musikalisch intensiv durchdringenden Stimmen von Adriana Kučerová (Karolina), der dramatischeren Kateřina Kněžíková (Anežka), Jana Sibera (Lidunka), Pavol Breslik (Ladislav), Petr Nekoranec (Toník), Adam Plachetka (Mumlal), dem Chor des Nationaltheaters Prag, dem Prager Radiosinfonieorchester lässt keinen Wunsch offen. Zumal der auch als Sänger ausgebildete Robert Jindra, Chefdirigent der Staatsphilharmonie Košice und seit 2022 Musikdirektor des Nationaltheaters in Prag, jenes passgenau gefühlvolle, die Musik in ihrer federnden Elastizität wie harmonischen Pracht auffächernde Verständnis, zudem das rhythmisch nötige, zupackende Händchen für Smetana mitbringt.
Die aufnahmetechnisch räumlich weite, bei aller Wärme brillante, die Stimmen völlig natürlich abbildende, gut ausbalancierte Aufnahme ist hochwillkommen. Zudem ist die historische Einspielung unter Jaroslav Krombholc längst vergriffen.
Dr. Ingobert Walternberger

