CD: BALDASSARE GALUPPI: L’UOMO FEMINA, Dramma giocoso, uraufgeführt in Venedig 1762; Château de Versailles Spectacles
Amüsanter Tausch der Geschlechterrollen – Politische und sexuelle Inversspiegel

Aufgenommen im Oktober 2025 an der Opéra Royal du Château de Versailles, versetzt uns Galuppis Satire “L’Uomo Femina“ nach einem Libretto von Pietro Chiari, einem Avantgardisten der Bewegung, das Männliche und Weibliche abseits des Biologischen neu zu definieren, auf eine unbekannte Insel im Mittelmeer. Patriarchat? Nix da. Seit jeher leben und herrschen dort Frauen. Die Männer ordnen sich unter und gehorchen servil. Sie schminken sich, tragen Perücken und kümmern sich um modischen Firlefanz, den einzig ihnen erlaubten Beschäftigungen. Die tyrannische Prinzessin Cretidea herrscht alleine, jagt, steht der Armee vor, betrachtet die Männer als Lustobjekte und vernascht Liebhaber nach Liebhaber.
Damit die Oper in Gang kommt, muss ein äußeres Ereignis her. Also strandet im Sturm ein Schiff und lässt zwei schiffbrüchige Männer, Roberto und sein Diener Giannino, zurück. Die beiden werden von Ministerin Cassandra und der Vertrauten Ramira gerettet. Währenddessen hängt der Haussegen bei Cretidea schief, als der eitle Liebling der Herrscherin, Gelsomino, über seine Erscheinung und die Schminkerei jammert.
Sie dürfen raten, was jetzt kommt? Cretidea findet Roberto schick, aber auch Cassandra. Beide sind aber bald der Realität eines Machos ausgesetzt, der findet, das weibliche Geschlecht hätte sich Männern unterzuordnen. Alles andere wäre gegen die Natur. Natürlich weigert sich Roberto, sich den Gepflogenheiten der Insel in Bezug auf die äußerliche Ausstaffierung zu beugen. Cretidea wütet um den Verlust ihrer Beute, und umso mehr, als Cassandra bereit ist, sich den Launen des schnuckeligen Jünglings zu unterwerfen. Also sollen beide sterben. Nur sind die Wächter dermaßen fasziniert von Robertos Ansichten, dass sie die beiden Gefangenen laufen lassen.
Jetzt beginnt der Reigen barocker Verwicklungen. Cassandra erfährt, dass sie die Schwester ihres Lovers Roberto ist. Giannino wiederum wird von eifersuchtshalber Gelsomino verkloppt. Blöd, wenn der Status des verwöhnten Bettgenossen verloren geht. Cretidea lässt folglich ihren Ex zum Tode verurteilen. Aber auch Giannino weigert sich, seine gewohnten männlichen Attribute Ramira zu opfern. Roberto will Cretidea nachgeben, unter der Bedingung, die etablierte soziale Ordnung umzudrehen und die Männer wieder in Macht zu setzen. Cretidea geht darauf ein, eine bestimmte Form männlicher Dominanz zu akzeptieren. Fortan teilen sich Mann und Frau den Thron. Schließlich braucht die Oper ein lieto fine. Ein Schelm, der nicht wüsste, was der Autor mit seiner Identitätsfarce meinte…
Sprung ins Jetzt: Wer heute auf Berlins Straßen Männer jeglichen Alters in Kleidchen, Perlenketten, geschminkt und mit Nagellack sieht, irrt, wenn er glaubt, es müsse sich unbedingt um Schwule handeln. So einfach ist das mit den Identitäten schon längst nicht mehr. Begriffe wie divers, binär, non-binär, agender, genderfluid oder bigender sprechen eine vieldeutige Sprache. Sollte man sich da auskennen? Nicht unbedingt, finde ich, solange eine/r weiß, mit wem man es mit sich selbst zu tun hat. Eines ist sicher: Das Thema der Oper – instabile Identitäten – hat sich eindeutig noch lange nicht erledigt.
Die als verschollen geglaubte Partitur wurde erst 2006 in der Bibliothek des Palais Ajuda in Lissabon aufgefunden. Uraufgeführt 1762 im kleinen venezianischen Teatro San Moisé, ist Baldassare Galuppis musikalische Sprache meilenweit weit entfernt von derjenigen Vivaldis.
Wie Dirigent Vincent Dumestre erläutert, engagierte sich Galuppi, ohne auf barocke venezianische Buffonerien und Orchesterfarben zu verzichten, vielmehr als Vorbereiter der Klassik und wurde damit zum Wegbereiter Haydns und Mozarts. Statt endlosen da capo Arien setzt Galuppi auf verschieden lange Arien von elaboriert bis kurz, vor allem in den zahlreichen spritzigen Ensembles ganz auf theatralische Buffa- und Diskurswirkung bedacht. Dabei spielen die Klangcharakteristika der einzelnen Instrumente eine bedeutsame Rolle.
Natürlich legte Galuppi all seine Ironie und effektvolle Komödienerfahrung in die höchst unterhaltsame Musik. Ein Riesenspaß ist es, in Anbetracht erotischer Attraktion Gewissheiten und gesellschaftliche Starre bröckeln zu sehen. Bewundernswert sind die graduell minutiös abgestuften Zwischentöne, die der Komponist seinen Figuren in ihren inneren Konflikten, die sie mit sich selbst auszutragen haben, angedeihen lässt.
Vincent Dumestre hält das Orchester von Le Poème Harmonique zu knackigem, lebensprallem Spiel an. Die Besetzung mit der eleganten französischen Mezzosopranistin Eva Zaïcik (Cretidea), der dunkelsamtig orgelnden Altistin Lucile Richardot (Ramira), der herrlich bernsteinfarben timbrierten Mezzosopranistin Victoire Bunel (Cassandra), dem Bassbariton Anas Séguin (Gelsomino), dem taufrischen französischen Bariton Victor Sicard (Roberto) und dem strahlenden Tenor François Rougier (Giannino) ist deklamatorisch schlicht und einfach umwerfend komisch und stimmlich vollmundig.
Ungewöhnlich, aber reizvoll an der Besetzung ist, dass alle Frauenrollen für Mezzosopran geschrieben sind. Zu entdecken ist eine Partitur, die die Vorzüge venezianischen Temperaments mit einer psychologisch tiefgründigen, absolut glaubwürdigen musikalischen Charakterisierung verbindet. In manchen Ensembles könnte man denken, Mozart zu erahnen. Alles in allem: Ein Hörvergnügen der Sonderklasse!
Dr. Ingobert Waltenberger

