CD: Bach – Kantaten mit Flöte. Andrzej Kosendiak · Giovanni Antonini · Wrocław Baroque Ensemble Alpha Classics. ALPHA1285
Tod ohne Schrecken – Bach Kantaten

Als Gründer des Wrocław Baroque Ensemble und langjähriger Förderer der historischen Aufführungspraxis in Polen hat Andrzej Kosendiak eine besondere Verbindung zu Giovanni Antonini. Der Flötist und Gründungsdirigent von Il Giardino Armonico war von 2013 bis 2024 künstlerischer Leiter des Festivals Wratislavia Cantans und kehrt nun als Solist zurück – in genau jenen Bach-Kantaten, in denen die Flöte eine herausragende, ja theologische Rolle spielt. Das Ergebnis ist eine Einladung, in Bachs geistliche Klangwelt einzutauchen, und zwar in jene Ecke, in der der Tod nicht als Schrecken, sondern als Übergang erscheint.
Im protestantischen Denken, das Bach hier so eindringlich vertont, ist der Tod kein Triumph des Bösen, sondern die freudige Rückkehr der Schöpfung zu ihrem Schöpfer. Die Flöte – ob Blockflöte oder Traversflöte – wird dabei nie bloßes Schmuckwerk. Sie ist, wie Piotr Maculewicz im Booklet schreibt, manchmal die „Stimme des Geistes“, der Atem des Gebets, Zeichen von Vergänglichkeit und zugleich von Unschuld und Frieden. Antonini spielt sie mit großer Sensibilität und klanglicher Noblesse. Sein Ton ist warm, biegsam und nie aufdringlich; er legt sich wie ein leiser Atem über die Ensembleklänge und gibt den Kantaten eine zusätzliche seelische Dimension.
Den Anfang macht der Actus Tragicus BWV 106, „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“. Die Sonatina eröffnet mit warmem, kammermusikalischem Klang aus Orgel und Einzelinstrumenten. Der folgende Chor steht sehr deutlich und direkt vor dem Hörer. Besonders gelungen sind die feinen Flötenklänge im Arioso des Tenors und die anrührende Alt-Arie „In deine Hände befehl ich meinen Geist“. Der Bass brilliert mit klarer Koloratur, und der abschließende Chor „Glorie, Lob, Ehr und Herrlichkeit“ entfaltet einen leisen, inneren Jubel. Auch in BWV 161 „Komm, du süße Todesstunde“ und in der Palmsonntags-Kantate BWV 182 „Himmelskönig, sei willkommen“ bleibt die Atmosphäre kontemplativ und ausgewogen. Die große Alt-Arie „Leget euch dem Heiland unter“ mit ihrer langen Flötenlinie gehört zu den Höhepunkten der Aufnahme. Den Abschluss bildet der schlichte, tief bewegende Choral „Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!“ BWV 478 – hier mit hinzugefügter Flöte, die dem Stück eine zusätzliche seelsorgerische Wärme gibt.
Alle Beteiligten ziehen an einem Strang. Der NFM-Knabenchor unter Małgorzata Podzielny klingt frisch und präsent, die Solisten (darunter starke Countertenöre und Tenöre) fügen sich organisch ein, und das Wrocław Baroque Ensemble spielt mit großer stilistischer Sicherheit. Kosendiak sorgt für eine ausgewogene Zusammenführung aller Kräfte. Die Instrumentalbeiträge – vor allem die Flöten, aber auch Gamben, Violinen und die dezente Orgel – steuern deutlichere Farben bei und verhindern, dass die Aufnahme ins bloß Glatte abgleitet.
Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: In den Rezitativen wären klarere Akzente und ein etwas schärferer rhetorischer Zugriff wünschenswert gewesen, um sie deutlicher von den Arien abzusetzen. So klingt vieles poliert und sauber, aber mitunter auch etwas monochrom. Die Gefahr der zu großen Ausgewogenheit ist spürbar – alles ist wohlklingend, nichts verletzt, nichts reißt wirklich auf. Für Hörer, die in Bachs Todeskantaten auch die Brüchigkeit und den existenziellen Ernst suchen, mag das gelegentlich zu geglättet wirken.
Dennoch überwiegt der Gewinn. Diese Aufnahme atmet den Geist der lutherischen ars moriendi: keine Angst, sondern Vertrauen, keine Schrecken, sondern die Hoffnung auf die selige Ruhe. Antoninis Flöte wird dabei zur stillen Leitstimme des Übergangs. Wer Bachs frühe Kantaten in einer klanglich warmen, ensemblemäßig homogenen und theologisch klar ausgerichteten Interpretation hören möchte, findet hier eine überzeugende, in sich stimmige Einspielung. Musik pur – und eine leise, beharrliche Einladung, dem Tod ohne Furcht entgegenzusehen.
Dirk Schauß, im Oktober 2026
Bach – Kantaten mit Flöte
Andrzej Kosendiak · Giovanni Antonini · Wrocław Baroque Ensemble
Alpha Classics. ALPHA1285

