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CD „AUX ÉTOILES“ – Sinfonische Dichtungen von Bruneau, Saint-Saëns, Duparc, Holmés, Dukas, Chausson, Chabrier, Rabaud u.a.; Bru Zane

26.10.2023 | cd

CD „AUX ÉTOILES“ – Sinfonische Dichtungen von Bruneau, Saint-Saëns, Duparc, Holmés, Dukas, Chausson, Chabrier, Rabaud u.a.; Bru Zane

Französische Orchestererzählungen mit dem Orchestre National de Lyon, dirigiert von Nikolaj Szeps-Znaider

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Musik, die auf literarischen Vorlagen oder thematischen Anleihen aus der bildenden Kunst basiert, war und ist schon deshalb beliebt, weil es dem Hörer mit dem Titel bzw. einer der Musik zu Grunde liegenden Geschichte zugleich konkrete Hinweise für das assoziative Verständnis der Klänge an die Hand gibt. In Frankreich kamen solch melodisch meist eingängige Stücke und benamste Orchestersuiten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mode. Die bildhaften instrumentalen Dichtungen für Sinfonieorchester stießen dank der „Concerts populaires“ von Jules Pasdeloup bald auf breites Interesse in Paris.

Hector Berlioz war nach seinem Tod 1869 zum Idol einer neuen musikalischen Bewegung geworden, die sich vor allem nach der militärischen Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg 1870 von der deutschen Klassik abzugrenzen versuchte, aber dennoch leidenschaftlich an die umwälzenden harmonischen Errungenschaften von Liszt und Wagner anknüpfte.

Camille Saint-Saëns war mit seinen sinfonischen Dichtungen „Le Rouet d’Omphale“, „Phaeton“, „Danse macabre“ (auf CD 2 zu hören) oder „La Jeunesse d’Hercule“ der Wegbereiter des Genres für die ganze nachfolgende Komponistengeneration geworden. Mit einer Dauer von fünf bis fünfzehn Minuten boten sinfonische Dichtungen ideale Formate zugleich für kompositorische Experimente (die Nähe zu späteren Filmmusiken ist frappant) und Konzertveranstalter.

Die Fondation Palazzetto Bru Zane stellt aktuell auf zwei CDs einige bekannte, jedoch in der Mehrzahl außerhalb Frankreichs kaum verbreitete 15 Tondichtungen von ebenso vielen Komponisten und Komponistinnen vor:

  • César Franck: Le Chasseur maudit (nach der Ballade „Der wilde Jäger von Gottfried August Bürger)
  • Ernest Guiraud: Arteveld (Bizet gewidmete Konzertouvertüre)
  • Lili Boulanger: D’un matin de printemps (Instrumentalversion des Liedes „Ein Morgen im Frühling)
  • Vincent d’Indy: Istar (nach dem Epos von Izdubar, sechster Gesang)
  • Paul Dukas: L’Apprenti Sorcier (nach Johann Wolfgang von Goethes „Der Zauberlehrling“)
  • Alfred Bruneau: La Belle au bois dormant (nach dem Märchen „Dornröschen“ der Gebrüder Grimm)
  • Augusta Holmes: Interludium ‚La Nuit et l’Amour‘ aus der sinfonischen Ode „Ludus pro Patria“ (inspiriert vom gleichnamigen Gemälde des französischen Malers Pierre Puvis de Chavanne)
  • Melanie (Mel) Bonis: Le Reve de Cleopâtre (Vorahnung der ägyptischen Königin, die ihren Untergang vorhersieht)
  • Henri Duparc: Aux Étoiles (Zwischenspiel aus der nicht erhaltenen Oper „La Roussalka“)
  • Ernest Chausson: Viviane (beschreibt die Liebe zwischen Merlin und der Dame vom See)
  • Charlotte Sohy: Danse mystique (Gegensätzliche Dynamik einer immer strahlenderen Natur und einer sich verzehrenden Tänzerin)
  • Emmanuel Chabrier: España (Rhapsodie für Orchester, inspiriert von spanischen Volkstänzen)
  • Victorin Joncières: La Toussaint (Lamento in a-Moll)
  • Camille Saint-Saëns: Danse macabre (nach dem Gedicht „Egalité, Fraternité“ von Henri Cazalis, alias Jean Lahor)
  • Henri Rabaud: La Procession nocturne (nach „Faust“ von Nikolaus Lenau)

Natürlich zählen César Francks „Le Chasseur maudit“, und vor allem Paul Dukas mitreißender Geniestreich „L’Apprenti sorcier“ sowie die „Danse macabre“ von Camille Saint-Saëns zu den musikalischen und interpretatorischen Vorzeigestücken der Veröffentlichung. Ich möchte hier aber drei weniger bekannte Werke näher vorstellen:

Ernest Guiraud “Arteveld“: Die Vita von Ernest Guiraud ist schon deshalb bemerkenswert, weil er nach dem vom Vater aus Frankreich initiierten Exils wegen Nichterfolgs als Opernkomponist in New Orleans geboren wurde. Im Alter von 15 Jahren kehrte die Familie nach Frankreich zurück. Ernest studierte Komposition bei Fromental Halévy und gewann 1879 den Prix de Rome für Komposition. Besonders mit Georges Bizet verband ihn eine künstlerische Freundschaft, die darin gipfelte, dass er nach dem Tod des Komponisten der Oper „Carmen“ Rezitative statt der gesprochenen Dialoge verpasste und zudem eine Orchestersuite der Oper verfasste. Als Autor einer „Traité pratique d’instrumentation“ und als Lehrer am Conservatoire de Paris, wo er künftige Größen wie Satie, Dukas und Debussy unterrichtete, hinterließ Guiraud ebenso musikhistorisch relevante Spuren.

Seine Konzertouvertüre d’Arteveld, Op. 10, Bizet zugeeignet, wurde am 1.3.1874 im Rahmen der bereits erwähnten ‚Concerts populaires‘ uraufgeführt und 1882 revidiert. Die düstere Hintergrundgeschichte erzählt vom Schicksal des Flamen Jacob van Artevelde, der im 14. Jahrhundert zu Beginn des Hundertjährigen Krieges den Grafen Ludwig von Flandern aus Gent vertrieb, allerdings später aus politischen Motiven selbst brutal ermordet wurde. Mit bleiern schweren Klängen einer Rückblende gleich hebt das Stück an, bevor die Atmosphäre plötzlich auf Überschwang und drängend lichtvolle Klänge switcht. Hochromantisch heroische Schwelgerei wechselt mit Marschrhythmen und geschäftiger Unruhe ab, bevor das Stück mit geraden Akkorden prompt endet.

Von den Klangeffekten und der schillernden Instrumentierung her erwähnenswert sind die sinfonischen Variationen „Istar“ von Vincent D’Indy., die vom Orchestre National de Lyon unter der animierten wie erzählerisch packenden Leitung des Nikolaj Szeps-Znaider klanglich opulent und dennoch transparent musiziert werden. Der Spross einer begüterten alten frz. Adelsfamilie begann ein Jurastudium, bevor er sich für die Musik entschied und in der Nachfolge seines Lehrers César Franck ein französisches Musikdrama nach dem Vorbild Richard Wagners herbeisehnte. Trotz seines Reichtums war d’Indy ein „Gschaftlhuber“, der neben seiner Komponisten-Berufung noch als Dirigent, als Buchautor, als Präsident der Société national de musique und als Gründer der Schola cantorum für ein übervolles Tagespensum sorgte.

In der an Orientalismen reichen, Eugène Ysaÿe gewidmeten sinfonischen Dichtung „Istar“ geht es um die gleichnamige assyrische Prinzessin, die der Legende folgend ganz nach der Art von Orpheus in die Hölle hinabsteigt, um ihren Lover zu entsühnen. Durch sieben Pforten schlängelt sich der mühsame Weg, bei jedem Tor muss Istar ein Kleidungs- oder ein Schmuckstück ablegen, bis sie an der siebten Pforte schließlich ganz nackt dasteht. Da hat sich Istar „in das unwandelbare Land begeben, sie hat das Wasser des Lebens genommen und erhalten. Sie hat das erhabene Wasser präsentiert, und so hat sie vor aller Augen Sohn des Lebens, ihren jungen Geliebten erlöst.“ Die Musik ist ein einziger exotischer Farbenrausch, wobei sich die Variationen erst langsam hin zum unisono vom Orchester gespielten Thema entwickeln. Das Stück ähnelt in seiner opulenten Bildhaftigkeit und in ihrem melodischen Pathos fantastischer Filmmusik.  

Als drittes Beispiel möchte ich Augusta Holmés „La Nuit et l’Amour“ hervorheben. Die anglo-irische Künstlerin war ein Multitalent (sie beschäftigte sich außer der Musik mit Malerei und Literatur, die Libretti schrieb sie mehrheitlich selbst) und grosso modo eine Autodidaktin, die ihren Feinschliff von César Franck erhielt, Richard Wagner und der Idee des Gesamtkunstwerks huldigte. In „Ludus pro Patria“ wird das Spannungsverhältnis von Krieg und Liebe thematisiert. „La Nuit et l’Amour“ bildet das kurze Interludium aus dieser sinfonischen Ode mit Sprecher. Der mit der Vortragsbezeichnung ‚Andante amoroso molto lento‘ versehene Sechsminüter ist ein Plädoyer für leidenschaftliche Liebe, die in ihrer Ekstase „Lippen und Herzen“ vereint. Die Musik entwickelt sich in einem gefühlvollen Crescendo getragen von flirrendem Geigenspiel nach der Art des Vorspiels zum „Lohengrin“ zu einem più forte, bevor sie in zarten Harfenklängen ausklingt. In pastosen Strichen angelegt, wird der Bezug zum Gemälde von Pierre Puvis de Chavanne offenkundig. Das Hauptthema erinnert an den Beginn von ‚Dein ist mein ganzes Herz‘ aus dem zweiten Akt von Lehars „Das Land des Lächelns“.  

Das in typisch französischer Manier hell klingende Orchester aus Lyon und der auf strukturelle Präzision wie Klangwirkung bedachte dänische Dirigent (und Geigenvirtuose) Szeps-Znaider lassen all diese hoch- bis spätromantische Musiken in ihrem impressionistischen Flirren duftig dampfen und verzichten auch nicht aufs gute Schmalz zum reschen Brot. Der Klarheit und Prägnanz der erzählerischen Fäden tun dies keinen Abbruch. In Zeiten eitel zur Schau getragener oberflächlicher Coolness empfehle ich damit ein Album voller Gefühl und imponierender instrumentaler Finesse. Dass wir uns nun wieder intensiv mit den französischen Varianten der Form „Sinfonische Dichtungen“ befassen können, verdanken wir zudem Camille Saint-Saens markant artikuliert musizierter Gesamtaufnahme aller einschlägigen Kompositionen (Phaeton op. 39; La Jeunesse d’Hercule op. 50; Le Rouet d’Omphale op. 31; Danse macabre op. 40; erweitert um das ‚Bacchanale‘ aus der Oper „Samson et Dalila“, den „Karneval der Tiere“ und „L’Assassinat du duc de Guise“) durch „Les Siècles“ unter François-Xavier Roth, die harmonia mundi am 17.11. dieses Jahres herausbringen wird.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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