CD „Aus dem hohen Norden“ – DANIEL OTTENSAMER spielt Musik von CARL NIELSEN und EDVARD GRIEG; Sony
Die Wiener Philharmoniker unter Ádám Fischer begleiten beim Klarinettenkonzert Op. 57 von Nielsen

Den Kontrast des atmosphärisch rösselspringenden Klarinettenkonzerts von Carl Nielsen zu den „durch Simplizität und Schlichtheit tief berührenden“ Lyrischen Stücken von Grieg (hier in der Bearbeitung von Daniel Ottensamer und Christoph Traxler für Klarinette und Klavier) abzubilden und die diversen Farben und Klänge der Klarinette in der nordischen Musik auszuloten, bildete das Motiv für die vorliegende CD.
Die Live-Aufnahme des Klarinettenkonzerts des zur Zeit der Entstehung 63-jährigen Carl Nielsen mit den Wiener Philharmonikern unter der musikalischen Leitung von Ádám Fischer datiert vom 27.4.2014. Nielsen hatte dieses, sein letztes Konzert, in einem größeren Rahmen realisiert. Am Anfang stand sein Bläserquintett, inspiriert vom Mozart-Spiel des Kopenhagener Bläserquintetts, mit dessen Mitgliedern er sich befreundete. Das nahm Nielsen zum Anlass, für jedes der beteiligten Instrumente ein eigenes Konzert schreiben zu wollen. Die Faszination für Blasinstrumente rührt biographisch aus frühen Tagen, als Nielsen nach gescheiterten Versuchen als Kaufmann seine musikalische Laufbahn in der Militärmusik von Odense begann, wo er Trompete spielte, aber auch Trios und Quartette für Bläser verfasste. Allerdings hat Nielsen von den geplanten fünf lediglich zwei Orchesterkonzerte fertig gestellt: ein Flötenkonzert und für den dänischen Klarinettisten Aage Oxenvad das berühmte viersätzige Klarinettenkonzert aus dem Jahr 1928.
Im außer der Soloklarinette „nur“ mit zwei Fagotten, zwei Hörnern, einer kleinen Trommel und Streichern kammermusikalisch besetzten Stück jongliert Nielsen mit allen Facetten der Tonalität. Die spezifische Spannung bezieht der Komponist aus der „Auseinandersetzung zwischen den beiden Haupttonarten F-Dur und E-Dur“, wobei erstere schließlich obsiegt. „Die kleine Trommel (eine dominante snare drum ruft lauthals zum sportlichen Wettstreit) ist neben der Soloklarinette das wichtigste Instrument und befeuert den Kampf der Tonarten mit wilden rhythmischen Ausbrüchen.“ (Ottensamer)
An dem seine launischen Dissoziationen exzentrisch und experimentell feiernden Werk mag Ottensamer die technischen Herausforderungen an sein Instrument besonders gereizt haben. Mich erinnert das Stück in seiner wahrscheinlich politisch motivierten Reizbarkeit, seinem schrägen Galgenhumor und der kaum versteckten Camouflage an eine abstrakt tönende Zeitkritik à la Shostakovich. Im Kern geriert es sich um keinen Deut weniger sarkastisch und bringt mit seinen in vielen Soli gemeißelten Gegensätzen ein im Endeffekt kompositorisch lustvolles Hadern mit sich und der Welt zum Ausdruck. Der in einem Moment lyrisch schmeichlerische, dann wieder spitznasige Duktus wandelt sich erst im Adagio zu höherer Gelassenheit.
Mir gefällt die Duftzuschreibung der Musik durch einen zeitgenössischen Kritiker als „eigene Note unbarmherziger Poesie“. Daniel Ottensamer, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, gewann 2009 mit genau dem Konzert den Internationalen Carl-Nielsen-Wettbewerb. Daniel Ottensamers Spiel ist erst einmal von Wohllaut geprägt, allerdings vermag er das heterogene Stück auch mit virtuos schroffer Expressivität, Gebrochenheit und einer gewissen Lässigkeit anzureichern. Ein verwegener Parforceritt durch die wundersamen Klanglandschaften der Klarinette.
Ottensamer hat das späte Nielsen-Konzert um die ungestüme „Fantasie für Klarinette und Klavier“ des noch jugendlichen Musikers ergänzt.
Den Counterpart zu Nielsen bilden elf der „Lyrischen Stücke“ Edvard Griegs. Eigentlich für Klavier solo geschrieben, haben Daniel Ottensamer und sein bevorzugter Klavierpartner Christoph Traxler ein Dutzend der 66 volkstümlich melancholischen, sagenumwobenen bzw. autobiografisch motivierten Titel für Klavier und Klarinette arrangiert. So lässt der „Hochzeitstag in Troldhaugen“, lautmalerisch die Glückwünsche zum 25. Hochzeitstag des Ehepaars Grieg Revue passieren. Andere Programmtitel wie „Erotik“, „Phantom“, „Erinnerungen“, „Gangar“, der hüpfend ohrwurmige „Marsch der Zwerge“, „Abend in den Bergen“, „Notturno“, „Heimweh“ sprechen ohnedies für sich selbst. Die Fassung für Klarinette und Klavier lässt diese nordlichternden Preziosen nochmals aus einem anderen Blickwinkel heraus erstrahlen. Hören Sie sich das an!
Dr. Ingobert Waltenberger

