Augusta Holmès – Eine Wiederentdeckung von beeindruckender Kraft und Schönheit

Das Label cpo hat wieder einmal eine wahre Perle der Musikgeschichte ans Licht gebracht. Die aktuelle CD mit Werken der französischen Komponistin Augusta Holmès entführt uns in eine faszinierende Klangwelt, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Mit einer beeindruckenden Einspielung der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Michael Francis wird diese Sammlung zu einem außerordentlichen Hörerlebnis.
Augusta Holmès (1847-1903) war eine bemerkenswerte Komponistin französischer Herkunft mit irischen Wurzeln, deren Leben und Werk durch eine besondere Mischung aus Talent, Willenskraft und künstlerischer Vision geprägt war. Geboren in Paris und aufgewachsen in Versailles, war Holmès von Anfang an mit den kulturellen und künstlerischen Kreisen Frankreichs verbunden. Aufgrund ihrer britischen Nationalität war es ihr jedoch nicht gestattet, am renommierten Conservatoire de Paris zu studieren, was sie jedoch nicht davon abhielt, Privatunterricht bei einigen der bedeutendsten Musiker ihrer Zeit zu nehmen. Zu ihren Lehrern gehörten Mademoiselle Peyronnet, der Domorganist Henri Lambert und Hyacinthe Klosé. Ab 1876 wurde sie Schülerin von César Franck, den sie liebevoll ihren Meister nannte und der ihren musikalischen Stil nachhaltig prägte.
Holmès‘ Leben war von ihrer engen Verbindung zum Dichter Catulle Mendès geprägt, mit dem sie fünf Kinder hatte. Ihr kompositorisches Werk, das Opern, Vokalmusik, Kammermusik und insbesondere sinfonische Dichtungen umfasst, wurde von Zeitgenossen wie Camille Saint-Saëns bewundert und unterstützt. Für die Jahrhundertfeier der Französischen Revolution 1889 erhielt sie den prestigeträchtigen Auftrag, eine Ode Triomphale zu komponieren, die mit 300 Orchestermusikern und 900 Chorsängern aufgeführt wurde. Ihr größter Erfolg war die Oper „La montagne noire“, die erste Oper einer Komponistin, die an der Pariser Oper seit 1836 aufgeführt wurde.
Die CD beginnt mit der dreiteiligen Tondichtung „Roland furieux“, die auf dem Werk von Ariosto basiert. Die Musik erzählt die Geschichte des karolingischen Ritters Roland, der durch die Liebe zu Angélique in den Wahnsinn getrieben wird und in den Krieg zieht. Holmès versteht es meisterhaft, die emotionalen Höhen und Tiefen der Erzählung in ihrer Musik umzusetzen. Der erste Satz, geprägt von furiosen, aufgewühlten Klängen, spiegelt Rolands inneren Tumult wider. Der zweite Satz bringt eine ruhige, kontemplative Phase, bevor der dritte Satz wieder in die wilden, kämpferischen Töne zurückkehrt.
Irlande, ein weiteres Highlight dieser Sammlung, ist ein politisches Manifest, das Holmès‘ Einsatz für die Freiheit und Unabhängigkeit Irlands widerspiegelt. In diesem Werk verwendet sie das traditionelle irische Lied „Let Erin Remember“ von Thomas Moore, das den Verlust der irischen Unabhängigkeit beklagt. Das Stück beginnt mit melancholischen, sehnsuchtsvollen Klängen, die sich nach und nach zu einem kraftvollen, hymnischen Finale aufbauen, das die tiefe Verbundenheit der Komponistin mit ihrer irischen Herkunft eindrucksvoll zum Ausdruck bringt. Auch in diesem Werk offenbart Holmès ihre herausragende Fähigkeit, orchestrale Farben kongenial zu nutzen, um ihre Werke intensiv zu akzentuieren.
Mit „Pologne“ setzt Holmès eine weitere politische Aussage in Töne. Inspiriert von Tony Robert-Fleurys Gemälde ‚Das Massaker von Warschau‘, schildert die Musik das Leid und den Widerstand des polnischen Volkes gegen die russische Besatzung. Das Werk beginnt mit düsteren, bedrückenden Klängen, die die Tragödie des Massakers schildern. Im Verlauf des Stücks wechseln sich Momente des Aufruhrs und der Verzweiflung ab, bevor es in einem dramatischen, fast opernhaften Finale endet.
„Andromède“, die letzte vollständig komponierte sinfonische Dichtung von Holmès, erzählt die mythologische Geschichte der Befreiung der Andromeda durch Perseus. Die Komposition besticht durch ihre dramatische Erzählweise und die brillante Orchestrierung. Der Anfang des Werkes ist geprägt von düsteren, bedrohlichen Klängen, die die Gefangenschaft Andromedas symbolisieren. Mit dem Auftreten von Perseus wandelt sich die Musik zu heroischen, strahlenden Tönen, die schließlich in einem triumphalen Finale münden.
Den Abschluss der CD bildet das lyrische Andante Amoroso aus der Ode-Symphonie „Ludus pro patria“, das mit seiner zarten Melodik und der tiefen Emotionalität den perfekten Schlusspunkt dieser beeindruckenden Sammlung setzt. Das Stück strahlt eine intime, fast kammermusikalische Atmosphäre aus, die sich in sanften, lieblichen Melodien entfaltet. Wenige Minuten voller Intensität in feinste Farben gesetzt.
Michael Francis erweist sich als idealer musikalischer Fürsprecher für diese großartige Musik. Als Chefdirigent der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz gelingt es ihm, die vielschichtigen und emotional intensiven Werke von Holmès mit einer selten gehörten Präzision und Leidenschaft zum Leben zu erwecken. Das Orchester brilliert durch seine hingebungsvolle Interpretation und die perfekte Balance zwischen Dynamik und Klangfarbenreichtum. Besonders beeindruckend ist die Art und Weise, wie Francis die hymnischen Schlusswirkungen der großen Orchesterwerke wie „Irlande“ herausarbeitet und ihnen eine überwältigende emotionale Kraft verleiht.
Das Booklet des Labels cpo bietet umfangreiche und informative Texte, die nicht nur das Leben und Werk von Augusta Holmès beleuchten, sondern auch einen tiefen Einblick in die historischen und politischen Hintergründe ihrer Kompositionen geben. Die Klangqualität der Aufnahmen ist exzellent und lässt keine Wünsche offen. Die fein abgestimmte Akustik und die klare Tonaufnahme sorgen dafür, dass jedes Detail der Orchestrierung zur Geltung kommt.
Es ist nahezu unverständlich, warum die Musik von Augusta Holmès so selten zu hören ist. Ihre Werke sind von einer solch kraftvollen und emotionalen Tiefe, dass sie in jeder Hinsicht den Kompositionen ihrer bekannteren Zeitgenossen ebenbürtig sind. Diese CD sollte daher nicht nur als eine Bereicherung für jeden Musikliebhaber gesehen werden, sondern auch als ein wichtiger Schritt zur Wiederentdeckung und Anerkennung einer außergewöhnlichen Komponistin.
Diese CD mit Werken von Augusta Holmès ist eine wahre Offenbarung. Michael Francis und die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz haben mit ihrer Einspielung eine der wichtigsten und hörenswertesten Veröffentlichungen des Jahres 2024 geschaffen. Dank des Labels cpo können wir uns nun an der beeindruckenden Musik einer zu Unrecht vergessenen Komponistin erfreuen. Wer diese CD hört, wird zweifellos von der emotionalen und künstlerischen Kraft dieser Kompositionen überwältigt sein.
Dirk Schauß, im August 2024
Augusta Holmès
Symphonic Poems
Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz
Michael Francis, musikalische Leitung
cpo, 555 593-2

