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CD: ARTHUR FOOTE Complete Cello Works DELOS, DE3619

29.08.2026 | cd

CD: Arthur Foote Complete Cello Works DELOS, DE3619

Julian Schwarz und das Buffalo Philharmonic erwecken Arthur Foote zum Leben

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Das europäische Dünkelprinzip in der klassischen Musik ist zäh. Wer im neunzehnten Jahrhundert etwas auf sich hielt, musste nach Leipzig, Paris oder Berlin, um das Handwerk der Kontrapunkte und der orchestralen Architektur zu erlernen. Wer in Amerika blieb, galt auf dem alten Kontinent schnell als musikalischer Autodidakt zweiten Ranges. Ein Irrtum, der bis heute nachwirkt und dem wir die seltsame Tatsache verdanken, dass hervorragende Werke eines gesamten Kontinents in den Archiven Staub ansetzen. Das Label Delos legt nun eine Einspielung vor, die dieses historische Vorurteil mit spielerischer Eleganz beiseiteschiebt. Der amerikanische Cellist Julian Schwarz hat zusammen mit seiner Gattin, der Pianistin Marika Bournaki, dem Buffalo Philharmonic Orchestra und seinem Vater, dem Dirigenten Gerard Schwarz, die gesamten Werke für Cello von Arthur Foote auf CD aufgenommen. Darunter befindet sich die erste kommerzielle Aufnahme des Cellokonzerts in g-Moll op. 33 aus den Jahren 1887 bis 1893. Es ist eine Veröffentlichung, die man mit wachen Ohren hören sollte: Sie füllt nicht nur eine Marktlücke, sie macht ein echtes musikalisches Juwel wieder hörbar.

Arthur Foote, geboren 1853 in Massachusetts und gestorben 1937, war eine Ausnahmeerscheinung unter den Komponisten der sogenannten New England School. Während Zeitgenossen wie Edward MacDowell oder Horatio Parker ihre Studienjahre in Europa verbrachten, blieb Foote im Lande. Er erwarb den allerersten Musikabschluss an der Harvard University überhaupt. Als Organist und Pianist prägte er das Musikleben Bostons nachhaltig. Seine Musik spricht die Sprache der Spätromantik, aber sie tut dies eigen und erfrischend unprätentiös. Wer Brahms liebt, wird Footes Sinn für Struktur wiedererkennen – die harmonische Färbung verrät jedoch eine eigenständige, unverkrampfte Erfindungslust.

Das Herzstück dieses gut siebzigminütigen Albums bildet das Cellokonzert op. 33. Es wurde 1894 uraufgeführt und geriet danach in ein unverdientes Vergessen. Das Jahr 1894 war eine schicksalhafte Wegmarke für die Literatur dieses Instruments: Antonín Dvořák weilte in den Staaten und schrieb sein berühmtes h-Moll-Konzert, während Victor Herbert sein zweites Konzert vorstellte. Foote arbeitete zur selben Zeit an seinem Werk. Im Eröffnungssatz taucht ein viertöniges Motiv auf, das kurz darauf bei Dvořák eine zentrale Rolle spielen sollte. Ob hier eine direkte Beeinflussung vorliegt oder lediglich der gemeinsame Zeitgeist, mag die Musikwissenschaft klären. Entscheidend ist die Musik selbst. Das Allegro ma non troppo eröffnet mit einer feierlichen Introduktion, die Spannung aufbaut, ohne das Soloinstrument zu erdrücken. Julian Schwarz steigt mit einem schlanken Ton ein – kein fettes, breitbeiniges Dauer-Vibrato, sondern ein dichter, sprechender Klang, der die Linien von Footes Melodik klar und natürlich nachzeichnet.

Gerard Schwarz am Pult des Buffalo Philharmonic erweist sich als Glücksfall für diese Produktion. Das Orchester, das von seiner langjährigen Leiterin JoAnn Falletta auf ein beachtliches Niveau gehoben wurde, klingt sonor, durchsichtig und im besten Sinne beweglich. Schwarz dirigiert mit der Umsicht des erfahrenen Praktikers: Er gibt Impulse, wo die Dichte des Satzes zu erlahmen droht, nimmt das Orchester aber in den sensiblen Momenten des Andante con moto soweit zurück, dass das Solocello mühelos im Raum schweben kann. Dieses Andante ist eine Kantilene von treibender Schönheit. Man fragt sich unwillkürlich, warum diese Musik nicht längst zum Standardrepertoire eines jeden Cellisten gehört – auch wenn einzelne formale Übergänge im Kopfsatz etwas bemüht wirken und die dramatische Steigerung nicht ganz die zwingende Kraft eines Dvořák erreicht.

Neben dem großen Orchesterkonzert widmet sich die Einspielung den Werken für Cello und Klavier. Die Partnerschaft zwischen Julian Schwarz und Marika Bournaki erweist sich als Dialog auf Augenhöhe. Bournaki ist keine Begleiterin im Schatten des Solisten; sie fordert ihren Partner heraus, setzt scharfe Akzente und lässt dem Cello im richtigen Moment den nötigen Raum. In den 3 Pieces op. 1, Footes Erstling aus dem Jahr 1881, lässt sich die Nähe zur deutschen Romantik, insbesondere zu Robert Schumann, kaum leugnen. Das Andante con moto eröffnet mit feinen Klavierakkorden, über denen das Cello einen ruhigen Gesang anstimmt. Im abschließenden Allegro con fuoco schlägt die Stimmung um: Der Tonfall wandelt sich in eine aufgekratzte Tarantella, die Schwarz mit feurigem Zugriff und technischer Souveränität meistert.

Besonders reizvoll ist die Aubade op. 77 aus dem Jahr 1912. Das Stück zeigt deutliche französische Einflüsse und erinnert in seinem wiegenden Rhythmus an eine Sicilienne. Es wurde für den legendären Cellisten Alwin Schroeder geschrieben, was sich in einer technisch anspruchsvollen Kadenz zeigt, die auf kunstvollem Saitenwechsel basiert. Schwarz spielt diese Passage mit einer Leichtigkeit, die nie nach Zirkus riecht, sondern immer der musikalischen Diktion dient. Das Scherzo op. 22 wiederum ist ein rasantes Katz-und-Maus-Spiel. Wer hier wer ist, wird schnell klar: Das Cello jagt die Klavierklänge vor sich her, bevor das Trio eine Melodie anstimmt, die unverblümt wie ein einfaches amerikanisches Volkslied anmutet.

Den gewichtigsten Beitrag der Kammermusik bildet die Cellosonate e-Moll op. 78, die während des ersten Weltkriegs entstand. Hier zeigt sich Foote auf dem Höhepunkt seiner handwerklichen Meisterschaft. Die Harmonik wird chromatischer, die Form freier. Der erste Satz, ein Allegro appassionato, bohrend und intensiv, verlangt beiden Musikern hohe Konzentration ab. Bournaki packt in den tiefen Registern des Flügels kräftig zu, ohne die Transparenz zu opfern. Im Andantino con moto stellt sich jene spezifische Wehmut ein, die dieses Album zu einem besonderen Hörerlebnis macht. Es ist keine laute, auftrumpfende Musik, sondern ein stilles Nachsinnen über Form und Klangfarbe.

Die Tontechnik des Labels Delos fängt das Geschehen in der Goodson Chapel für die Kammermusik und in der Kleinhans Music Hall in Buffalo für das Konzert exzellent ein. Die Akustik wirkt natürlich, die Balance stimmt bis ins Detail. Julian Schwarz hat nicht nur als Solist hervorragende Arbeit geleistet, sondern als Herausgeber des Notenmaterials dafür gesorgt, dass dieses Konzert überhaupt wieder aufgeführt werden kann. Eine Rettungstat, die musikalisch auf ganzer Linie überzeugt – und die Hoffnung nährt, dass Foote künftig nicht mehr nur in den Fußnoten der Musikgeschichte auftaucht.

Dirk Schauß, im August 2026

Arthur Foote

Complete Cello Works

DELOS, DE3619

 

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