Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD ARNOLD SCHOENBERG: STREICHQUARTETTE Nr. 1 und 3, GRINGOLTS QUARTET, BIS

01.04.2022 | cd

CD ARNOLD SCHOENBERG: STREICHQUARTETTE Nr. 1 und 3, GRINGOLTS QUARTET, BIS

Von spätromantischer Unübersichtlichkeit und der disparaten Angst des modernen Menschen

61phbusex+l. sl1500

Arnold Schoenberg hatte grosso modo zwei Schaffensphasen: Eine der erweiterten Spätromantik und eine streng der seriellen abseits jeglicher herkömmlichen Tonalität verpflichtete. Das erste Streichquartett in d-Moll Op. 7, nach dem Streichsextett „Verklärte Nacht“ und der symphonischen Dichtung „Pelleas und Melisande“ 1904 entstanden, scheint das visionäre Quartettschaffen des späten Beethoven fortzusetzen, wenngleich es klanglich doch sehr der Tonsprache des Richard Strauss verpflichtet ist. Es weist zudem Elemente von Programmmusik auf. 1986 fand man inhaltliche Erklärungen zur Musik: Da ist von „Auflehnung“ und „Verzweiflung“, von „stiller Freude und Einkehr von Ruhe und Harmonie“ die Rede, alles Zuordnungen des sich in aller Plakativität als Helden seiner Musik selbst stilisierenden Künstlers. Schoenbergs von hoch nervös, dann kontrapunktisch komplex bis hochromantisch einem Nirvana zustrebende Entwicklung in der einsätzigen Komposition geht jedoch wesentlich weiter als der expressive doch stets einer kulinarischen Melodik verbundene bayerische Meister. Der Sturzbach an Dissonanzen im Abschnitt „Kräftig (nicht zu rasch)“ etwa ist an Düsternis nicht zu überbieten.

Das dritte Streichquartett Op. 30, 22 Jahre nach dem ersten geschrieben, wurde von der amerikanischen Mäzenin Elizabeth Sprague Coolidge in Auftrag gegeben. Musikalisch auf der Zwölftontechnik aufbauend, greift der Komponist assoziativ auf makabre Erlebnisse seiner Kindheit zurück. Und zwar zitiert Schoenberg zum ersten Satz aus dem Märchen „Das Gespensterschiff“, wo der Kapitän von seiner Mannschaft an den Topmast durch den Kopf angenagelt wird. Was der Grund für diese Erklärung gewesen sein mag, darüber kann in Anbetracht des Charakters der Musik nur spekuliert werden. Ich empfinde diese unruhige Musik als voller Vorahnungen und auseinander strebender Sehnsüchte und Ideen. Wenn man so will, so kommt das tiefe Dilemma des modernen Menschen im Heute bereits voll in dieser Musik zum Ausdruck.

Das Gringolts Quartett vervollständigt mit dieser Veröffentlichung seine Aufnahme aller vier Streichquartette von Arnold Schoenberg. Der erste Teil ist im Juni 2017 erschienen. Interpretatorisch ist es ein großer Wurf geworden. Mit hoch expressiver Geste frei dahin fabulierend und einer magischen Farbpalette ausgestattet, dringen sie tief in die emotionale Welt dieser Musik, die Hölle und Himmel gleichermaßen spiegelt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

Diese Seite drucken