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CD ARCANGELO CORELLI: Concerti Grossi Op. 6 – FREIBURGER BAROCKORCHESTER, Gottfried von der Goltz, apartemusic

22.01.2019 | cd

CD ARCANGELO CORELLI: Concerti Grossi Op. 6 – FREIBURGER BAROCKORCHESTER, Gottfried von der Goltz, apartemusic

 

Ein Komponist des 17. Jahrhunderts, der nur Instrumentalmusik geschrieben hat, das war so selten wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Dazu hat sich der bei Ravenna geborene Geiger Arcangelo Corelli überhaupt nur für drei Formen interessiert: Er lieferte substanzielle Beiträge zur Triosonate (Op. 1-4), zur Violinsonate (Op. 5) und zuletzt zum Concerto Grosso (Op. 6).

 

Basis für die Entstehung dieser Concerti war das „Konzertieren“. Ein einzelner oder mehrere Solisten stehen dem Orchester gegenüber, zuvor waren es einige wenige vokale Einzelstimmen über einem Bassfundament. Es war die Geburtsstunde der Virtuosität, auch des gleichberechtigten musikalischen Nebeneinanders von Vokal- und Instrumentalmusik.

 

Das gesamte Oeuvre Corellis umfasst nur sechs Opuszahlen, die aus jeweils 12 Werken bestehen. Insgesamt hat der ewig sich selbst korrigierende Perfektionist Corelli also „nur“ 72 Stücke hinterlassen, relativ wenig im Vergleich zu den manischen Vielschreibern Vivaldi oder Bach. Sein Op. 6 ist 1714, ein Jahr nach des Komponisten Tod erschienen.

 

Es gibt unzählige Platteneinspielungen dieser barocken Meisterwerke, ich denke besonders gerne an meine ersten LPs der Gesamtaufnahme mit dem großartigen Südwestdeutschen Kammerorchester unter Günther Wich. Warum soll also noch eine oder gerade diese von Interesse sein? Das Freiburger Barockorchester hat sich für sechs der 12 Sonaten aus dem Genre der „Da chiesa-Concerti“ (Nr. 1-5, 7) entschieden. Das  Weihnachtskonzert Nr. 8 „fatto per la notte di natale“ ist also nicht enthalten. Ob diese Konzerte im Gegensatz zu den „Da camera-Concerti“ (Nr. 9-12) wirklich nur für den kirchlichen Gebrauch gedacht waren? Eher nein, wie überhaupt Corelli sich sowohl von französischen Tanzsuiten als auch den italienischen Ausdrucks- und Affektformen inspirieren ließ. Eigentlich hat Corelli die Konzerte für eine Concertino Gruppe (2 Violinen – Gottfried von der Goltz, Petra Müllejans, 1 Cello – Guido Larisch) und Streichorchester geschrieben.

 

Bei der vorliegenden Aufnahme wurden  zum Continuo Laute, Harfe, Cembalo und Orgel erkoren, aber auch Oboen, Fagott, Posaunen und Trompeten dürfen in den Wettstreit der Gruppen treten. Im Booklet wird, was die Legitimität solcher Eingriffe durch ein historisch informiertes Orchester anlangt, auf Dokumente mit Listen von Musikern verwiesen, die bezeugen sollen, dass Corelli sich solche Freiheiten bei verschiedenen Gelegenheiten selbst herausgenommen hat. Freilich mussten die nicht erhaltenen Stimmen dazu von Gottfried von der Goltz rekonstruiert werden.

 

Geht das Experiment auf? Das klanglich breitere und farbig-monumentalere Ergebnis geht auf Kosten des fein ziselierteren Streicherklangs. Auch scheinen die nur den Streichern zugeordneten, ihrer Eigenart angepassten Ausdrucksnuancen durch die viel größere Instrumentenpalette nivelliert. So dynamisch gespannt, elektrisierend und dramaturgisch aufwühlend die Musiker auch agieren mögen, auf der Aufnahme lastet etwas Erdenschweres. Das motorisch so überaus Behände, Flinke, Schlanke, aber auch emotional so rasch Kippende des bloßen Streichersatz bei Corelli geht verloren. Die Freiburger haben deswegen keine schlechte Aufnahme vorgelegt, ihr theatralischer und auf Oberflächeneffekte zielender Ansatz überzeugt und berührt mich aber im  Vergleich zur Originalinstrumentierung nicht. 

 

Der Ordnung halber: Eingeleitet wird die CD mit der Sinfonia in D-Moll „Santa Beatrice d’Este“.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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