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CD AOI TRIO mit KLAVIERTRIOS von Bohuslav Martinů und Antonin Dvořák; hänssler classic

11.01.2023 | cd

CD AOI TRIO mit KLAVIERTRIOS von Bohuslav Martinů und Antonin Dvořák; hänssler classic

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Einmal anders: Statt Böhmens Flur- und Hainromantik struktur- und gestisch-betonte Trio-Ansätze

Tschechische Komponisten sind sie beide und im weiteren Sinne Mit-Architekten einer tschechisch-nationalen Musiksprache: Antonin Dvořák und Bohuslav Martinů, deren jeweils drittes und erstes Klaviertrio auf der neuen Aufnahme des Aoi Trios zu hören sind.

Das neoklassizistische Klaviertrio von Martinů aus dem Jahr 1930 besteht aus fünf kurzen „Stücken“. Martinů, der einen Großteil seiner Lebenszeit in Frankreich, in den USA und in der Schweiz zugebracht hat, ist stilistisch vor allem vom französischen Impressionismus, von der Groupe Les Six und Stravinsky geprägt. Schwelgerische böhmische Folkorebäder haben in seinem Klanguniversum kaum Platz. Martinů konnte in seiner erstaunlich polymorphen formalen Entwicklung eine sehr persönliche Variante der „Neuen Sachlichkeit“ samt einer geschickten Integration von Merkmalen des Jazz entwickeln.

Das 2016 gegründete japanische Aoi Trio mit Kosuke Akimoto (Klavier), Kyoko Ogawa (Violine) und Yu Ito (Cello) bezieht seinen Namen aus den Initialen der Nachnamen seiner Mitglieder. Oder anders perspektiviert: Die Malve, auf japanischen „aoi“, die für Bestrebung oder Ergiebigkeit steht, ist ja auch kein unpassendes Symbol für ihren ehrgeizigen Anspruch. Ausgebildet an der Suntory Hall Kammermusikakademie, gelang es dem jungen Ensemble in kurzer Zeit, wirklich so etwas wie eine ganz eigene und offen andere Art des Zusammenspiels zu entwickeln. Das Trio, das sich vor Konzerten schon mal mit Meditieren und Schuhe Polieren entspannt, geht auf Basis einer unfasslich präzisen Technik und einer klugen Balance der Stimmen mit Mut zu dramatischer Pranke und einer besonders weiten dynamischen Bandbreite ans Werk.

Bei Martinůs „5 pièces brèves“, dessen ein wenig sperriges, mit Staccato-Techniken gespicktes ‚Allegro moderato‘ die spielerische Latte hoch legt, lernen wir atmosphärisch dichte Miniaturen kennen, die sich jeder stilistischen Eindeutigkeit entziehen. Meinem musikalischen Verständnis liegt Dvořáks drittes Klaviertrio, Op. 65, aus dem Jahr 1883, näher. Tatsächlich ist das Dvořák-Spiel des Aoi Trios eine Kategorie für sich. Ob die in diesem vielschichtigen, dunkel grundierten Reifewerk komplex synkopierte Rhythmik, die gefühlsmäßig extrem gefassten Pole in einem an Brahms erinnernden feinst gewebten Stimmenflechtwerk, die abgründige Melancholie und das sich Aufbäumen gegen des Schicksals unbarmherzige Klauen, für all das hat das Aoi Trio den passenden und doch so eigenen, aufgewühlt bebenden Tonfall parat. Besonders hervorheben möchte ich das sanglich-forsche Geigenspiel der Kyoko Ogawa und die anschlagsdramaturgische Genialität des Herrn Akimoto. Ich weiß, der Cellist hats in der Klaviertrio Formation den undankbarsten Part…

Eine Riesen-Empfehlung für alle, die signifikante kammermusikalische Eigenwege in anspruchsvollstem Repertoire schätzen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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