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CD ANTONIO VIVALDI: L’OLIMPIADE – Live-Mitschnitt aus dem Tiroler Landestheater im Rahmen der Innsbrucker Festwochen für Alte Musik, August 2023; cpo

25.01.2026 | cd

CD ANTONIO VIVALDI: L’OLIMPIADE – Live-Mitschnitt aus dem Tiroler Landestheater im Rahmen der Innsbrucker Festwochen für Alte Musik, August 2023; cpo

Hochkarätiger venezianischer Operntraum!

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Die Opern Antonio Vivaldis führten lange ein unverdientes Schattendasein im Vergleich zu manch berühmtem Instrumentalkonzert des venezianischen Priesters und wundersam fruchtbaren Komponisten. Die Wiederentdeckung von 450 Manuskripten und deren Erwerb durch die Biblioteca Nazionale Universitaria di Torino in den 1930-er Jahren erlaubte Musikforschern den Zugang zu Originalpartituren und Handschriften und so die die Rekonstruktion und Aufführung vieler seiner lange Zeit vergessenen Opern. Die Vivaldi-Edition, die sich vorgenommen hat, die Gesamtheit der ehemals die Privatsammlung Vivaldis bildenden Partituren einzuspielen, geht auf den italienischen Musikwissenschaftler Alberto Basso zurück und wurde im Jahr 2000 gemeinsam mit dem Pariser Plattenlabel „Naïve“ initiiert.

Zu den alsbald realisierten Projekten zählte auch Vivaldis dreiaktige Oper „L’Olimpiade“, die als Vol. 1 in der Serie ‚Opere teatrali‘ der Vivaldi Edition für Opus 111 im Juli 2002 in der Sala Accademica del Pontifico Istituto di Musica Sacra in Rom aufgenommen wurde. Damals erarbeiteten Rinaldo Alessandrini, das Concerto Italiano und eine erlauchte Schar wissender Sänger diese auf ein Libretto des Pietro Metastasio während des Karnevals 1734 im Teatro Sant’Angelo in Venedig uraufgeführte Oper.

Vivaldi brach mit der erfolgreichen Premiere die prestigetrunkene Alleinschaft neapolitanischen Opernschaffens, repräsentiert durch das venezianische Teatro San Giovanni Grisostomo. Den empfindsam-virtuosen Gesangsparts von Megacle und Aminta setzte Vivaldi mit seiner spezifischen Instrumentalbehandlung bewusst einen künstlerischen Kontrapunkt entgegen und schuf so seinen eigenen so grandios kantablen Stil.

Metastasio hatte das Textbuch 1733 zum Geburtstag der Kaiserin Elisabeth Christine geschrieben. Es wurde über 70-mal von den verschiedensten Komponisten wie Caldara, Pergolesi, Leo, Galuppi, Hasse, Traetta, Jommelli oder Piccini vertont. Sogar Ludwig van Beethoven hat seiner Canzonetta für Singstimme, einstimmigen Chor und Klavier „O care selve“ einen Textausschnitt aus Metastasios „L’Olimpiade“ zugrunde gelegt.

Vivaldi vertonte das Libretto nicht eins zu eins, sondern nahm Änderungen wie etwa die Kürzung von Rezitativen, das Streichen von Chören bzw. eine spezifische Gewichtung der Haupt- und Nebenfiguren entsprechend den Qualitäten der vorgesehenen mehr oder weniger spektakulären Sängerinnen und Sängern vor. Für die Bearbeitung zeichnete Bartolomeo Vitturi verantwortlich.

Wie der Titel verspricht, geht es in ‚L’Olimpiade‘ um Menschenpreisvergaben der Olympischen Spiele, aus deren Anlass dem Sieger die Königstochter zuerkannt werden soll. Emotional steht allerdings die alles überstrahlende Bromance zwischen Megacle und Licida (Licida hatte dem Athener Megacle bei einem Überfall das Leben gerettet) im Mittelpunkt, deren Frauen-Liebesgeschichten verhandelbar bleiben, während Aristea und Argene zu ihren Liebsten in unverbrüchlicher Treue stehen.

Zum damals als idealer Plot geschätzten Werk gehört ein Spruch des Orakels von Delphi. Der König von Sikyon, Clistene, lässt nach der Prophezeiung, dass er möglicherweise von seinem eigenen Sohn ermordet werde, diesen Flinto zum Sterben aussetzen. Als Licida überlebt er aber und verliebt sich trotz seiner Verlobung mit Argene vorübergehend in seine eigene Zwillingsschwester Aristea, die am Hof zur attraktiven Frau herangereift ist. Dazu kommen dramatische Vater-Sohn Konflikte, Rollentausch und eine scheinbar fatalistische Ausweglosigkeit der Konfliktknoten bis zum obligaten lieto fine.

Zuvor bittet der kretische Prinz Licida jedoch seinen Freund Megacle als besseren Fechter, für ihn unter seinem Namen an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Natürlich geht Megacle unter dem Namen Licidas als Gewinner hervor. Die Liebessehnsucht des athenischen Sportlers Megacle nach Aristea, der sich deren tyrannischer Vater entgegenstellt, sowie die Beziehung des Licida, vermeintlicher Sohn des kretischen Königs und Freund Megacles, mit Argene, ebenfalls durch väterlichen Bannspruch verunmöglicht, bilden den amourösen Hintergrund der Geschichte. Argene lebt nach ihrer Verbannung – der König verbietet die standesgemäße Verbindung mit einer Nichtadeligen – als Schäferin Licori nahe Elis, dem Ort der Olympischen Spiele. Was dann folgt, ist eine schwindelerregende, arios materialisierte Gefühlsachterbahn der fünf Hauptpersonen.

Das (typisch barocke) Erfolgsrezept von „L’Olimpiade“ ist, wie dies auch Christian Baier in seiner Abhandlung „Väter und Söhne“ ausführt, u.a. auf interpersonelle Spannungsverhältnisse in kammerspielhafter Verdichtung, vertrackte bis inzestuöse Liebesbeziehungen, emotionale Affekte bis zum Wahnsinn und versuchten Selbstmord, wundersame Errettungen, heroische, sentimentale, weihevolle und bukolische Momente zurückzuführen.

Musikalisch löst Vivaldi dem damaligen Opernusus gemäß nach einer dreiteiligen Sinfonie die komplexe, durch unzählige Volten markierte Handlung in einem da capo Gesangsmarathon auf. In 21 Arien, drei Chören und dem Duett Megacle-Aristea „Ne’ giorni tuoi felici“ legt Vivaldi seine ganze unvergleichliche Meisterschaft, die riesige Bandbreite an Affekten aus menschlichen Konflikten im Zusammenwirken von Macht, Generationenstreitigkeiten und wahnwitzigen Leidenschaften in erfindungsreiche, melodisch und harmonisch äußerst reizvolle Arien zu transponieren.

Die erste Aufführung im 20. Jahrhundert fand 1939 im Rahmen der Musikwoche Siena unter der Stabführung von Alfredo Casella statt. Verbürgt sind weiters Aufführungen im Théâtre des Champs-Élysées (2005 De Marchi, 2024 Jean-Christophe Spinosi) und im Schlosstheater Schwetzingen 2007.

Über 20 Jahre nach Rinaldo Alessandrini haben 2023 Alessandro De Marchi, das Innsbrucker Festwochenorchester und der Coro Maghini Vivaldis „L’Olimpiade“ nochmals eine Frischzellenkur verpasst. Im Unterschied zur Aufnahme aus dem Jahr 2002 hat sich De Marchi dazu entschieden, die Figuren des Megacle und des Licida statt mit Frauenstrimmen mit Countertenören (Raffaele Pe, Bejun Mehta) zu besetzen. Der Bariton Christian Senn darf als Clistene den königlich olympischen Spielmeister mit rauem Bass geben: Seine Tochter Aristea wird von der alle Register ihres Stimmfachs fulminant einsetzenden Altistin Margherita Maria Sala verkörpert. Benedetta Mazzucato gibt eine ebenso faszinierende Argene, in allen Prismen leuchtet ihr kostbarer Sopran. Eleonora Bellocci leiht der Hosenrolle des Erziehers des Licida, Aminta, ihren gut in der Maske verankerten lyrischen Sopran. Luigi De Donato ergänzt das Ensemble mit ansprechendem Bass als Alcandro, Vertrauter des Clistene.

Instrumental spielen die beiden bislang besten und auch vollständigsten Aufnahmen von Opus 111 und aus Innsbruck 2023 auf etwa dem gleich hohen Level, historisch informiert, lebendig und die mannigfaltig kontrastierenden Stimmungslagen beredt auskostend. Aufnahmetechnisch kann der hier vorgestellte Mitschnitt aus Innsbruck mit einem wärmeren und räumlich tieferen Klangbild aufwarten. Das Booklet der Vivaldi-Edition wartet dafür mit dem vollständigen Textbuch in drei Sprachen auf.

Von den vokalen Leistungen her hat die Aufnahme aus Innsbruck leicht die Nase vorne. Vor allem der zur Zeit der Aufnahme 54-jährige amerikanische Countertenor Bejun Mehta beweist als Licida einmal mehr, wie sehr sein individuell unverwechselbares, kupferfarbenes Timbre, unmittelbarer Ausdruck, Stimmfülle und eine blitzsaubere Gesangstechnik einzigartige Hörerfahrungen bescheren. Die großartige Verzweiflungsarie des Licida in c-Moll ‚Gemo in un punto e fremo‘ aus dem zweiten Akt möge hier als aussagekräftiges Beispiel dienen. 

Aber auch der junge italienische Counter Raffaele Pe als Megacle macht mit tollem Einsatz und immenser Spiellaune wett, was ihm an technischem Schliff und Feinstilistik abgeht. Allerdings schneidet Riccardo Novaro bei Alessandrini als Clistene mit wunderbar karamellfarbenem Bass eindeutig besser ab als Christian Senn bei cpo.

Hinweis: Die 50. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik finden dieses Jahr vom 24. Juli bis zum 30. August statt. Als Jubiläumsgabe steht Pietro Antonio Cestis 1668 in Wien uraufgeführte Festoper „Il pomo d’oro“ auf dem Programm. Sie wird an je zwei Abenden präsentiert (7./8., 11./12. und 15./16. August). Da Teile der Musik des 3. und 5. Akt verschollen sind, wurden diese von Ottavio Dantone unter Verwendung anderer Werke Cestis rekonstruiert. Wie das Festival mitteilt, wird die Oper mit 20 Sängern in 47 Partien, Chor- und Tanzszenen erstmals seit 1668 wieder in ihrer ganzen Dimension erlebbar sein. Aber auch Alessandro De Marchi ist wieder dabei und wird Antonio Caldaras Oratorium „Gioseffo“ am 19. August dirigieren.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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