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CD: ANTONIO VIVALDI: LE QUATTRO STAGIONI – DAISHIN KASHIMOTO und die BERLINER BAROCK SOLISTEN; Berliner Philharmoniker Recordings

01.05.2026 | cd

CD ANTONIO VIVALDI: LE QUATTRO STAGIONI – DAISHIN KASHIMOTO und die BERLINER BAROCK SOLISTEN; Berliner Philharmoniker Recordings

30 Jahre Berliner Barock Solisten: Zurück zu den Wurzeln puristisch dramatischer Klangvisionen im ländlichen Vèneto.

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Noch eine Aufnahme von Antonio Vivaldis viel gespieltem, allseits beliebtem und leider oft gemarterten Zyklus „Le quattro stagioni“? Drei Ja‘s! Erstens, wenn die vier Konzerte auf der Solovioline technisch so makellos virtuos und musikalisch plastisch darboten werden wie vom Ersten Konzertmeister der Berliner Philharmoniker seit 2009, Daishin Kashimoto, dann ist das ein Ereignis, das in der einschlägigen Schallplattengeschichte seinesgleichen sucht.

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Kashimoto folgt den Spuren des legendären Rainer Kussmaul, der das Ensemble Berliner Barock Solisten aus den Instrumentalistenreihen der Berliner Philharmoniker 1995 mitbegründete, 1997 selbst eine Einspielung als Solist vorlegte und das Ensemble bis zum Jahr 2012 leiten sollte. Kashimoto stellt sich damit aber in eine noch längere Tradition der großen Geiger des Orchesters wie Michel Schwalbé, der mit dem Stammorchester unter Herbert von Karajan Vivaldis Hitkonzerte 1972 aufnahm. Nicht zuletzt eröffnete Karajan, selbst am Cembalo agierend, den Kammermusiksaal der Philharmonie 1987 mit Vivaldis „Jahreszeiten“ unter Mitwirkung von Anne-Sophie Mutter.

Zweitens feiert das Programm den 300. Geburtstag der Erstausgabe von Vivaldis „Il cimento dell’armonia e dell‘inventione“ 1725. Und drittens fiel das Datum der Einspielung im Janner 2025 in den B Sharp Studios mit der 30. Wiederkehr der Gründung des Ensembles selbst zusammen.  

Der Unterschied zu den vorangegangenen Aufnahmen der Berliner Philis bildet die Tatsache, dass die Berliner Barock Solisten unter der aktuellen Leitung von Reinhard Goebel zwar auf modernen Instrumenten spielen, aber eben kompromisslos historisch informiert. D.h. unter anderen mit äußerst sparsamem Einsatz von Vibrato, speziellen Bogenstrichtechniken und einer scharf konturierten Artikulation.

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Die neue Aufnahme, die ich für die unsentimental gelungenste und klangtechnisch phänomenalste überhaupt halte, besticht durch eine unglaubliche Stringenz und Strenge in den Tempi (romantisierende Temporückungen sind absolut verpönt), der Entfesselung wahrer dramatischer Naturgewalten in den programmatisch beileibe nicht nur lieblich zwitschernden (‚Canto degl’uccelli‘), blätterrauschenden oder gewitterdräuenden, sondern das harte Leben ungeschminkt bis illusionslos zeigenden Tableaus. Natürlich folgen die klanglich lautmalerischen Schilderungen von Wetter und jahreszeitlicher, Freud‘, Müh‘ und Plag‘ keinem Selbstzweck, sondern stehen symbolisch für vielfältige Emotionen und die conditio humana im Ablauf eines Lebens generell.

Außer dem tanzend begrüßten Frühling, zeigen sich im Sommer bei gleißender Sonne schmachtende Hirten. Heftige Gewitter mit riesigen Hagelkörnern machen das Leben der Dorfbevölkerung unsicher und beschwerlich. In den Jubel von herbstlicher Ernte, angeregt vom Trank des Bacchus, mischt sich der Gedanke der Vanitas, konkret des quälend langsamen Todes in Gestalt eines angeschossenen, schließlich sterbenden Fuchses. Für den Winter kündet das Sonnett, das der Druckfassung vorangestellt ist, von bitterkaltem Wind und klappernden Zähnen. Das Eis selbst wird zur Metapher für das Scheitern: „Man geht schnell, rutscht aus und fällt zu Boden; geht erneut auf dem Eis und läuft schnell, bis das Eis kracht und zerbricht.“

Vivaldi schrieb die dem böhmischen Mäzen Graf Wenzel von Morzin gewidmeten Konzerte für die geplante Hochzeit von Prinz Philipp von Hessen-Darmstadt mit Eleonora Luisa Gonzaga di Guastalla, die aber nie stattfand. Nichtsdestotrotz bürgerte sich der Brauch ein, die Violinkonzerte mit den eingängigen Themen und rasanten Sätzen nicht nur bei Hochzeiten zu spielen, sondern die Wiedererkennbarkeit der Melodien als musikalische Signatures für Werbung, als Stimmungsmacher in Filmen oder als oberflächliche Hintergrundmusik jeglicher Art zu nutzen.

Die Zahl der Bearbeitungen und Arrangements ist Legion und reicht von „The New Four Seasons – Recomposed by Max Richter“ über eine Dresdner Fassung mit Bläsern bzw. eine für Akkordeon und Violine, eine für japanische Zithern bis zum Quartett „The Four Seasons of the Caribbean“ und elektronisch mit Synthesizern erstellte Aneignungen.

Mit der vorliegenden Neuerscheinung bekommen Sie glücklicherweise garantiert das Original der Konzerte in ihren dreisätzigen Strukturen, den charakteristischen Lichtwechseln in den variierenden Ritornellen, den ariosen Mittelsätzen und den stilisiert tänzerischen Finali. Falls Sie temporeiche, intensiv durchhörte und fulminant brillante Wiedergaben schätzen, sind sie hier richtig. Falls Ihnen nach sanfteren Zugängen mit flexibleren Tempi zumute ist, dann empfehle ich eher Alben mit I Musici, Itzhak Perlman oder Mutter/Karajan.

Die Aufnahme ist als CD/SACD (Hybrid) mit einer Cover-Collage aus den Vier Jahreszeiten von Johannes Itten und einem Essay von Benjamin Poores sowie als Download erhältlich.

Fotos: Website der Berliner Philharmoniker Recordings

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

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