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CD:  ANTONIO VIVALDI: CONCERTI PER FAGOTTO VI – SERGIO AZZOLINI mit L’Onda Armonica; Naïve

25.06.2026 | cd

CD:  ANTONIO VIVALDI: CONCERTI PER FAGOTTO VI – SERGIO AZZOLINI mit L’Onda Armonica; Naïve

„Kreativ und doch werkgetreu“: Die Referenzaufnahme schlechthin feiert ihren würdigen Abschluss

fagott

Das 1998 in Paris gegründete Label Naïve hat sich alleine mit der über eine weiträumige Zeit gedachten, äußerst gediegen und passioniert ausgeführten Vivaldi Edition mit Pauken und Trompete – oder sollen wir besser sagen mit Violine und Fagott? – nachhaltig in die Musikhistorie eingeschrieben. Musikwissenschaftlich wird es von Alberto Basso betreut. Wir halten aktuell bei Vol. 76 der Reihe. Das ist einem besonderen Ereignis gewidmet. Nämlich der Publikation des letzten Albums eines sechsteiligen Fagottkonzerte-Zyklus des venezianischen komponierenden katholischen Priesters, Geigers, Orchesterleiters und Pädagogen Antonio Vivaldi.

Mit den unvollständigen sind es unglaubliche 39, ganze 37 Fagottkonzerte hat Vivaldi zu Ende gebracht und damit einen solitären Fundus für brillante, die immense Farbpalette des Instruments ausschöpfende Fagottsolisten geschaffen. Dabei klingt dieses Instrument weder romantisch umwerbend noch glänzend poliert wie manch entfernter Verwandter aus der (Blech)Bläsergruppe.

Spieltechnisch gehören technisch rasante Läufe oder perlig schimmernde Tonketten kaum zum assoziierten Verständnis des vielmehr torfig-whiskyrauchig näselnden bis entenquäkenden Holzblasinstruments. Aber das Fagott kann zärtlich ins Ohr flüstern, in der hohen Lage angenehm kantabel plaudern und natürlich wundervoll selbstironisch humorig mit den Fingern schnipsen oder putzig die Augen rollen.

Im Zusammenhang mit berühmten Virtuosen oder speziellen Fagott-Komponisten des 18. Jahrhunderts, besonders Widmungsträgern oder möglichen Ur-Interpreten fallen immer wieder die Namen Giuseppe Biancardi, Antonín Reichenauer und Anton Moser (Möser). Letzterer war Fagottist im Orchester des Vivaldi-affinen Grafen Wenzel von Morzin, dem das Konzert RV 496, und wahrscheinlich auch diejenigen RV 473 und 500 dediziert sind. Moser erhielt damals Höchstgage, was Rückschlüsse auf sein Künstlertum, aber auch das Standing beim Grafen zulässt.

Zudem kommt der Dresdner Hofkapelle eine zentrale Rolle zu, was die Aufführungspraxis und die Klangabmischungen anlangt. Vivaldi hat nach den Erkenntnissen des aus Bozen stammenden Fagottisten Sergio Azzolini den Gestus und Klangcharakter nicht weniger seiner Fagottkonzerte den bläserlastigen „Dresdnern“ angepasst. Was Vivaldi nicht tat, vollendete Konzertmeister Johann Georg Pisendel, indem er zusätzliche Bläserstimmen in die Partituren einfügte. Wie Cesare Fertonani betont, ließen es die Kompositionen im Prinzip zu, die Instrumentierung den zur Verfügung stehenden Besetzungen anzupassen.  

Das Erstaunlichste ist, wie sehr Vivaldi zu diesen fantastischen, individuell im Vergleich zu den spritzigen, in den Adagios oft nur leicht verhangenen Violinkonzerten so gänzlich andersartigen Fagottkonzerten Stimmungsvarianten, Themen und dramaturgische Narrative ersann, die ein rhetorisches Alleinstellungsmerkmal in Relation zum übrigen Oeuvre bilden.

Auf dem im Santuario della Beata Vergine di Ariadello in Soresino im August 2022 eingespielten Album Nr. VI sind sieben Konzerte zusammengefasst: RV 501, 478, 487, 468/399, 482/406, 466 und 402.

Als Außergewöhnlichstes darf das Konzert RV 501 in B-Dur, „La Notte“, das einzige programmatische in der Serie überhaupt, gelten. Mit seinem jegliches Zeitgefühl in völliger Dunkelheit außer Kraft setzenden Largo, den vom Fagott verzerrt intonierten, gespenstischen nächtlichen Umtrieben (I Fantasmi), dem allmählichen zur Ruhekommen im Schlaf sowie der heraufdämmernden Morgenröte (Sorge l’Aurora, die auf die Arie ‚Chi seguir vuol la costanza‘ aus der Oper „Ottone in villa“ bezugnimmt) handelt es sich um ein höchst originelles Spitzenwerk aus der Feder Vivaldis.

Die beiden nur unvollständig überlieferten Konzerte RV468 und 482 hat man mit Sätzen aus Vivaldis Cellokonzerten RV 399 und 406 ergänzt.  

Sergio Azzolini bietet gemeinsam mit dem von ihm gegründeten und künstlerisch geleiteten, auf historischen Instrumenten musizierenden Ensemble L’Onda Armonica expressiv eloquente Interpretationen an, die zum Besten, Stimmungsvollsten und Glänzendsten gehören, was die Vivaldi-Diskografie zu bieten hat. Falls Sie das Fagott bislang nur als am Rande akzentuierte Stichwortgeber und Farbkleckser gekannt haben sollten: Sie werden sich wundern, was dieses Instrument alles an Nuancen und charakterstarken Interventionen hergibt, falls es so überwältigend gespielt wird wie Azzolini uns das vorführt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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