CD ANTONIO SARTORIO: GIULIO CESARE IN EGITTO – Live-Mitschnitt aus dem Tiroler Landestheater im Rahmen der Innsbrucker Festwochen vom 25., 26. und 28. August 2004, Fra Bernardo

Einige Jahre hat es gedauert, bis der Rundfunk-Mitschnitt von Antonio Sartorios Dramma per musica „Giulio Cesare in Egitto“ seinen Weg wieder auf Tonträger fand. 2005 war Sartorios Meisterwerk in der ORF Edition für Alte Musik publiziert worden und hatte prompt von der französischen Musikzeitschrift „Diapason“ die goldene Stimmgabel ‚Diapason d’or‘ dafür eingeheimst. Da wir wissen, wie das Tonträger-Business läuft, waren die Alben bald vergriffen und aus wars. Jetzt legt das österreichische Alte Musik Label Fra Bernardo die Oper neu auf, tontechnisch remastered, in einer einfachen Papp-Aufmachung ohne Booklet. Wer das Libretto lesen will, muss auf einen QR-Code zugreifen.
Das vokale Niveau der Giulio Cesare Aufführungen der Innsbrucker Festwochen für Alte Musik 2004 war überwiegend sehr gut, aber nicht durchgehend. Die wahre Pionierarbeit leistete der Musikwissenschaftler und Dirigent Attilio Cremonesi, der teils nur partiell erhaltene Musikdokumente durchforstete, eine theatertaugliche venezianusch-neapolitanische Mischfassung daraus erstellte und in einer Arie sogar als Komponist auftrat.
Ist Georg Friedrich Händels 48 Jahre später entstandener „Giulio Cesare in Egitto“ auf ein von Nicola Francesco Haym auf Grundlage des von Sartorio verwendeten Textes von Giacomo Francesco Bussani erstelltes Libretto ein vielfach inszenierter und aufgenommener barocker Dauerbrenner auf Bühne und Tonträgern, so ist die erste moderne Aufführung der am 17.12.1676 am venezianischen Teatro San Salvatore uraufgeführten Version des Stoffes von Antonio Sartorio auf historischen Instrumenten nun wieder verfügbar.
Als Zeitgenosse des alternden Francesco Cavalli erlangte der gebürtige Venezianer Sartorio, im Brotberuf ab 1666 Maestro di cappella am Hof des Herzogs Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg in Hannover, während der in Venedig verbrachten Wintermonate einen gewissen Einfluss auf das blühende Opernleben der Stadt. Auch wenn die Aufgabe nebstbei darin bestand, „Massenzio“ von Cavalli mit lebendigen Arien aufzuhübschen, war Sartorio natürlich bestrebt, während der Karnevalszeiten seine eigenen Opern in „La Serenissima“ aufgeführt zu wissen.
Seine Mission lautete, die besten Sänger zu rekrutieren und die neuesten Kompositionen für den Hannoveraner Hof an Land zu ziehen. Sartorio konnte sich jedoch gleichzeitig mit den Neuerungen der venezianischen Musikszene und -geschmackes ständig auf dem Laufenden halten. Als er 1675 den Job in Hannover an den Nagel hängte, ließ in Venedig die Ernennung zum Vize-Kapellmeister von San Marco nicht lange auf sich warten.
Eines der ersten Opern-Großereignisse in dieser Zeit war die Uraufführung des „Giulio Cesare in Egitto“, Sartorios zehnter Arbeit für das Musiktheater. Wie im späten 17. Jahrhundert in Venedig üblich, ging es den Komponisten und Librettisten um schräg bis skurril travestierte Unterhaltung, ironisierende bis brillante Vokalnummern, beißende Komik und Satire auf politische Intrigen.
Wie famos Sartorio diese Aufgaben bewältigte, davon bietet die vorliegende Aufnahme ein kulinarisch appetitanregendes Exempel. Dass die damalige Aufführung kurzweilig und spannend zugleich geriet, und das trotz der über 55 Arien und Duett (die von den 70 vorhandenen gewählt wurden), ist in erster Linie der künstlerischen Gestaltung und Interpretation von Attilio Cremonesi zu danken.
Die Arbeit an den nur bruchstückhaft vorhandenen Materialien samt Rekonstruktion des Fehlenden muss enorm gewesen sein. Von der venezianischen Fassung war nur ein Manuskript mit den Arien ohne Orchesterbegleitung erhalten. Daher musste sich Cremonesi auf weitere Quellen stützen, als da wären das gedruckte Libretto der Uraufführung 1676 zwecks Neufassung der Rezitative und die Partitur einer späteren Aufführungsserie aus Neapel 1680. Letztere wich jedoch erheblich von der venezianischen Fassung, etwa mit großzügiger bemessenen komischen Szenen, ab.
Cremonesi entschied sich in einer Fassung unter Verwendung aller Quellen dazu, den dreistimmigen Streichersatz auf fünf zu erhöhen sowie Instrumentales aus anderen Opern Sartorios für Introduktionen, Szenenwechsel und Tänze (am Ende der Akte eins und zwei) einzufügen. Die Continuogruppe um Cello, Viola da Gamba, Violone, Claviorganum und Cembalo erweiterte der Dirigent um Theorbe, Laute, Gitarre und Harfe.
Der typisch frühbarocke Musikstil Sartorius baut auf die deklamatorische Musiksprache eines Monteverdi oder Cavalli, entwickelt sie vokal wahrlich spektakulär weiter. Das Werk nährt sich von markanten Melodien, rasanten Wechseln episodischer Szenen, einer immensen erzählerischen Dichte durch nahtlosen Übergang von Rezitativen zu Arien und charmanten bis ins Groteske sich steigernden liedhaften Einlagen. Die Solonummern sind in der Regel kurz und in sich geschlossen, manche werden nur vom Continuo oder ostinatem Bass begleitet, andere wiederum weisen Strophen- oder da capo-Form auf.
Figuren und Handlungsstränge sind teilweise aus Händels populärer Oper bekannt. Dennoch bestehen gravierende Unterschiede in der Dramaturgie (wesentlich flotterer Rhythmus von Rezitativen, Arien und Instrumentalem bei Sartorio), erweiterte Personenkonstellationen mit mehr Nebenfiguren, mehr Verkleidung (z.B. tritt Sesto als Mädchen, Cornelia als Offizier auf) und burleske Travestien, etwa in der die Figur der komischen Amme Rodisbe, auf die Händel verzichtete. Natürlich hat Händel die psychologisch ausgedeuteteren Charaktere und emotional tiefgründige Arien, von denen einige bis heute den Status unvergesslicher Opernschlager haben.
Attilio Cremonesi dirigiert das La Cetra Barockorchester und Vokalensemble vollmundig mit Temperament, beschwingt bis rasant, instrumental anregend bis grell zupackend. Die live-Bühnenatmosphäre teilt sich in jedem Augenblick auf das farbigste und spielfreudigste mit.
Die Besetzung prunkt mit der dramatischen Sopranistin Alexandrina Pendatschanska als staatsräsonierend verliebtem römischen Kaiser Giulio Cesare. Die argentinische Barockmusikspezialistin Maria Cristina Kiehr bezirzt das Ohr als Vertrauter der Cleopatra Nireno. Die zwei komischen Rollen sind mit dem französischen Countertenor Dominique Visse als schrecklich lachhaftem Tolomeo und dem legendär ausdrucksintensiven amerikanischen Charaktertenor Steven Cole als köstlich keifender Amme der Cleopatra, Rodisbe, hervorragend abgedeckt. Der italienische Bass Frederico Sacchi als Achilla und die lyrische Sopranistin Amel Brahim-Djelloul als Sesto Pompeo, Sohn des Pompeo und der Cornelia, sowie der elegante Tenor des Südafrikaners Andries Cloete als römischer Tribun Curio steuern ebenso sängerlisch hoch erfreuliches zum Gelingen bei.
Weniger gut bestellt ist es um die vokalen Qualitäten der Spanierin Laura Alonso als ägyptischer Königin Cleopatra und der französischen Mezzosopranistin Claire Brua als Cornelia, Frau des Pompeo Magno: Zu viel Vibrato, zu wenig Agilität.
Fazit: Ein Kennenlernen mit einer „narrischen“ Oper mit viel Klamauk, Liebesverstrickungen, Wortspielen, insgesamt gnadenlos unterhaltsam und einem barocken Supersound, der sich gewaschen hat!
Dr. Ingobert Waltenberger

