Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD ANTONIO DRAGHI/LEONARDO GARCÍA ALARCÓN: EL PROMETEO – Weltersteinspielung; Alpha

Wann ward es erlebt, dass ein Italiener einen Text auf Spanisch vertonte?  Voila: “El Prometeo” vor den Vorhang!

13.03.2020 | cd

CD ANTONIO DRAGHI/LEONARDO GARCÍA ALARCÓN: EL PROMETEO – Weltersteinspielung; Alpha

Wann ward es erlebt, dass ein Italiener einen Text auf Spanisch vertonte?  Voila: “El Prometeo” vor den Vorhang!

Leidenschaftliche spanische Tanzrhythmen, Kastagnetten, barock mäandernde Melodien, Koloraturperlenketten, kokette Triller, an Monteverdi erinnernde durchlaufende Melodien einer iberischen expressiven Variante des florentinischen recitar cantando, all das finden wir in der faszinierenden Musik dieses Antonio Draghi. Diesen bedeutenden am Wiener Hof etablierten Musiker des 17, Jahrhunderts wird wohl kaum einer der selbst eingefleischtesten Opernexperten kennen. Also gilt es nachzulesen.

Was bei der Befassung mit vergessenen Opernkomponisten nicht alles zu lernen ist: Der 1635 in Rimini geborene und 1700 in Wien verstorbene Antonio Draghi war ein bedeutender Hofkomponist der Habsburger: Nach einer kurzen Sängerlaufbahn in Ferrara kam Draghi 1658 nach Wien, wo er als Nachfolger Schmelzers zum Hofkapellmeister ernannt wurde. Außerdem ist er an der Donauresidenz als Dramatiker, Komponist und Intendant tätig. Ab 1661 verfasst er Libretti; zunächst sepolcri (eine Wiener Variante von Oratorien), später Opern. Er arbeitet als Textbuchlieferant mit den großen Komponisten seiner Zeit zusammen, Bertali, Schmelzer und Ziani. Der erfolgreiche Poet entschließt sich, Komponist zu werden: Dreißig Jahre lang beliefert er den Hof mit Opern für den Karneval und andere Lustbarkeiten, wobei er häufig eigene Libretti vertont. Der überaus produktive Komponist verfasst über 160 große Werke aller möglichen Gattungen (Oper, Bühnenfeste, Ballett, Oratorium); sie sind noch immer weitgehend unveröffentlicht.

Dieses im Booklet zur Oper geteilte historische Panorama wäre ziemlich grau, wenn nicht die vorliegende Einspielung so grandios gelungen wäre. Die hohe Qualität des Opernschaffens im 17. Jahrhundert ist mit diesem kastilisch gesungenen „El Prometeo“ jetzt auch im Kern eine ureigene Wiener Angelegenheit. Jetzt wissen wir, dass neben den in Italien aktiven Genies Monteverdi und Cavalli auch in Wien ein ebenbürtiges musiktheatralisches Talent wirkte. Draghi hat in seiner Jugend übrigens als Sänger in Cavallis “Erismena” mitgewirkt. 

Die Oper “El Prometeo” basiert auf Calderóns 1669 in Madrid uraufgeführter Komödie „La estatua de Prometeo“. Sie wurde am 22.12. desselben Jahres anlässlich des Geburtstags der spanischen Königin uraufgeführt. Der Witz der Handlung ist, dass Prometeo in der liebeswirren Story sich in eine von ihm selbst geschaffene Statue verliebt. Nach vielerlei Irrungen und Wirkungen der Handlung sowie durch überwiegend heiter wirkende Musik abgemilderte Szenen, wie der Bestrafung der Arachne wegen Beleidigung von Göttern – sie verwandelt sich in eine Spinne, die mit ihren eigenen Eingeweiden spinnen muss – folgt das versöhnliche Finale: Jupiter gewährt großzügig Vergebung und lässt Prometeo von seinem Sohn Hercules vom leberhackenden Geier befreien. Damit nicht genug, verzichtet der erotischen Abenteuern gegenüber durchaus aufgeschlossene Gott auf die Liebe zur Nymphe Tetis und lässt Peleo freie Bahn. Nisea erhält für ihre Standhaftigkeit Prometeos Zuneigung als Lohn.

Zur Aufnahme: Der dritte Akt fehlt in der Partitur. Daher hat Dirigent Alarcón den Akt nachkomponiert, um die beiden ersten originalen und originellen Akte dem Vergessen zu entreissen. Alarcón agiert hier wie ein “Maler, der seine Farben ausschließlich einer bestimmten Palette entnimmt”. Allerdings mit der Erweiterung, dass das Wiener Opernschaffen bis Mozart bietet. Stilistisch steht der dritte Akt somit in der Reihe Cesti, Draghi, Caldara bis Mozart. Was die Instrumentierung anlangt, so hat Alarcón für die ausschließlich für Privataufführungen am Hof gedachte Oper folgende Orchester-Besetzung gewählt: Kornette, Flöten, Barockposaune, Fagotte, Harfe, Streicher und Cembalos. 

Der im Juni 2018 im Auditorium der Opéra de Dijon aufgenommene  “El Prometeo” wird von der Cappella Mediterranea, dem Coeur de Chambre de Namur und einer wunderbar spielfreudig-göttlichen Solistenschar ohne Schwachstelle realisiert: Fabio Trümpy (Prometeo), Scott Connor (Peleo), Mariana Flores (Tetis), Giuseppina Bridelli (Nisea), Borja Quiza (Satyro), Zachary Wilder (Mercurio), Ana Quintans (Minerva), Kamil Ben Hsain Lachiri (Hercules), Victor Reinhold (Pandora), Alejandro Meerapfel (Jupiter) und Lucía Martín-Cartón (Aragne). Sie alle beherrschen die Kunst der rezitativisch geprägten Gesänge, agieren trotz aller Verzierungen stets wortdeutlich und ausdrucksvoll. Leonardo García Alarcón als künstlerischer Drahtzieher sorgt für eine flüssige, temporeiche musikalische Aktion. Eine rundum gelungene Sache!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken