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CD: Antonin Dvořák Sinfonie Nr. 9 „Aus der neuen Welt“ Carlos Simon Four Black American Dances Pittsburgh Symphony Orchestra  Manfred Honeck, musikalische Leitung Reference Recordings, FR-769SACD

03.07.2026 | cd

Eine neue Referenz — und ein aufregender Fund

dvora

Manche Werke haben das Schicksal, zu Tode geliebt zu werden. Dvořáks Neunte ist so ein Fall. Kaum ein Stück im sinfonischen Repertoire wurde öfter aufgenommen, kaum eine Melodie ist bekannter — und kaum eine Komposition läuft damit mehr Gefahr, beim Hören in einen wohlwollenden Dämmerzustand zu versinken. Man kennt sie eben. Man nickt. Man hört halb hin.

Dann kommt Manfred Honeck, und man hört alles plötzlich zum ersten Mal.

Das ist keine Übertreibung. Diese im Februar 2025 live im Heinz Hall in Pittsburgh aufgezeichnete Einspielung hat das Zeug, die eigene Hörbiografie neu einzustellen. Nicht weil Honeck spektakuläre Tempokapriolen riskiert oder das Werk in unkenntliche Modernität taucht — sondern weil er es mit einer Ernsthaftigkeit behandelt, als stünde das Leben auf dem Spiel. Jede Phrase atmet. Kein Moment wirkt wie Durchzug, wie Pflicht, wie dekoratives Beiwerk. Alles klingt wichtig!

Die Einleitung beginnt sehr lyrisch und zurückgenommen — Honeck folgt Dvořáks eigener Anweisung, das Tempo „so weit wie möglich“ auszureizen. Der erste Hornruf klingt wie ein Signal aus der Ferne, irgendwo zwischen einlaufendem Dampfschiff und böhmischer Feldpostbote. Dann die gewaltigen Fortissimo-Akkorde: ein Erwachen. Und vom ersten Takt des Allegro an ist klar, dass hier keine Routineveranstaltung stattfindet. Honeck ist ein Analytiker der besonderen Art — einer, der seine Partiturgespräche nicht im Konferenzzimmer führt, sondern auf dem Podium. Im sehr lesenswerten Booklet erklärt er, wie er etwa in Takt 47 das Crescendo schon bei Piano beginnt statt bei Forte, um den Spannungsbogen zu formen. Oder wie er die Pauke auf die tatsächliche Basslinie ausrichtet, weil Dvořáks Notation schlicht den damaligen Entwicklungsstand der Kesselpauken widerspiegelt, nicht den kompositorischen Willen. Solche Eingriffe klingen nach Philologie — und klingen in der Praxis schlicht überzeugend. Die beschließende Coda des ersten Satzes trifft wie ein Tsunami. Überwältigend.

Acht Takte hat die Tuba in der gesamten Sinfonie — alle im Largo, am Anfang und am Ende. Honeck weist im Booklet eigens darauf hin, und tatsächlich: Man hört diese acht Takte mit neuen Ohren, wenn man weiß, wie bewusst Dvořák diese dunkle Grundierung gesetzt hat. Dann schweigt das mächtige Instrument wieder, und der Choral der Blechbläser und Klarinetten trägt die Musik ins Unendliche. Das Englischhorn-Solo — Dvořáks berühmte Hiawatha-Trauermelodie für die verstorbene Minnehaha — wird von Ian Woodworth mit berührender Schlichtheit gespielt. Keine Sentimentalität, keine Selbstdarstellung. Nur die Musik, nackt und direkt. In den dynamischen Echowirkungen scheint die Zeit buchstäblich stehenzubleiben.

Was Honeck dann mit dem Mittelteil anstellt, ist famos: Er erspürt, wie Dvořák das klagende Englischhorn-Motiv in einen geradezu scherzohaften Charakter transformiert — typisch tschechischer Volkston, Akzente auf dem dritten und vierten Schlag, federnde Leichtigkeit, die man so in keiner anderen Aufnahme findet. Und die Rückkehr des Solos, begleitet von immer weniger Streichern, mit Melodiepausen wie ein stockender Herzschlag — das ist große Programmmusik ohne jeden Kitsch. Transzendenz, nicht als Effekt, sondern als Ergebnis.

Das Scherzo ist ein Fest des Rhythmus — Honeck lässt die Musik wippen und tanzen, mitreißend und präzise. Dann das Trio: ein urplötzlicher Ortswechsel nach Böhmen. Die Holzbläser trillern, die Streicher schweben, eine Idylle tut sich auf — aber in den leicht ruppigen Streicherakzenten klingt an, dass vielleicht doch nicht alles so heil ist, wie es klingt. Dvořák in Amerika, der von der Heimat träumt und ahnt, dass das Träumen nicht dasselbe ist wie Ankommen.

Mit brennendem Feuer stürzt sich Honeck in das Finale. Die Kontraste werden bis zum Anschlag ausgereizt — stampfende Wucht, dann plötzliche Zärtlichkeit, dann wieder der Ausbruch. Den einzigen Beckenschlag der Partitur lässt Honeck melodisch aufwerten statt beiläufig zu verrauschen: Man spürt diesem besonderen Klang nach. Und wenn am Ende das e-Moll-Hauptthema in ein strahlendes E-Dur umschlägt, dann ist das kein Triumph, sondern ein Schmerz in Dur: Dvořák, weit weg von der Heimat, die er nie mehr so wiedersehen wird wie in seiner Erinnerung. Honeck macht diesen Augenblick durchrüttelnd hörbar, ohne ein Wort zu sagen.

Carlos Simon: Four Black American Dances

Die zweite Hälfte dieser Veröffentlichung ist eine Entdeckung anderer Art: die Weltersteinspielung von Carlos Simons 2023 uraufgeführten Four Black American Dances — ein Werk, das in seiner Kürze (gut vierzehn Minuten) weit mehr erzählt, als man zunächst ahnt. Simon, 1986 in Atlanta geboren, entstammt einer langen Linie von Predigern und ist tief in der Welt des Gospel verwurzelt. „Musik ist meine Kanzel — da predige ich“, hat er gesagt. Das klingt nach Programmatik, aber Simons Musik predigt nicht, sie erzählt. Mit Witz, mit Wärme, mit gelegentlich scharfer Klinge.

Das erste Stück, Ring Shout, beschwört einen ekstatischen religiösen Ritualtanz herauf, den versklavte Afrikaner in den Südstaaten und der Karibik praktizierten — kreisend, stampfend, klatschend. Honeck lässt den Schlagzeuger mit einem schweren Holzstock auf einem Holzboden schlagen, dazu rasende Passagen in Streichern und Bläsern: rhythmischer Drive, der die Musik in Bewegung setzt und dort hält.

Der Waltz ist das vielschichtigste der vier Stücke. Debutantenbälle in der schwarzen amerikanischen Gesellschaft entstanden erst in den 1930er Jahren — Simon weiß das und steckt in seinen eleganten Walzertakt ein leises Unbehagen. Hinter der gepflegten Oberfläche lauern Spannungsakkorde, die ahnen lassen, dass Würde unter Druck eine andere Würde ist als die der Selbstverständlichkeit.

Tap — anderthalb Minuten, kurz und knackig — imaginiert den Klang der Stepptanz-Schuhe durch den Seitenrand einer kleinen Trommel. Die Streicher spielen in abgehackten Pizzicato-Gesten, das Blech holt Jazz-Harmonien hervor: ein kleines Kabinettstück, das mehr Vergnügen bereitet, als seine Dauer ahnen lässt.

Und schließlich Holy Dance — feierlich, erhaben, groß am Anfang. Dann öffnet Simon ein weites Feld: Er lässt das Orchester in einem halb-improvisierten Modus spielen, das klingende Äquivalent einer Gemeinde, die in Zungen spricht. „Praise Break“ nennt sich dieses musikalische Phänomen in den Pfingstkirchen — wenn die Musik einfach vorwärtsdrängt, unaufhaltsam, bis die Gemeinde in kollektiver Ekstase aufgeht. Das Blech, angeführt von den Posaunen, treibt die Musik in ein klimaktisches Finale, das mit dem Amen-Schluss endet: Ruhe nach dem Sturm, Amen nach der Ekstase.

Simon ist derzeit Composer-in-Residence beim National Symphony Orchestra in Washington und inaugural Composer Chair des Boston Symphony Orchestra — und ab September 2026 ein Jahr lang Gast beim Königlichen Concertgebouworkest in Amsterdam. Diese Aufnahme macht verständlich, warum die großen Orchester der Welt sich um ihn reißen.

Diese CD ist eine doppelte Entdeckung: eine Neunte, die klingt, als würde man sie zum ersten Mal hören — und ein zeitgenössisches Werk, das zeigt, dass die Tradition nicht erschöpft ist, sondern lebt. Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra spielen auf einem Niveau, das Staunen hinterlässt; und dass das alles live eingespielt wurde, macht es noch unglaublicher. Reference Recordings hat wieder einmal seinem Namen alle Ehre gemacht.

Uneingeschränkte Empfehlung.

Dirk Schauß, im Juli 2026

 

Antonin Dvořák
Sinfonie Nr. 9 „Aus der neuen Welt“
Carlos Simon
Four Black American Dances
Pittsburgh Symphony Orchestra 
Manfred Honeck, musikalische Leitung
Reference Recordings, FR-769SACD

 

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