CD ANTON BRUCKNER: TE DEUM, MESSE NR. 3 in f-MOLL, PABLO HERAS-CASADO dirigiert das SWR-Symphonieorchester; SWR-Music
Theatralisch überdreht, spirituell kühl

Im Zusammenhang mit Bruckners neun Symphonien wird immer wieder von Gottesfurcht und tiefem Glauben des Komponisten gesprochen, um über Fragen von Wesen, Stil, Motiven und musikalischen Strukturen hinaus das Innerste seiner Musik zu ergründen. Die meist blechbläsergestützten orgelähnlichen Klangcluster und himmlischen Fanfaren der Bruckner’schen Symphonik sprechen genau diese Sprache. Das Desideratum gilt erst recht für die sakralen Spitzenwerke „Te Deum“ und die „Messe in f-Moll“.
Während der Endphase der Sechsten Symphonie in Angriff genommen, finalisierte der Komponist den großteils 1881 entstandenen Lob, – Dank- und Bittgesang „Te Deum“ in den Jahren 1883/84. Als mächtiges Glaubensbekenntnis konzipiert, handelt es sich um eine feierliche, monumental bis innig flehentliche musikalische Anrufung für Chor, Solisten und Orchester. In strahlendem C-Dur eröffnet, dann nach f-Moll und d-Moll wechselnd, glänzt der Schluss mit dem Doppelfugen-Hymnus ‚In te, Domine, speravi‘ und dem wuchtigen Choral über ‚Non confundar in aeternum‘ wieder in gloriosem C-Dur.
Auf dem neuen SWR-Album hören wir eine Live-Aufnahme des „Te Deum“ aus der Liederhalle Stuttgart vom September 2024 (die Aufnahme der „f-Moll Messe“ stammt vom März 2025). Nun, um es gleich vorwegzunehmen: das „Te Deum“ war für mich eine große Enttäuschung. Statt eines getragen feierlichen Beginns mit Kraft, hetzt und rast Pablo Heras-Casado durch das anfängliche ‚Te deum laudamus‘, als handelte es sich nicht um eine große demütige, wenngleich einstimmig als „Ja“ akkordierte Gottes-Anrufung, sondern um einen Schlachtgesang der himmlischen Heerscharen. Braucht Heras-Casado für den ersten Satz knappe 5:17, so stelle ich dem absichtlich das andere zeitliche Extrem einer Aufnahme mit den Münchner Philharmonikern unter Sergiu Celibidache (Live Mitschnitt aus der Lukaskirche Münchnern vom 1.7.1982, ursprünglich erschienenen bei EMI) gegenüber. Mit 9:42 zelebriert dieses Chorstück so in getragener innerer Ruhe das auf frühmittelalterlichen Gesängen bauende Psalmodieren und Deklamieren. Da uns das „Te Deum laudamus“ keine Horde wilder Reiter verdeutlichen will, könnte es sein, dass mit Allegro hier frei nach Carl Czerny ‚majestätisch, großartig erhaben‘ gemeint sein könnte. Und nicht ein (besonders) schnelles Tempo. Sollte der Allmächtigste ein Wiener sein und die Aufnahme hören, kann ich mir vorstellen, dass er bei sich denkt: „Nur net so hudeln.“
Der mit „Parsifal“ sehr erfolgreiche Bayreuth-Debütant 2023 bekommt sich dann aber ein und setzt mit einer weitaus differenzierteren Lesart seine noch immer theatralische Sicht auf das Werk fort, das Bruckner nicht ohne Grund mit „A.M.D.G.“ = Ad maiorem Dei gloriam“ überschrieb und dem Komponisten eine Eintrittskarte ins Paradies sichern sollte. Die Tenorsoli ‚Te ergo quaesumus‘ sowie ‚Salvum fac populum‘ erreichen dank der überragenden Leistung des Tenors Daniel Behle (die übrigen Solisten mit Christina Landshamer Sopran, Sophie Harmsen und Franz-Josef Selig Bass halten ein akzeptables Niveau) jene Dringlichkeit und glühende Glaubensemphase, die das „Te Deum“ von Bruckner vor allen anderen auszeichnet.
Das SWR-Vokalensemble und der WDR-Rundfunkchor machen ihrer Zunft und Gott alle Ehre. Sie legen mit der nötigen vokalen Power nicht nur eine mustergültige wie aufrüttelnde Fuge ‚In te Domine speravi‘ hin, sondern stellen die gesamten Konzerte hindurch ihr stupendes Können unter Beweis.
Die 2025 eingespielte Messe Nr. 3 in f-Moll weist eine graduell bessere Tonqualität auf und wirkt interpretatorisch und vokal (Solisten Erika Baikoff Sopran, Wiebke Lehmkuhl Alt, Sebastian Kohlhepp Tenor, Matthew Rose Bass) geschlossener als das „Te Deum“. Als Dank für die wiedererlangte Gesundheit nach schwerer Krankheit 1867 skizziert und 1868 fertig instrumentiert, wurde die Messe am 16.6.1872 unter Bruckners Leitung in der Wiener Augustinerkirche uraufgeführt. Bruckner gelang ein wundersames Amalgam aus historischen Stilelementen sowie eine dramaturgisch vollendete Durchdringung von Chor, Solisten und Orchester mit dem Credo samt der Auferstehung von Jesus Christus von den Toten als liturgisches und musikalisches Zentrum. Kleiner Zeitvergleich Credo: Heras-Casado 16:12 Minuten, Celibidache 24:13 Minuten.
Heras-Casado konzentriert sich in der durch die Abfolge von Moderato und Allegro Abschnitte charakterisierten Messkomposition auf starke bis grelle Kontrastwirkungen und eine alle emotionalen Extreme opernhaft auslotende Ausdrucksintensität. Die Chöre überraschen demgegenüber mit einem schwebend tragenden Piano im Ausklang des Kyrie, bevor sie im Gloria erhaben auftrumpfen, die Fuge ‚in gloria dei’ maschinell zügig abspulen und das ‚et resurrexit‘ in lautem Jubel dramatisch feiern.
Das SWR-Symphonieorchester zeigt besonders in der das Mysterium der Messfeier erhöhenden Musik der f-Moll Messe, welche Qualität (Holz!) und Finesse in ihm steckt. Da begegnet der Hörer endlich dem alle Tore zum Himmel öffnenden Anton Bruckner, was man von erstklassigen Ensembles in musikalischer und spiritueller Geberlaune auch erwarten darf. Wiewohl über die rasante Tempowahl etwa zu Beginn des Credos wieder trefflich gestritten werden könnte.
Dr. Ingobert Waltenberger

