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CD ANTON BRUCKNER: SYMPHONIEN Nr. 3, 4, 6, 7, 8 und 9 – Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks MARISS JANSONS; BR Klassik  

14.11.2020 | cd

CD ANTON BRUCKNER: SYMPHONIEN Nr. 3, 4, 6, 7, 8 und 9 – Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks MARISS JANSONS; BR Klassik

 

Karajan und Celibidache, Jochum, Wand und Furtwängler, jeder auf seine Art und Weise begeistern für ihre aufregenden Bruckner Interpretationen. Spätestens mit der Veröffentlichung dieser Box zählt auch Mariss Jansons zu den allerersten Bruckner-Spitzendirigenten auf Schallplatte, die wirklich etwas spezifisch Eigenständiges zu diesem großen österreichischen Symphoniker zu sagen haben. Schade nur, dass Jansons durch sein frühes Ableben bedingt, nicht mehr dazu kam, den begonnenen Zyklus mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) zu vervollständigen. Die Fünfte war schon fest eingeplant, wurde aber nicht mehr realisiert. 

 

Das BRSO kann auf eine lange Bruckner-Tradition verweisen. Nach der Gründung des Orchesters 1949 waren es Eugen Jochum, Rafael Kubelik und Lorin Maazel, die den Komponisten oft in ihren Konzerten aufs Programm setzten, aber auch Wegweiser in der Bruckner Diskographie einschlagen konnte. Der vollständige Maazel-Zyklus, der auch die “Nullte” umfasst,  ist ebenfalls bei BR-Klassik erschienen. 

 

Mariss Jansons schöpft aus den Partituren alles das heraus, was der Komponist akribisch festhielt. Aber nicht nur Präzision und Werktreue zeichnen den Ansatz Jansons aus. Der Dirigent vermochte es, mit einem unerhörten Klangfarbenreichtum musikalische Kathedralen zu errichten, wo Architektur mit spiritueller Tiefe eine Unio mystica eingeht. Renate Ulm hat sich die Probenmitschnitte genau angehört und kommt zu folgenden analytischen Einsichten für das Verständnis der Bruckner Sicht von Jansons: “Die schroffen dynamischen Kontraste, die plötzlichen Übergänge zwischen vollem Orchesterklang und kammermusikalischen Partien und den damit verbundenen Klangfarbenumschwung wollte Jansons geradezu plastisch wiedergeben. Orgelartige Registerwechsel werden mit der dadurch sich ergebenden Klangfarbenveränderung und der Terrassendynamik, also der stufenartig sich verändernden Lautstärke, auf das Instrument Orchester übertragen und erinnern deutlich an das Registrieren einer Orgel. … Nicht  nur die Registerwechsel lassen sich auf Bruckners Orgelpraxis zurückführen, dazu gehören auch kontrapunktische Verdichtungen, die Vorliebe für das Tremolo (auf der Orgel Tremulant), Klanggrundierungen gleich ausgedehnten Orgelpunkten und die klangfächenartige Unisonoführungen (Mixturen).”

 

Neben der Theorie ist es aber vor allem das überwältigende Hörerlebnis, das sich in der unendlichen Vielfalt an Details und der synchronisierten Wucht der überirdisch gewebten Bögen allen Beschreibungen entzieht. Die Aufnahmetechnik ist nichts weniger als spektakulär, was diesen schwer ins Wohnzimmer zu transferierenden symphonischen “Elefanten” gut ansteht. Hier ist explizit der Tonmeister Wilhelm Meister vor den Vorhang zu holen. Gut abgesprochen mit dem Dirigenten, glückten Herrn Meister in Verbindung mit modernster Aufnahmetechnik Bänder, die Details und harte Kontraste in klaren und feinsten Abstufungen bieten, aber auch atmosphärisch und von der Dreidimensionalität des Klangs restlos begeistern. 

 

Anmerkung: Die neu vorgelegte Box von BR-KLASSIK beinhaltet die Aufnahmen der 3. (dritte Fassung von 1889), 4. (zweite Fassung von 1878 mit 3. Finale von 1880), 6. (1879-1881), 7. (1881-1883), 8. (zweite Fassung von 1890) und 9. Symphonie (Originalfassung) auf insgesamt sechs CDs. Sie wurden zwischen 2005 und 2017 live mitgeschnitten. Die Aufnahme der Sechsten Symphonie erscheint hier erstmals auf CD; die der Dritten wurde bislang nur innerhalb einer Bruckner-Box veröffentlicht.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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