CD ANTON BRUCKNER SYMPHONIE Nr. 3 in d-Moll, Urfassung von 1873 (Edition Leopold Nowak); harmonia mundi
PABLO HERAS-CASADO lässt Bruckners „Wagner-Symphonie“ von ANIMA ETERNA BRUGGE auf historischen Instrumenten ausgelassen flitzen

Bruckners Sinfonien sind ähnlich originell, größenwahnsinnig, utopistisch, spirituell himmelwärts ragend wie sie später diejenigen von Gustav Mahler sein werden. Allerdings folgen sie nicht im Sinne von ‚per aspera ad astra‘ aus ruckeligen, apokalyptischen Wirbeln in sich plötzlich eröffnende Paradiese.
Ein zündender kompositorischer Funke sprang auf Bruckner über, als er 1863 in Linz Wagners „Tannhäuser“ hörte. Aus dem konservativen Kirchenmusiker war binnen Stundenfrist ein glühender Anhänger der musikalischen Avantgarde seiner Zeit geworden. Aber erst 1872, als Bruckner anfing, seine „Dritte“ zu schreiben, schlug Wagners Klangkosmos auf Bruckners symphonische Erkundungen unverkennbar durch.
Die fertige Symphonie in d-Moll, also derselben Tonart wie Beethovens „Neunte“, sollte Bruckner 1873 dem „unerreichbaren, weltberühmten und erhabenen Meister“ in der Bayreuther Villa Wahnfried (Anm.: das Festspielhaus befand sich noch im Bau) bei ‚Schnupftabak und Bier‘ widmen. Dabei handelt es sich um kein bloß Wagner-epigonales Werk. Bruckners typische und vom ersten Takt an unverkennbare Tonsprache eines orchestral aufwuchtenden Organisten samt den in gekonnten Wellenbewegungen fortschreitenden symphonischen Mustern blieb ungebrochen.
Zwar integrierte Bruckner mehr oder weniger offenherzig das ‚Sehnsuchtsmotiv‘ („Tristan und Isolde“), das ‚Schlafmotiv‘ („Die Walküre“) sowie versteckter, jedenfalls unauffälliger andere thematische Assoziationen (aus „Tannhäuser“ und „Die Meistersinger von Nürnberg“), Leitmotive und ästhetische Merkmale aus Wagners Schaffen. Bruckner wirkt in der Urfassung der „Dritten“ jedoch unberechenbar eruptiver, in sich inkonsistenter, kantiger, gleichzeitig monumentaler, gipfelstürmender und scheinbar unzähmbar bodenständiger als alles, was Wagner je komponieren sollte.
Daher, man wundere sich nicht, fand die Uraufführung der „Dritten“ in der Urfassung erst 1946 unter der Stabführung von Joseph Keilberth mit der Sächsischen Staatskapelle im ausgebombten Dresden statt. Die von Bruckner einspringenderweise selbst dirigierte Zweitfassung aus dem Jahr 1877 geriet zum Fanal, wie wir uns das heute gar nicht vorstellen können. Sogar Orchestermusiker sollen während der Aufführung die Bühne verlassen haben….
Pablo Heras-Casado, mittlerweile ein international gefragter Wagner-Dirigent, darf in Sachen hochromantisches Repertoire als Vertreter einer die Architektur auffächernden Durchhörbarkeit, dramatischer Schürzungen sowie vor allem auf knallharte Kontrastwirkungen – nicht weihevollem Schönklang – bedachter Vertreter der Sachlichkeit gelten, wie es zuvor Michael Gielen oder Eliahu Inbal waren.
Die „Vierte“ Bruckner mit demselben Klangkörper hatte Heras-Casado bereits 2024 beim Label harmonia mundi unter dem Ticket „Die neue Romantik“ herausgebracht.
Mich begeistert dieses neue Album wegen der zügellosen Urfassung, die sich kühne Freiheiten und überraschende Manöver wie furchtlose freeclimber herausnimmt. Ich stelle mir Bruckner in diesem ersten Anlauf als einen vor Kreativität berstenden Schöpfer, einen martialischen Bildhauer vor, der besessen in den Stein hineinmeißelt. Einen Eroberer nie dagewesener Klänge, der den Mut hat, roh Zugerichtetes und Halbgares einfach mal stehen zu lassen, ohne am kompositorischen Seziertisch perfektionistisch daran herumzufeilen.
Pablo Heras-Casado wiederum verstärkt diesen brachialen Eindruck, als er in seiner Interpretation die Gegensätze zwischen lyrisch verhalten, rösselsprunghaftem Nebeneinander, vor allem aber in der gnadenlos extremen Temporegie nochmals im fieberhaften Puls kurzer rasanter Steigerungen förmlich explodieren lässt. Der erste Satz hat mehr von einem Thriller als von Gotteslob. ‚Gemäßigt, misterioso‘ wie die Vortragsbezeichnung des Satzes lautet, legt Heras-Casado willkommen eigenwillig aus.
Im feierlichen ‚Adagio‘ und erst recht im schwindelerregenden Scherzo hat ein ungeduldiger Geschichtenerzähler, der von Episode zu Episode eilt, vor dem polierten Stimmungsmacher die Oberhand. Das aberwitzige Finale scharrt in den Löchern wie wilde Stiere vorm Einlass in die Kampfarena.
Bei der klanglichen Eigenart der vorliegenden Einspielung kommt dem Instrumentarium eine bedeutsame Rolle zu, wobei besonders das Blech und die Pauken zu nennen wären. Die obertonreicheren, unbeherrschten Wiener Hörner von bzw. nach Leopold Uhlmann aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, die historischen Mailänder Trompeten nach Ferdinand Roth, die österreichischen Ventilposaunen, die rhythmisch schärferen Ziegen-Naturfellpauken und die Streicher mit Darmsaiten geben der Wiedergabe etwas archaisch-granuliert Gehobeltes, jedem gefälligen Mischklang abhold.
Bemerkenswert ist, dass Heras-Casado für die wesentlich länger als die Folgeversionen geltende Urfassung mit 2065 Takten nur 61,12 Minuten braucht.
Fazit: Bruckner als ‚junger‘ Wilder in ebensolch interpretatorischer Wahlverwandtschaft.
Dr. Ingobert Waltenberger

