CD ANTON BRUCKNER SYMPHONIE NR. 3 in d-Moll, Erste Version 1873/ Edition Leopold Nowak; myrios

Bruckner-Jubiläumsjahr 2024: Weiterer Edelstein der geplanten Gesamteinspielung aller Bruckner Symphonien mit dem Gürzenich-Orchester Köln unter der musikalischen Leitung von François-Xavier Roth
Die Bruckner-Tradition des Kölner Gürzenich Orchesters hat es in sich: Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es der Gürzenich Kapellmeister und Kölner Generalmusikdirektor Günter Wand, der die Pflege des symphonischen Vermächtnisses Anton Bruckners als einen Wesenskern seiner Arbeit mit dem Orchester begriff. Seine persönliche Annäherung an das Klanguniversum des oberösterreichischen Spätzünders ist zurecht legendär geworden.
Wands Nachfolger Yuri Ahronovitch und Markus Stenz setzten die Auseinandersetzung mit den Symphonien Bruckner spannend und eigengefärbt fort, wenngleich es dem seit 2015 als Gürzenich Kapellmeister und Generalmusikdirektor der Stadt Köln installierten Chef François-Xavier Roth vorbehalten blieb, eine Gesamteinspielung aller Bruckner-Symphonien mit dem Kölner Klangkörper, aus dem guten Anlass des Bruckner-Jubiläumsjahr 2024 (Bruckners Geburtstag jährt sich am 4.9.2024 zum 200. Mal), vorzulegen. Die Symphonien 4 und 7 sind bereits erschienen, die Dritte in der ursprünglichen Version ist nun da und nichts weniger als maßstabsetzend geworden.
Wir können nur ahnen, wie das vom Bildhauer Gustav Adolph Kietz bezeugte Besäufnis mit Weihenstephaner Bier anlässlich „Tonerls“ Pilgerbesuch beim „unerreichbaren, weltberühmten und erhabenen Meister der Dicht- und Tonkunst“ Richard Wagner in Bayreuth verlief, wir verdanken jedenfalls den Erhalt der Urfassung des zu Silvester 1873 vollendeten Werks einer prächtigen Widmungspartitur, die Bruckner 1874 nach Bayreuth schickte.
Als Anton Bruckner im September 1873 in Bayreuth ankam – die Bauarbeiten am Opernhaus nahmen einen großen Teil der Zeit und Energie Wagners in Anspruch – hatte er die zweite Symphonie, die ersten drei Sätze der Dritten fertig und das Finale als Skizze mit im Gepäck. Wagner ist nach einer gemeinsamen Baustellenbesichtigung und Durchsicht der Noten jedenfalls mit Bruckners submissesten Vorschlag einer Widmung des symphonischen Neulings einverstanden.
Der steinige Weg bis zur Uraufführung einer zweiten, um 20 Minuten gekürzten Fassung am 16.12.1877 mit den Wiener Philharmonikern und dem Tonsetzer am Pult und deren himmelschreienden Misserfolg ließ Bruckner an der Symphonie immer wieder herumdoktern und Änderungen vornehmen. Roth, der versucht, die originären Kompositionen Bruckners, unbeeinflusst von irgendwelchen Zurufen nach bisweilen Schlimm(-verbesserungen) ins radikal visionäre Geburtslicht zu rücken, hat Bruckners Dritte – im Sinne Bruckners Entdeckung der Möglichkeit zur Maßlosigkeit – mit all den wunderbaren, ganz dem Eigenen einverleibten Wagner-Zitaten aus dem „Ring“, „Tristan und Isolde“ und „Tannhäuser“ eingespielt.
„Mit meinem Bruckner-Zyklus in Köln möchte ich die Sichtweise auf seine Musik verändern. Ich möchte gemeinsam mit dem Publikum die utopischen Aspekte seines Werks entdecken: Bruckner, der Fortschrittliche. Als ich bei meinem Antrittskonzert 2015 das erste Mal mit dem Gürzenich-Orchester Bruckner gespielt habe, war mir sofort klar, dass wir alle Sinfonien aufführen müssen. Der Klang des Orchesters passt fabelhaft zu diesem romantischen Repertoire.“, so der französische Dirigent.
Und genau das meinen wir auch. Bruckner hat vor allem in seiner Dritten alles Gegensätzliche unseres Daseins in bis dahin unerhört klippenschroffe bis im Adagio im Gedenken an seine Mutter, die pure von Sehnsuchtsseufzern intermittierte Liebe in sie besingende Klänge gekleidet. Bruckner wusste katholischen Choral und Polka, Schmerzliches wie Leichtes, Sonne und Mond, Kirtagsfolkore und geistliche Traditionen, wie Intervallsprünge und Fanfaren, Andacht und Rhetorik unter Anwendung seines ungeheuren Wissens um Polyphonie, Kontrapunkt, Formen, Harmonien sowie Instrumentierung zu einem eigenen Ganzen zu metamorphosieren. Die Zerrissenheit und Ambivalenz unserer niemals ein erträgliches Maß anzielenden Gefühle werden dabei ins nicht mehr Beschreibbare transzendiert.
Roth nutzt den hellen Orchesterklang, um strukturell klarsichtig, die Varianten zum Urmotiv, den Haupt– und Seitenthemen im hymnischen Ritt zwischen Rückblenden und Fortschreibungen dynamisch fein abgestuft und emotional unerschrocken zu modellieren. Die erratischen Blöcke bestehen weniger aus Granit wie bei anderen Dirigenten (Maazel), dafür schafft bei Roth der philosophische Überbau Raum für Versöhnung und eine aus allerlei Ungemach final erblühenden Apotheose. Zu diesem Finale hält Volker Hagedorn wortgewandt fest: „Nach rasendem Beginn der Streicher, nach krachendem Blech und zwei schier endlosen Takten Generalpause wird einer filigranen Polka ein fiktiver Choral gegenübergestellt, in die Höhe entschwebend und dort zart den ‚Liebestod‘ entfaltend.“
Was mir besonders gefällt und das Individuelle an dieser Interpretation ausmacht, ist, dass Roth selbstverständlich, was etwa das Vibrato der Streicher betrifft, seine Kenntnisse der historischen Aufführungspraxis einbringt, strikt auf die Balance der Streicher mit Blech und Holz achtet und die dynamischen Valeurs minutiös abstuft, sie jedoch nie ins Extrem abgleiten lässt. Roth rührt zudem auf seiner und des Orchesters Palette Mischklänge an, die die Magie des Spirituellen entfachen, dialektisch dem Revolutionären huldigen, ohne dass das symphonisch stilisierte Wrestling in ein Foul ausartet. Gefochten wird mit Florett, Maske und Handschuh.
Wenn ich meine persönlichen Eindrücke beim Anhören auf den Punkt bringe, dann fällt mir das UNICEF-Foto des Jahres 2023 (Patryk Jaracz) ein. Es zeigt spielende Mädchen in der Ukraine, eines davon lernt das Fahrradfahren am Rande kriegerischer Kampfhandlungen kennen, inmitten von Tod und Vernichtung. Kindliche Unbeschwertheit vor einer Rauchwolke eines bombardierten Öllagers. Das Leben in all seiner krassen Widersprüchlichkeit von Poesie samt einer mühsam herzustellenden Versöhnungsbereitschaft. Von alldem und mehr erzählt mir die Dritte Bruckners in der vorliegenden Aufnahme. Je nach Erfahrungshorizont und Lebenserfahrungen könnten noch viele andere Bilder eines grundlegenden existenziellen Dilemmas zitiert werden. Sehr empfehlenswert!
Dr. Ingobert Waltenberger

