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CD: Anton Bruckner Sinfonie Nr. 9, Aufführung und Proben Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Herbert Blomstedt, musikalische Leitung BR-Klassik, 900 235

04.09.2026 | cd

CD: Anton Bruckner Sinfonie Nr. 9, Aufführung und Proben Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Herbert Blomstedt, musikalische Leitung BR-Klassik, 900 235

Herbert Blomstedt mit Bruckners Neunter im Konzert und bei den Proben

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Ein Mann von gut achtzig Jahren tritt an das Pult im Münchner Gasteig. Er faltet die Hände nicht zum Gebet, sondern hebt die Arme zur denkbar schwersten Aufgabe des romantischen Repertoires – und sogleich wirkt jene gern beschworene Schicksalsangst vor der Neunten Symphonie wie eine Erfindung melancholischer Musikhistoriker. Anton Bruckner hat bekanntlich gezögert, skizziert, verworfen und am Ende sein dem lieben Gott zugedachtes Werk unvollendet gelassen. Arnold Schönberg orakelte später gar über die Neunte als unumstößliche Grenze zum Jenseits. Herbert Blomstedt kümmert sich an den Maitagen des Jahres 2009 herzlich wenig um solchen metaphysischen Ballast. Er dirigiert die Musik.

Was das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter seiner Regie entfaltet, bildet kein verquollenes Totenamt, sondern ein Hochamt der Orchesterarchitektur. Nun liegt es auf zwei Scheiben des Labels BR-Klassik vor.

Niemand muss die schwierige Akustik des Gasteigs schönreden, um dieser Einspielung substanzielle Qualitäten abzugewinnen. Der Bau hat schon etliche Orchestermassen verschlungen und in ein stumpfes Klanggemisch verwandelt. Blomstedt durchlüftet den Raum mit einer verblüffenden Leichtigkeit. Wer hier das gewohnte Weihrauchgewölbe der Bruckner-Pflege erwartet, sieht sich rasch eines anderen belehrt. Der erste Satz kommt nicht als zäher Lavastrom daher. Er zeigt klare Konturen und eine messerscharfe dynamische Schichtung. Die lyrischen Abschnitte nimmt Blomstedt nicht als wehmütige Haltestellen zum Durchatmen, sondern als geschmeidige Zwischenerholung, um kurz darauf behende auf die nächsten Gipfel zu steigen. Das wirkt frisch. Es überzeugt durch kühle Logik.

Die Legende von der schwerfälligen Bruckner-Frömmigkeit bricht spätestens im Scherzo in sich zusammen. Wo manche Kollegen das Orchester wie eine überladene Güterlore durch das Dämonische prügeln, wählt der schwedische Maestro einen überraschend luftigen Zugriff. Der Biss ist da, der Hintersinn ebenso – einzig die akademische Schwere fehlt vollkommen. Das Orchester folgt ihm mit jener Selbstverständlichkeit, die nur aus jahrzehntelanger Vertrautheit mit diesem Notentext entstehen kann. Die Bläser attackieren die kühnen Akkorde ohne Zögern, während die Streicher eine Transparenz wahren, die selbst das kleinste Nebenmotiv im dicht gewebten Satz hörbar macht.

Ferdinand Löwe versuchte seinerzeit, diesen Torso für das Wagner-verwöhnte Publikum genießbarer zu machen, indem er Harmonien glättete und den schroffen Granit abtrug. Die Musikkultur brauchte Jahrzehnte, um sich von dieser klanglichen Weichspülung zu befreien. Erst die Rückkehr zur originalen Partitur offenbarte die ungestörte Kühnheit der Struktur. Blomstedt, der in seiner Jugend noch Furtwängler, Bruno Walter und Hans Knappertsbusch im Konzertsaal erlebte, hat sich von diesen überlebensgroßen Schatten längst emanzipiert. „Je älter ich werde, desto mutiger werde ich“, hat er einmal gesagt. Dieser Mut zeigt sich in der Verweigerung jeglicher Eitelkeit. Nicht das eigene Ego steht im Mittelpunkt, sondern der ungeschminkte Notentext.

Das beschließende Adagio bleibt das eigentliche Nadelöhr. Hier entscheidet sich, ob der Satz im pathetischen Sumpf versinkt oder jene Höhe gewinnt, die Bruckner dem eigenen Leid abrang. Blomstedt bindet den schwebenden Charakter der Musik an die rohe Wucht der klanglichen Ausbrüche. Wenn sich der gewaltige Dissonanzakkord aufbaut, hält der Hörer unwillkürlich den Atem an. Es dröhnt nicht billig. Es schneidet. Die Erlösung am Ende wird nicht leichtfertig versprochen, sondern mühsam errungen. Das Orchester bringt seine immense Erfahrung mit diesem Werk ein, ohne in Routine zu verfallen. Die Hingabe der Musiker trägt die Aufführung; ihre Disziplin schenkt den großen Bögen des Dirigenten den nötigen Halt.

Eine besondere Beigabe bietet die zweite CD: der Probenmitschnitt. Wer meint, ein betagter Meister treffe hier bloß noch milde lächelnde Grundentscheidungen, irrt gewaltig. Blomstedt arbeitet an den Nuancen wie ein besessener Handwerker. Er korrigiert Bogenwechsel, justiert Lautstärken im Millimeterbereich und erläutert mit präzisen Worten, warum eine Phrase genau diese Artikulation verlangt. Das besitzt Dynamik. Es unterhält wie ein guter Kriminalroman.

Es hat etwas Berührendes, diesen Dirigenten bei der Arbeit zu belauschen. Seine Energie scheint unerschöpflich, der Tonfall frei von Allüren. Man hört keine verbitterte Belehrung eines alten Stars, sondern das Staunen eines Suchenden, der auch nach Jahrzehnten auf den Podien der Welt immer neue Schätze in der Partitur entdeckt. Das Orchester pariert die Wünsche ohne jede Spur von Überdruss. Die Atmosphäre lebt von gegenseitigem Respekt und einer unverkennbaren Lust am Ausfeilen des Klangs.

Diese Edition kommt im Schuber mit zweisprachigem Beiheft, das die historischen Fakten der Entstehung gut zusammenfasst. Der Markt an Einspielungen von Bruckners Neunter ist reichlich gefüllt – kaum ein Archiv schreit nach weiteren Dokumenten. Doch diese Aufnahme aus dem Jahr 2009 behauptet ihren Rang ohne Mühe. Blomstedt liefert den Beweis, dass hohes Alter keineswegs zu altersmilder Verwaschenheit führen muss. Ehrfurcht vor der Partitur bedeutet bei ihm das genaue Gegenteil von langweiliger Werktreue.

Wer erleben möchte, wie aus akribischer Probenarbeit auf dem Podium ein schlüssiges Ganzes erwächst, greift zu diesem Doppelalbum.

Dirk Schauß, im August 2026

Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 9, Aufführung und Proben

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Herbert Blomstedt, musikalische Leitung

BR-Klassik, 900 235

 

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