CD „ANNAGELN KANNST ES NET, DIE ZEIT“ – GÜNTHER GROISSBÖCK singt Wiener Lieder; Gramola

Peter Alexander, Gerhard Bronner, Michael Heltau, Georg Kreisler oder Maly Nagl haben es getan, ebenso Richard Tauber, Rudolf Schock, Hermann Prey, Eberhard Wächter oder Heinz Zednik. Bei den ganz tiefen Stimmen fallen mir sofort Oskar Czerwenka oder Heinz Holecek mit authentischem Flair ein. Sie alle huldigten diesen volkstümlichen Liedern als Ausdruck einer spezifischen Lebenshaltung, die vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die 30-er Jahre und später nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er Jahre besonders populär waren.
Die eingefleischten Heurigengeher sind heute noch am besten mit dem so unverwechselbaren Genre vertraut. Ob Straßenlied, Couplet oder Kabarettistisches, das alles Verbindende dieser Lieder, ist das Vorstadt-Wienerische mit den lang gedehnten Vokalen, einer gewissen nostalgischen Larmoyanz im Ausdruck und der ironischen Betrachtung von Liebe, unerbittlicher Vergänglichkeit und (scheinbarer) Idylle. Aber auch das Draufgängerische, die Schicksalsergebenheit, der Genuss des Augenblicks oder das, was landläufig unter „Gemütlichkeit“ in lächelnd heiterer Wehmut verstanden wird, waren und sind beliebte Themen im sogenannten Wiener Lied.
Günther Groissböck, bekanntlich ein vor allem im internationalen Opernbusiness höchst erfolgreicher Bass, legt nun nach seinem 2021 erschienenen Album „Gemischter Satz“, sein zweites Wiener Lied Album vor. Mit hörbarem Vergnügen und idiomatischer Finesse interpretiert er diesmal einen weiten Bogen an Liedern wie „Herrgott aus Sta‘“, „In einem kleinen Café in Hernals“, das „Hobellied“ aus Nestroys „Der Verschwender“ oder das titelgebende „Annageln kannst es net, die Zeit“.
Begleitet von den formidablen Neue Wiener Concert Schrammeln mit Peter Uhler Violine, Johannes Fleischmann Violine; Helmut Thomas Stippich Wiener Knopfakkordeon, Peter Havlicek Kontragitarre erklingen Wiener Lieder von den Ursprüngen im Biedermeier bis zu vollkommen neuen Schöpfungen.
Was Groissböck in der Interpretation dieser lokalen Vokaljuwelen so besonders auszeichnet, ist, mit welchem feinen Gespür für Wortklang, kleinen Doppeldeutigkeiten und unendlichen Zwischentönen von Humor und Resignation, kurz und gut mit welch wunderbar charmantem „Schmäh“ er ans Werk geht. Ungewöhnlich genießerisch für die Wiener Lied Gestaltung ist diesfalls die sämig volltönende Bassstimme, der Groissböck eine Vielzahl an Abstufungen von Piani und Pianissimi abgewinnt. Das Ergebnis profitiert zudem sehr von Groissböcks Schubertlied-Interpretationen, die ja oft nicht unähnliche Themen und Lebensstimmungen ausdrücken.
Mit „Lasst uns beginnen“ von Josef Mikulas, „Leopoldina & Pedro oder: Wie Haydns Schüler Sigismund von Neukomm vielleicht Brasilien sah“ von Peter Havlicek und schließlich dem „Hopp Hopp Galopp“ von Helmut Thomas Stippich sind drei Instrumentalnummern vertreten, die die atmosphärisch leuchtende Brücke von Zwischenkriegszeit und dem Heute bildet.
Fazit: Musik zur reiflichen Entschleunigung, ja als Vehikel des vollkommenen Stillstands der Zeit. Günther Groissböck trägt mit dieser wertvollen Veröffentlichung ein weiteres Mal zur Bekanntheit einer beinahe schon versunkenen Klangwelt samt der so unerschütterlich in ihr ruhenden philosophischen Gelassenheit bei. Und von letzterer können wir in unserer raschlebig wirbelnden und auf scheinbare Sensationen fokussierten Zeit gar nicht genug haben. Also zugreifen!
Inhalt des Albums:
- Es is allas unhamlich leicht
- Herrgott aus Sta’
- Lasst uns beginnen
- Herr Doktor, erinnern Sie sich noch ans 12er Jahr
- „Leopoldina & Pedro“ oder: „Wie Haydns Schüler Sigismund von Neukomm vielleicht Brasilien sah“
- In einem kleinen Café in Hernals
- Hopp Hopp Galopp
- I hab die schönen Maderln net erfunden
- Die Tanzlustigen
- Annageln kannst es net, die Zeit
- Hobellied
- Wann i amal stirb
Kostprobe gefällig? https://www.youtube.com/watch?v=QJRSplQlF4Y&list=RDQJRSplQlF4Y&start_radio=1
Dr. Ingobert Waltenberger

