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CD: ANDRÈ SCHUEN singt Lieder von GUSTAV MAHLER; avi-music

27.10.2026 | cd

CD ANDRÈ SCHUEN singt Lieder von GUSTAV MAHLER; avi-music

Die aufregendste und sinnlichste unter den jungen Baritonstimmen auf einem Seiltanz durch Mahlers kaltglühendes Seelenuniversum

schuen

Mit Liedern Franz Schuberts ist seine Diskografie bereits glänzend bestückt. Gemeinsam mit seinem kongenialen Klavierpartner Daniel Heide hat der Südtiroler Bariton Andrè Schuen ausgewählte Lieder, darunter solche um das Motiv des Wanderers, den „Schwanengesang“ sowie die beiden großen Zyklen „Die schöne Müllerin“ und „Winterreise“ eingespielt.

Nun folgt ein ausschließlich Gustav Mahlers Liedschaffen gewidmetes Album: mit den „Liedern eines fahrenden Gesellen“, fünf Liedern nach Gedichten von Friedrich Rückert, den „Kindertotenliedern“ sowie dem aus Mahlers Zweiter Symphonie bekannten „Urlicht“.

„Seit dem Tag, an dem ich vor mehr als zehn Jahren zum ersten Mal die ‚Lieder eines fahrenden Gesellen‘ gesungen habe, sind sie ein kostbarer Bestandteil meines künstlerischen Wegs geworden. Ein Weg durch Sehnsucht, Verlust, Erinnerungen und Trost. Ein Weg, auf dem sich das Äußere immer mehr nach innen verlagert.“

Lautes und leises Echo von Schmerz und Leid: Schuens Bekenntnis legt zugleich den gedanklichen Grundriss seiner Interpretation offen. Introspektion, die Konfrontation mit dem eigenen Selbst und seinen Illusionen, aber auch das allmähliche Ankommen bei sich selbst – „Ruhe, Stille, Hingabe“ – und schließlich die Sehnsucht, „das eigene Schicksal einer höheren Macht anzuvertrauen“, bilden die Koordinaten seiner Wanderung durch Mahlers abgründige Lied-Wunderwelten.

Andrè Schuen ist auf einem vorläufigen Gipfel seines künstlerischen Könnens und seiner stimmlichen Entfaltung angelangt. Denn wie die Eruptionen im hochdramatischen „Ich hab’ ein glühend Messer“ oder in „In diesem Wetter, in diesem Braus“ eindrucksvoll belegen, gewinnt auch die heldische Komponente seines prachtvollen Kavalierbaritons zunehmend an Kontur und Durchschlagskraft.

Sein bruchlos geführter, klangrunder, viril timbrierter Bariton bewährt sich heute in Oper, Lied und Oratorium gleichermaßen. Ob sonor-samtige Tiefe, breit und kernig fundierte Mittellage oder traumhaft saftige, obertonreiche Pianissimi in der Höhe: Schuen verfügt über das gesamte technische Rüstzeug, das Mahlers in ihrer Tessitura mitunter heikel hoch gelagerte Lieder verlangen. Dabei erscheint sein Vortrag expressiv vielgestaltiger, unmittelbarer und erzählerischer als die unerreicht durchgeistigte, bis ins letzte sprachliche Detail analytisch ausgeleuchtete Liedkunst eines Dietrich Fischer-Dieskau.

Ob im naiv-volkstümlichen Tonfall von „Ging heut’ morgen übers Feld“, in der schmerzlichen Erinnerung von „Die zwei blauen Augen“ oder in jenen Gesängen, deren Bilder wie unwirkliche Reminiszenzen aus den Tiefenschichten des Bewusstseins aufsteigen: Schuen versteht es, Wort, Deklamation und farblich fein abschattierte Tongebung zu einer bittersüß-herben Ausdrucksmixtur zu verschmelzen. Wo es der Text verlangt, lässt er den bloßen Wohllaut entschieden hinter sich.

Entsprechend der enormen emotionalen Spannweite dieser Lieder lotet Schuen die dynamischen Extreme aus: von der opernhaft ausgreifenden, dramatisch aufgeladenen Geste bis zur hauchzart ins Nichts decrescendierenden Introspektion. Virtuos bedient er sich dabei der Kunst des messa di voce, jenes kontrollierten An- und Abschwellens eines gehaltenen Tons, das bei ihm nie zum vokalen Selbstzweck gerät, sondern unmittelbar aus dem seelischen Gehalt der Musik erwächst.

Was an Schuens Mahler-Deutungen besonders auffällt, ist ihre reflektierte Bodenhaftung. Hier wird nicht hemmungslos in Emotionen geschwelgt. Poesie, Erinnerung und gegenwärtige Selbsterkenntnis treten in ein spannungsreiches Wechselverhältnis. Gerade in den fünf Rückert-Liedern verwandelt Schuen das Pathos in eine von Heides Klavierspiel subtil grundierte Distanz des Erzählers, bisweilen gar in die beinahe nüchterne Bestandsaufnahme eines lyrischen Ichs, das sich selbst zum Gegenstand seiner Betrachtung macht. So etwa in „Ich atmet’ einen linden Duft“ oder „Um Mitternacht“.

Das hat man gewiss schon kreatürlicher, besessener, glühender gehört. Doch ist damit keineswegs ein Urteil über die Intensität oder Überzeugungskraft dieser Lesart gesprochen. Schuens Ausdruck speist sich weniger aus dem demonstrativen Ausbruch als aus der Spannung zwischen innerer Erschütterung und äußerer Beherrschung.

In den „Kindertotenliedern“ scheint die Distanz des Interpreten zum schier unerträglichen Verlust am weitesten getrieben. Bis zum letzten Lied wird der Schmerz sublimiert, in einen ruhig strömenden, gleichsam von innen her getragenen Gesangsfluss gebannt. Daniel Heide bevorzugt breite, atmende Tempi und lässt den Klavierpart mit einer fast gespenstischen Transparenz aufscheinen.

Erst in „In diesem Wetter, in diesem Braus“ bricht sich die lange zurückgehaltene Empörung über die Unabänderlichkeit des Schicksals mit elementarer Gewalt Bahn. Doch auch diese Auflehnung erschöpft sich schließlich in jenem alle Widerstände und Energien aufsaugenden Trost des Schlussverses:

„Von Gottes Hand bedecket, sie ruhn wie in der Mutter Haus.“

Ist das wirkliche Versöhnung? Oder nur die letzte, verzweifelte Möglichkeit, dem Unfassbaren eine erträgliche Gestalt zu verleihen?

Über dem gesamten Album scheint ein großes, unbeantwortetes Fragezeichen zu schweben. Dazu passt, dass Daniel Heide den Klavierpart immer wieder bis an die Grenze des Hörbaren zurücknimmt, harmonische Spannungen in gespenstischer Durchsichtigkeit freilegt und sich jeder demonstrativen Klangentfaltung enthält. Aus dieser doppelten Perspektive erwächst eine eigentümliche, bisweilen beklemmende Spannung: zwischen der Ahnung bodenlosen eigenen Erlebens und der abgeklärten Distanz des Künstlers, zwischen existenzieller Erschütterung und ihrer sublimierten musikalischen Vergegenwärtigung.

Dass das Album programmatisch mit dem „Urlicht“ endet, erscheint vor diesem Hintergrund alles andere als zufällig. Hier begegnet uns nicht das rettende Sichfallenlassen in den pastosen, mütterlich bergenden Wohllaut eines Mezzosoprans. Schuen entzieht dem Lied jede vorschnelle Gewissheit des Heils. Die letzten Worte –„Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben, wird leuchten mir bis an das ewig selig Leben“ – verwandelt er in eine Verheißung von berührender subjektiver Fragilität. Als eine tastende, gerade in ihrer Verletzlichkeit beseligende Prophezeiung klingt dieses „Urlicht“ nach.

So bleibt am Ende kein versöhnliches Ausrufezeichen, sondern das leise, unabschließbare Fragen eines Menschen, der sich nach Trost sehnt, ohne die Abgründe seiner Existenz verleugnen zu können.

Eine vokal prachtvolle, interpretatorisch ebenso eigenwillige wie tiefgründige Mahler-Hommage, in der sich sinnliche Klangopulenz und metaphysische Verunsicherung zu einem faszinierenden Spannungsverhältnis verdichten.

Die Studioaufnahme entstand im Markus-Sittikus-Saal im österreichischen Hohenems.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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