CD ANDRÉ-ERNEST-MODESTE GRÉTRY „ANDROMAQUE“ – Tragédie lyrique in drei Akten; Le Concert Spirituel unter Hervé Niquet; Glossa
Auf Augenhöhe mit Glucks großen Meisterwerken

Der Belgier Grétry, Meister der Opéra-comqiue, hat Ende des 18. Jahrhunderts mit „Andromaque“ eines der modernsten und aufregendsten Musiktheaterwerke für die Bühne der Académie Royale de Musique geschaffen. Nachdem der Auftrag zur Vertonung des ursprünglich für ihn bestimmten Librettos „Iphigénie en Tauride“ an Gluck ging, fand man bald Ersatz in der bekanntesten und grausamsten aller Tragödien Racines. Die 1667 entstandene Tragödie Andromaque war bis zur Revolution eines der am häufigsten aufgeführten Stücke, es bildete eine fixe Säule des nationalen französischen Repertoires.
Als 1778 Anne-Pierre-Jacques Devismes du Valgay das Zepter an der Académie überantwortet bekam, wirbelte er nicht nur den Opernbetrieb gehörig durcheinander, sondern sorgte auch für ein noch nie gekanntes Maß an Novitäten. 16 neue Werke in der Eröffnungsspielzeit aus allen damals gängigen Genres, das war schon was.
Für die „Andromaque“ adaptierte der Dichter Louis-Guillaume Pitra den Text für Opernzwecke. Die Partien der vier wichtigsten Bühnenfiguren Andromaque, Hermione, Pyrrhus und Oreste und die Chöre waren in einer Art ineinander verwoben, wie es das vorher noch nie gab. Grétry verstand es, Arien, Ensembleszenen und Chöre „durchkomponiert“ zu verbinden, wie wir das später etwa von Spontini oder Berlioz kennen.
Natürlich gab es stilistische Anleihen bei Gluck, aber Grétry’s musikalische Sprache wirkt auf uns heute weniger monumental als bei seinem größten Konkurrenten, dafür eleganter, textbezogener und vor allem temporeicher. Die in 30 Tagen vollendete Partitur ist kompromisslos, sowohl was die Nichterfüllung von Erwartungen des Publikums betraf (kaum Tanzszenen oder die Handlung dehnende Divertimenti, keine vokale Virtuosität um ihrer selbst willen), als auch was die Anforderungen eines durchgängigen musikdramatischen Flusses anlangt. Das heißt, musikalisch-barockes Dekor begann klassischer Klarheit und romantischer Individualität zu weichen. Außerdem bedeutete die neue Ästhetik das Aus für endlos lange Rezitative. Dementsprechend kurzweilig und knackig ist auch die am 6.6.1780 uraufgeführte „Andromaque“ mit ca. 90 Minuten Spielzeit. Auch Mozart war von Grétry tief beeindruckt. Die Parallelen der Wutausbrüche der Hermione mit derjenigen der Elettra in „Idomeneo“ sind unverkennbar.
Die Handlung der Oper rund um Liebesirrungen und -wirrungen während der Zeit der griechisch trojanischen Auseinandersetzungen selbst ist an Dramatik kaum zu überbieten: Orest liebt Hermione, die in Pyrrhus verschossen ist, der aber nur Augen für Andromache hat. Letztere, Witwe des Hektor, will ihrem toten Gatten treu bleiben, muss aber den gemeinsamen Sohn Astyanax vor Rachefantasien aller Art schützen. Als Andromache beschließt, Pyrrhus zu heiraten um ihren Sohn vor einer Auslieferung an die Griechen zu bewahren, aber mit dem festen Willen, nach der Hochzeitszeremonie Selbstmord zu begehen, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Pyrrhus weist Hermione brüsk zurück, die wiederum Orest dazu bringt, Pyrrhus töten zu wollen. Während der Hochzeitsfeier taucht Orest mit bewaffneten griechischen Kämpfern auf. Pyrrhus verspricht Astyanax als König der Trojaner anzuerkennen, kommt aber im Kampf gegen die Griechen um. Hermione erdolcht sich vor der Leiche des Pyrrhus, Orest wird wahnsinnig.
Bei der gegenständlichen Aufnahme handelt es sich um eine wichtige Wiederveröffentlichung der einzigen existierenden Studioproduktion, die infolge von Konzerten im Pariser Théâtre des Champs-Élysées und im Palais des Beaux-Arts in Brüssel 2009 entstanden ist. Der Grétry-Spezialist Hervé Niquet betont mit den mächtig auftrumpfenden Chören der Formation „Les Chantres du Centre de musique baroque de Versailles“ und einem expressiv das recitar cantando stilistisch perfekt beherrschenden Solistenensemble die Urgewalt der Szenen und die unerbittliche Rasanz im Voranschreiten des Dramas. Die Heftigkeit der Emotionen, die Stringenz der theatralischen Aktion und das wirkmächtige Aufeinanderprallen der Interessen voller niederer Instinkte und egomaner Passionen rund um die treue Andromache wird niemanden kalt lassen.
Zumal mit der hier wieder zu entdeckenden schweizerisch niederländischen Sopranistin Maria Riccarda Wesseling als mit Pyrrhus verlobter Hermione, Tochter Helenas, der üppig orgelnden französischen Mezzosopranistin Karine Deshayes als von Pyrrhus gefangener Witwe Hektors Andromaque, dem für dieses Fach von Wohlklang und Wortausdeutung her unüberbietbaren Bariton Tassis Christoyannis als Agamemnons Sohn Orest und dem eindringlichen Charaktertenor Sébastien Guèze als Pyrrhus, Sohn des Achilles und König von Epirus, vier Solisten zur Verfügung stehen, die ihre Aufgaben voller vokaler Frische, Dramatik und in Konzerten erprobter theatralischer Interaktion angehen.
Fazit: Nicht nur für Entdeckungswillige. Die Aufnahme ist künstlerisch und als Erweiterung unseres Verständnisses von französischer Oper ohne jede Einschränkung zu empfehlen. Die Aufnahmetechnik ist sowohl was die Räumlichkeit als auch die natürliche Präsenz der Stimmen betrifft, makellos!
Dr. Ingobert Waltenberger

