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CD ANDRÉ CAMPRA „LE DESTIN DU NOUVEAU SIÈCLE“ – Opéra ballet nach einem Libretto von Père Jean-Antoine du Cerceau; Château de Versailles Spectacle

12.03.2022 | cd

CD ANDRÉ CAMPRA „LE DESTIN DU NOUVEAU SIÈCLE“ – Opéra ballet nach einem Libretto von Père Jean-Antoine du Cerceau; Château de Versailles Spectacle

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Eine Abschrift der verschollen geglaubten Partitur zu dieser lehrhaft gestrickten Oper rund um die götterreiche Konfrontation von Befürwortern des Krieges mit jenen des Friedens wurde von Hélène Houzel im Juli 2015 in einem Hinterzimmer der Mediathek des nördlich von  Paris gelegenen Vororts Saint-Denis wiederentdeckt. Saint Denis ist leider häufig als die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate Frankreichs in den Schlagzeilen, wo das Autoanzünden offenbar zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten gehört, aber die viel geprüfte Stadt ist genauso Sitz der wunderschönen Basilika, in der die Könige Frankreich, darunter auch Ludwig XIV. begraben sind.  

 

Als Auftragswerk ist „Le Destin du Nouveau Siècle“ für eine Aufführung samt Preisverleihung am elitären Collège Louis-le-Grand, einer der damals bedeutendsten Jesuitenschulen von Paris, entstanden. Eine von den Patres angewandte Lehrmethode waren Theateraufführungen, für die die Eleven sich in der Kunst des Deklamierens und des Tanzes ertüchtigen mussten. Die Schularbeiten der erlauchten Collège- oder Universitätsstudenten bestanden in Festveranstaltungen, die bis zu sechs Stunden dauerten und zu denen ganz Paris pilgerte. Die Rhetoriker rekrutierten sich aus den Schülern des Abschlussjahrgangs, während sich in den Tänzen Kinder und Jugendliche von 8 bis 16 Jahren mit professionellen Tänzern mischten. Dazu gesellten sich nicht adelige Orchestermusiker, auch arrivierte Opernsänger wurden zugezogen.

 

Zwölf Werke hat der damalige Musikmeister von Louis-le-Grand, André Campra, für sein Institut geschrieben. Keines davon ist erhalten geblieben, zumindest bis zu diesem musikgeschichtlich bedeutenden Tag im Juli 2015. „Le Destin du Nouveau Siècle“ wurde 1700 uraufgeführt, etwa die Hälfte der Musik besteht aus Tänzen. 

 

Die musikalische Sprache nimmt in ihrer Farbigkeit und Originalität, ihrer flotten und kurzweiligen Abfolge von Instrumentalsätzen, Rezitativen, Arien, Chören und Tänzen wie Gigue, Musette oder Chaconne Rameaus Meisterwerke vorweg. Der virtuose Streichersatz und fantasiereiche Einsatz der Holz- und Blechbläser, die leidenschaftlichen Rhythmen und harmonisch kühn und feinst gewebte Arien und Ensembles ranken sich um eine Geschichte in einem Prolog und drei Erzählungen: Saturn will, dass der Himmel das Schicksal der Welt nach dem Willen des Volkes lenkt. Keine einfache Aufgabe, denn auf der Erde gibt es zwei Parteien: Die eine will Frieden, die andere Krieg. Der wilde Mars, unterstützt von Ruhm und Bellona, will einen Krieg beginnen, der bis in alle Ewigkeit dauert. In der zweiten Erzählung tritt der Erdgeist auf, der vor den Scheußlichkeiten des Krieges warnt und den Frieden bittet, vom Himmel auf die Erde herabzusteigen. Spiel, Vergnügen und der Überfluss sind dessen durchaus angenehme Wegbegleiter. Da sich viele Menschen zwar vom Frieden angezogen fühlen, aber halt nicht alle, rät Saturn ihnen, sich an die Göttin der Weisheit Pallas zu wenden. Mit dem Ergebnis, dass Pallas dem Himmelreich befiehlt, ein Jahrhundert zu schmieden, wo sich Frieden und Krieg abwechseln. 

 

Mit dieser Oper beging das kriegsmüde Frankreich des bereits 57 Jahre an der Spitze des Königtums stehende Ludwig XIV. den Jahrhundertwechsel. Sie konfrontiert uns wieder einmal mit der besonders furchtbaren und unabweislichen Einsicht über den offensichtlich nicht enden wollenden Kreislauf von Krieg und Frieden. 

 

Musiziert wird – wie wir das von den den Produktionen des Centre de musique baroque de Versailles gewohnt sind – auf höchstem Niveau. Das von Hélène Houzel und Patrick Bismuth geleitete Instrumentalensemble „La Tempesta“ war schon 2017 bei der Uraufführung des Opernballetts „Le Destin du Nouveau Siècle“ mit dabei. Patrick Bismuth, Geiger, Komponist, Sprachwissenschaftler und Pädagoge, realisiert die Partitur mit Verve, in durchgehend flotten Tempi und mit überbordendem Temperament. Um sich hat er den Spezialistenchor „Les Chantres du Centre de musique baroque de Versailles“ und eine Handvoll der besten  Sängerinnen und Sänger versammelt, die es derzeit für dieses Fach gibt: Den Baritenor Marc Mauillon (Mars, Saturn), den Tenor Mathias Vidal (Le Génie de la Terre), die Sopranistin Florie Valiquette (La Paix, Une Parque), Claire Lefiliâtre, ebenfalls Sopran (Pallas, Bellone, La Gloire) und Thomas Van Essen (Vulcain, Un Guerrier), die für eine animierte und stilistisch bewundernswerte Wiedergabe sorgen.

 

Tipp: Am 12. April 2022 wird die Oper „Le Destin du Nouveau Siècle“ in genau der Besetzung mit dem Orchester und Chor La Tempesta unter der musikalischen Leitung von Patrick Bismuth an der Opéra Royal Versailles aufgeführt.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

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