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CD ANDRÈ CAMPRA „LE CARNAVAL DE VENISE“ – Le Concert Spirituel unter Hervé Niquet; Glossa

30.01.2022 | cd

CD ANDRÈ CAMPRA „LE CARNAVAL DE VENISE“ – Le Concert Spirituel unter Hervé Niquet; Glossa

 

Was haben Orfeo und Euridice im Liebeskuddelmuddel von Isabelle, Léonore, Rodolphe und Léandre zu suchen? 

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 André Campra darf wohl als das schillernde Bindeglied in der französischen Barockoper zwischen Lully, DeLalande und Rameau gelten. 1699: Die einst so macht- und gestaltungsfrohe Welt Ludwig XIV. liegt in Agonie darnieder. Was politisch noch dauern sollte, versuchen zumindest die Künste. Nämlich den Befreiungsschlag aus steifen, vorgeformten höfischen Fesseln. Zehn Jahre nach Lullys Tod 1687 hat der aus Aix-en-Provence stammende Campra mit „L‘Europe galante“ seinen ersten Opernhit gelandet. Zwei Jahre später legt er mit der Ballettoper „Le Carnaval de Venise“ nach. 16 weitere Werke für die Bühne, teils tragédies lyriques (vom “Idomenée” gibt es eine schöne Gesamtaufnahme, dirigiert von William Christie) bzw. Pasticcios, sollten bis 1735 noch folgen.

 

Das karnevaleske Opéra-Ballett, das seinen Reiz vor allem der Amalgamierung italienischer Opernelemente in die französische Opernkunst verdankt, ist zwischen einer Komödie à l‘Italienne und der Revolution à la francaise anzusiedeln. Die Vielfalt an musikalischen Formen und Stilen, die lebenslustig und virtuos verzierten Da-capo-Arien, quirligen Ensembles als auch der beeindruckende Reigen an schwungvollen Tänzen (Gavotte, Rigaudon, Bourrée, Chaconne, Forlana) hinterlassen einen höchst stimmungsvollen und amüsanten Gesamteindruck. Das wichtigste war nämlich, bei aller Begeisterung für das Italienische, die faden Rezitative, diese „Feinde für französische Ohren“ (Barbara Nestola), nicht zu übernehmen.  So können wir uns heute wie das Publikum damals „an überschäumender und unbeschwerter Sangeskunst“ erfreuen. 

 

Um den Jahrhundertwechsel begannen gerade Figuren aus dem Völkchen der italienischen Komödie beschwingt den Weg auf die royalen Pariser Bühnen zu finden. Diese Personen niederen Standes schwindelten sich mit derselben Leichtigkeit wie Zerbinetta ins mythologisch Althergebrachte. Im 17. Jahrhundert kamen etliche Commedia-dell‘arte Truppen, wie die Comédie-Italienne, nach Paris. Einem gewissen Evaristo Gherardi verdanken wir die sechsbändige Sammlung „Le Théâtre-Italien“, wo er nicht nur die teils improvisierten Szenen der Komödianten verewigte, sondern auch die dazu gesungene Musik in Form von italienischen und französischen Arien akribisch notierte. Diese kulinarisch ansprechenden und wohl auch lasziv angehauchten Arien waren damals so en vogue, dass jede première actrice, jeder haute-contre, aber auch alle Nebendarsteller, die auf sich hielten, das eine oder andere Stück im Repertoire hatten. 

 

Campra wiederum war von all dem äußerst inspiriert, als er „Le Carnaval de Venise“ schuf, mit dem Unterschied, dass seinem Werk eine durchgängige Handlung zugrunde liegt. Es geht hier um die durchaus handfesten Liebesirrungen- und wirrungen von Isabelle und Léandre, die sich am Schluss in einem Theater finden, wo als Divertissement aus der italienischen Oper „Orfeo“ (wohl ist diejenige von Luigi Rossi gemeint) gerade die Episode des Abstiegs in die Unterwelt gezeigt wird. Natürlich schließt „Le Carnaval de Venise“, wie sich das für eine opéra-ballet halt gehört, mit einem ausgelassenen Faschingsball.

 

Der Beginn der Oper erinnert ein wenig an Strauss’ “Ariadne auf Naxos”. Die Bühne ist in einem chaotischen Zustand  für die Aufführung mit ihren ausgeklügelten Theater im Theater-Effekten. Nur dass bei Campra im Prolog nicht der Komponist gefragt ist, sondern Minerva erscheint, um alle Götter dazu anzurufen, bei den Vorbereitungen zu helfen. Schließlich soll die Bühne ja den venezianischen Markusplatz, nächtliche Piazzas, auf der kleinen Bühne den Palast des Pluto für Orfeos Abstieg ‚nell’inferni‘ und einen großartigen Saal für den Ball zeigen können.  

 

Das Stück selber ist eine frivole Komödie um die Freundinnen Isabelle und Léonore, die damit angeben, den besten lover ever zu haben. Nur dass sich herausstellt, dass die beiden Frauen denselben Kavalier meinen, nämlich Léandre. Vor die unvermeidliche Wahl gestellt, entscheidet sich Léandre für Isabelle. Die beiden Verschmähten, Léonore und Rodolphe, der ebenfalls Isabelle liebt, schwören Rache. Im dritten Akt kommt Rodolphe daher und behauptet, Léandre umgebracht zu haben. Wir ahnen natürlich schon, dass der eifersüchtige Jüngling in der Nacht den Falschen erwischt hat. Das glückliche Paar Isabelle und Léandre nutzt das Chaos des Bühnenumbaus, um sich davonzustehlen.  

 

Derweilen wird das verblüffte Publikum Zeuge der versuchten Befreiung der Eurydice durch Orfeo, Wir kennen das Ergebnis: Die Bedingung Plutos, Euridice nicht anzusehen, versemmelt Orfei bravourös, die Dämonen trennen die beiden für immer. Unsere Komödie endet aber weit weniger traurig mit einem großen Ball und Karnevalszug, wo eine Gruppe von Masken verschiedener Nationen den Sieg des Vergnügens und der Liebe ausgelassen feiert. 

 

Bei der gegenständlichen Aufnahme mit Le Concert Spirituel unter der künstlerischen Leitung von Hervé Niquet handelt es sich um die Wiederveröffentlichung einer längst aus dem Katalog gestrichenen Aufnahme aus dem Jahr 201. Es ist ein funkelnder akustischer Schatz, der da wieder gehoben wurde. Die so tempermentvolle, sinnliche und festlich orgiastische Musik findet in dieser Interpretation ihre triumphalen Meister. Gesungen wird animiert, charaktervoll, textdeutlich, mit stilistischem Raffinement. Salomé Haller (Isabelle), Marina De Liso (Léonore), Andrew Foster-Williams (Rodolphe), Alain Buet (Léandre), Mathias Vidal (u.a. Orfeo), Sarah Tynan (Euridice), Blandine Staskiewicz (Minerve) und Luigi De Donato (Plutone) fügen sich zu einem virtuos-humorvollen Ensemble. Empfehlung!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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