CD: Anders Hillborg – Through Lost Landscapes / The Strand Settings / Sound Atlas
Hillborgs Klangwelten öffnen sich – drei Werke in Göteborg

Alpha Classics setzt die Zusammenarbeit mit dem Göteborger Symphonieorchester fort und legt drei Werke von Anders Hillborg vor – dem schwedischen Komponisten, der seit Jahrzehnten zu den markantesten Stimmen seiner Generation zählt. Zwei der Stücke, Through Lost Landscapes und Sound Atlas, sind hier zum ersten Mal auf CD zu hören.
Through Lost Landscapes (2019) öffnet sich mit parallelen Glissandi der Streicher und drei kräftigen Akkorden, die das Orchester sofort in Bewegung versetzen. Es folgt eine Passage voller Unruhe und rhythmischem Druck, in der sich jazzige Wendungen mit dunkleren, bedrohlicheren Momenten abwechseln. Zwischendurch blitzen die Holzbläser mit vogelartigen Rufen auf, bevor die Musik in ruhigere, schwebende Bereiche gleitet und schließlich in einem klaren Es-Dur-Klang zur Ruhe kommt. Pekka Kuusisto hält das Ganze zusammen und lässt dem Orchester genug Raum, die Farben auszuspielen.
Den Mittelpunkt bildet The Strand Settings aus dem Jahr 2013. Hillborg schrieb den Zyklus ursprünglich für Renée Fleming, nach Gedichten von Mark Strand. Hier übernimmt die schwedische Sopranistin Ida Falk Winland den Part – und sie tut es mit einer warmen, unaufdringlichen Stimme, die den Texten Raum lässt, statt sie opernhaft auszustellen. Besonders in „Black Sea“ und den drei „Dark Harbor“-Sätzen spürt man, wie gut die Musik zu Strands zurückhaltender, melancholischer Sprache passt. Die Orchesterbegleitung bleibt durchsichtig und trägt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Zum Schluss kommt Sound Atlas (2018) unter Brad Lubman. Hier geht Hillborg am weitesten. Ein zentrales Instrument ist das Verrophon: eine Art moderne Glasharmonika, bei der Glasröhren unterschiedlicher Länge mit feuchten Fingern zum Schwingen gebracht werden. Der Klang ist hell, durchsichtig und irgendwie unwirklich – weder ganz Instrument noch ganz Geräusch. Dazu kommen Streicher, die absichtlich leicht verstimmt spielen, und ein Schlagwerk, das mal glitzert, mal knallt. Die fünf Abschnitte führen von schwebenden, kristallinen Klängen über flirrende Holzbläser und Glocken bis zu einem rauen, kraftvollen Höhepunkt („Vortex“) und einer abschließenden, eher stillen Hymne der Streicher. Hillborg gelingt es hier besonders, Klänge zu erzeugen, die man nicht sofort zuordnen kann – etwas, das er selbst als eines seiner zentralen Anliegen beschreibt.
Die Aufnahme klingt warm und klar. Man hört viel Raum und Detail, ohne dass etwas künstlich aufpoliert wirkt. Das Göteborger Orchester spielt konzentriert und farbig, Kuusisto und Lubman finden jeweils einen eigenen, überzeugenden Zugang.
Hillborgs Musik bleibt auch in diesen Stücken zugänglich, ohne einfach zu sein. Sie verbindet nordische Weite mit spektralen und elektronischen Einflüssen und behält dabei eine eigene, wiedererkennbare Handschrift. Wer sich auf diese Klangwelt einlässt, wird belohnt – nicht mit lauten Effekten, sondern mit einer Musik, die atmet, überrascht und nachwirkt.
Dirk Schauß, im August 2026
Anders Hillborg – Through Lost Landscapes / The Strand Settings / Sound Atlas
Gothenburg Symphony Orchestra
Pekka Kuusisto / Brad Lubman, musikalische Leitung
Ida Falk Winland, Sopran
Alpha Classics, ALPHA1240

