Barbara Hannigan bittet zum Jahrmarkt der verlorenen Illusionen

Das Bild eines einsamen, aufgespießten Karussellpferds auf dem Cover sagt alles: Barbara Hannigan interessiert sich nicht für den glitzernden amerikanischen Traum, sondern für das, was bleibt, wenn die Lichter ausgehen. Auf ihrer neuen Aufnahme mit dem Gothenburg Symphony Orchestra seziert die kanadische Künstlerin die Mythen der US-amerikanischen Unterhaltungskultur – mit Scharfsinn, Nostalgie und einem feinen Gespür für das Abgründige.
Den Auftakt bildet George Gershwins „Porgy and Bess“ in der symphonischen Fassung von Robert Russell Bennett. Hannigan dirigiert die Suite nicht als lockere Nummernfolge, sondern als geschlossenes Klangdrama. Die Holzbläser zeichnen „Catfish Row“ mit Präzision, frei von jeglichem spätromantischem Schmalz. „Summertime“ wird hier kein süßliches Wiegenlied, sondern ein von unterdrückter Sehnsucht durchzogener Moment voller Würde. Das Orchester swingt mit rhythmischer Schärfe, der Drive in den Ensembleszenen ist physisch spürbar. Hannigan zeigt, dass sie Gershwins Jazz-Idiom tief verstanden hat, ohne es zu verflachen.
Einen starken Kontrast bietet Aaron Coplands „Dance Symphony“ von 1929. Statt weiter Prärielandschaften ist hier der junge, aus Paris heimgekehrte Copland zu hören – düster, filmisch, von „Nosferatu“ inspiriert. Hannigan arbeitet die unheimliche Unterströmung heraus: selbst in scheinbar idyllischen Bläsersätzen lauert Bedrohung. Das Finale mit Paukenwirbel und Peitschenknall gerät zu einem atemberaubenden Totentanz.
Als Brücke dient der schwelgerische „Carousel Waltz“ von Richard Rodgers. Dann folgt das eigentliche Herzstück: die Uraufführung der Suite „At the Fair“, die Hannigan gemeinsam mit Bill Elliott entwickelt hat. Nun wechselt sie als Sängerin ans Mikrofon. In „Have I Stayed Too Long at the Fair?“ zeigt sie genau jene melancholische Reife, die das Stück verlangt. Die Suite selbst ist ein raffiniertes Klangpanorama: unterschiedliche amerikanische Musikkulturen prallen aufeinander – ein Blechbläserchoral aus „The Music Man“ trifft auf Tanzszenen aus „Singin’ in the Rain“. Das Ganze mündet in eine kontrollierte Kakophonie, die an Charles Ives erinnert. Hannigan nennt es treffend „das musikalische Äquivalent zum Scrollen durch soziale Medien“.
Den Abschluss bildet ein mitreißendes „Don’t Rain on My Parade“. Hannigan singt mit großer Bühnenpräsenz, jazziger Leichtigkeit und zurückhaltender, klassischer Substanz zugleich. Das Gothenburg Symphony Orchestra folgt ihr mit bemerkenswerter Spielfreude und Big-Band-Swing.
Mit 71 Minuten Laufzeit und hervorragender Klangtechnik von Alpha Classics ist diese Einspielung ein kurzweiliges Vergnügen, das die oft unterschätzte amerikanische Unterhaltungsmusik ernst nimmt. Barbara Hannigan entlarvt nicht bloß die Illusionen des Jahrmarkts – sie findet in den Trümmern etwas zutiefst Menschliches. Das macht die Aufnahme zu einer gelungenen Veröffentlichung.
Dirk Schauß, im Mai 2026
An American Dream?
Gothenburg Symphony Orchestra
Barbara Hannigan, Sopran und musikalische Leitung
Alpha Classics, Alpha1222

