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CD: American Tunes #1 Anne-Sophie Mutter, Violine Alpha Classics, Alpha1254

22.08.2026 | cd

Anne-Sophie Mutter serviert amerikanisches Spielzeug

mutt

Die Telefone im Parkett schweigen zuverlässig, wenn sie eigentlich stören sollten. Das ist die feine Ironie einer Konzertsaal-Realität, auf die der Komponist Sebastian Currier baut. Mit der neuen Einspielung des Labels Alpha Classics unter dem Titel „ASM Forte Forward – American Tunes #1“ stellt Anne-Sophie Mutter ihr Publikum dennoch vor eine unerwartete Begegnung. Wer die Geigerin vor allem mit den großen Violinkonzerten der Romantik verbindet, reibt sich hier verwundert die Augen. Die Zusammenstellung meidet den staubigen Musentempel und wendet sich der New Yorker Avantgarde zu, ohne die europäische Geigentradition preiszugeben.

Im Zentrum steht André Previn, der der Solistin nicht nur partnerschaftlich, sondern auch künstlerisch bis zu seinem Tod 2012 eng verbunden blieb. Sein 2010 komponiertes Violinkonzert Nr. 2 nutzt eine heikle Besetzung: Neben dem Streichorchester verlangt die Partitur ein Cembalo, das keineswegs im Hintergrund den Takt markiert. Der Norweger Knut Johannessen nutzt das Instrument für scharf akzentuierte, fast theatralische Monologe zwischen den Sätzen. Das Ergebnis ist eine doppelbödige Melange aus barocker Formstrenge und jenem breitwandigen Hollywood-Schimmern, das Previn wie kaum ein zweiter beherrschte.

Mutter führt das Nachwuchsensemble ihrer eigenen Stiftung mit spürbarer Lust an der rhythmischen Reibung. Wo Previn in Kitschnähe geraten könnte, zieht die Geigerin das Tempo leicht an und bringt das Gefüge auf Zug. Das Orchester reagiert flink, die Akzente sitzen spitz. Die späten Werke des gebürtigen Berliners spiegeln eine subtile Wehmut wider, die Mutter im langsamen Satz mit bemerkenswerter Nüchternheit freilegt. Es gibt hier keine falsche Sentimentalkunst, sondern schlanke, gläserne Bögen.

Einen extremen Kontrapunkt setzen die „Ringtone Variations“ von Sebastian Currier. Der Komponist nimmt die berüchtigten Mobiltelefon-Akkorde des Alltags und zerlegt sie in ein hochkomplexes Gebilde für Violine und Kontrabass. Partner an den dicken Saiten ist Roman Patkoló, ebenfalls ein Alumnus der Mutter-Stiftung. Das Unterfangen gleicht einem Seiltanz auf zwei grundverschiedenen Instrumenten: Die Geige spricht im Bruchteil einer Sekunde an, während der mächtige Holzkasten des Kontrabasses physisch Zeit braucht, um seine Schwingung aufzubauen.

Das Duo meistert diese rhythmischen Verschiebungen mit messerscharfer Präzision. Flageoletts pfeifen durch den Raum, Bögen kratzen dicht an der Stegkante, und glitschige Glissandi verwandeln das profane Klingeln in ein nervöses, hochattraktives Vexierspiel. Was auf dem Papier wie ein Gag klingt, wächst sich durch die kompromisslose Ausführung zu einem virtuosen Lehrstück aus. Der Humor bleibt dabei trocken. Das ist moderne Kammermusik, die keineswegs gefallen will, aber durch ihre rhythmische Schärfe schlichtweg fasziniert.

Den Abschluss bildet Previns Trio für Violine, Violoncello und Klavier aus dem Jahr 2009. Mit dem Cellisten Daniel Müller-Schott und ihrem langjährigen Begleiter Lambert Orkis am Flügel findet Mutter zu einem gelassenen Dialog. Hier blitzt der alte Jazz-Musiker Previn durch. Synkopen hüpfen leichtfüßig durch die Sätze, ohne dass das Ensemble in eine müde Swing-Imitation verfällt. Orkis tupft die Akkorde trocken in die Saiten der Partner, Müller-Schott kontert mit dunkler, erdiger Kantilene. Das zentrale Adagio offenbart Previns doppeltes Erbe: auf der einen Seite die europäische Spätromantik eines Richard Strauss, auf der anderen die unbefangene Frische der amerikanischen Moderne.

Die Einspielung klingt knackig, nah und ohne hallige Aufblähung. Alpha Classics liefert ein Klangbild, das die harte Arbeit an den Instrumenten keineswegs kaschiert. Man hört das Greifen auf dem Griffbrett, das Atmen der Bogenhaare, das Holz. Genau diese greifbare Körperlichkeit bewahrt die Produktion davor, als akademisches Pflichtprogramm abgebucht zu werden. Anne-Sophie Mutter zeigt sich auf dieser Einspielung nicht als unnahbare Klassik-Ikone, sondern als wache, bisweilen angenehm sperrige Kammermusikerin. Wer wissen will, wie lebendig das Erbe von André Previn klingt, findet hier eine kompromisslose Antwort.

Dirk Schauß, im August 2026

 

American Tunes #1

Anne-Sophie Mutter, Violine

Alpha Classics, Alpha1254

 

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