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CD: ALTO APPASSIONATO – TIMOTHY RIDOUT und JONATHAN WARE mit französischer Kammermusik für Bratsche und Klavier; harmonia mundi

17.04.2026 | cd

CD ALTO APPASSIONATO – TIMOTHY RIDOUT und JONATHAN WARE mit französischer Kammermusik für Bratsche und Klavier; harmonia mundi

Virtuose Bratschenmusik im Frankreich des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts

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Der sympathische junge britische Geiger und Bratschist Timothy Ridout stellt in seinem neuen Album ein kohärentes Programm der Anfänge der Akzeptanz der Bratsche als Soloinstrument am Pariser Konservatorium vor. Die erste Klasse für das Instrument wurde 1894 von Professor Théophile Laforge geleitet, dem auch die auf dem Album wiedergegebenen Nummern von Honnoré, Büsser und Enescu gewidmet sind.  

Wie schwierig es ist, geeignete Partituren der Zeit zu finden, zeigt sich schon daran, dass es sich nur bei drei der zehn vorgestellten Stücke um Originalkompositionen für die Bratsche handelt. Die berühmte Sonate in A-Dur von César Franck aus dem Jahr 1886, als Hochzeitsgeschenk des 63-jährigen Grandseigneurs der französischen Komponisten und Organisten für den Geiger Eugène Ysaye geschrieben, erklingt auf dem Album in einer Bearbeitung unseres Solisten Timothy Ridout für Bratsche und Klavier. Besagter Ysaye wiederum widmete die dritte Nummer seines Op. 27 George Enescu, der auf dem Album mit einem „Concertstück“ vertreten ist. 

Dieses Concertstück für Bratsche schrieb Enescu für den Abschlusswettbewerb 1906 des Conservatoire de Paris im Auftrag von dessen Direktor Gabriel Fauré. Genau für diesen Anlass, nur zwei Jahre zuvor, komponierte der wenig bekannte Léon Honnoré sein „Morceau de concert“, op. 23, mit dem das Album startet. Eine weitere Rarität bildet das „Appassionato“, op. 34 in cis-Moll aus dem Jahr 1910 von Henri Büsser, Orgelschüler von „Père Franck“. 

Timothy Ridout bearbeitete für das nach dem vorgestellten Oeuvre Büssers benannte Album sechs Mélodies des frühen Gabriel Fauré für Bratsche und Klavier: Mai, op. 1, Nr. 2, Le Papillon et la Fleur, op. 1, Nr.1, Les Berceaux, op. 23, Nr. 1, Clair de lune, op. 46, Nr. 2, Après un rêve, op. 7, Nr.2  sowie Nell, op. 18, Nr. 1. Hier ersetzt die Bratsche die menschliche Stimme. Ein nicht zum ersten Mal geübter und von Liebhabern der Bratsche vielgeschätzter Ansatz. Da die menschliche Vokalkunst in ihrer unbegrenzten Modulationsfähigkeit durch kein Instrument der Welt ersetzt werden kann, stellen Faurés „Lieder ohne Worte“ aus meiner Sicht lediglich ein  – zugegeben wohlklingendes – Experiment dar, wobei sich der Interpret redlich bemüht, der hinterhältig lauernden Kitschfalle zu entgehen.

Heute sind wir von der Vorstellung, die Bratsche sei ein reines Orchesterinstrument, natürlich längst meilenweit entfernt. Allerdings kommen, wie gesagt,  die wenigsten Soloalben ohne Arrangements aus, um die klanglichen, technischen und expressiven Vorzüge des im Vergleich zur Geige um eine Quint tiefer, also dunkler, und sämiger klingenden Streichinstruments bestmöglich zur Geltung zu bringen. Insbesondere die tiefe C-Saite ist für den einzigartigen zigarrenrauchig, whisky-bernsteinfarbenen Sound verantwortlich, der eine erdigere Stimmungs- und Ausdrucksskala als die Violine ermöglicht.  

Wer die französische Kammermusik des Fin de siècle am Übergang von der Romantik zur Moderne kennt, weiß um deren lyrisch-subtile und harmonisch elaborierte Qualitäten. Natürlich gilt das Hauptinteresse des Albums der einhellig als Meisterwerk titulierten Franck-Sonate, von der es mehrere Bearbeitungen für Bratsche anstatt der ursprünglich vorgesehenen Violine gibt. Hier zeigen Timothy Ridout auf seiner Viola von Peregrino di Zanetto (1565 – 75) sowie der amerikanische Pianist und begehrte Liedbegleiter Jonathan Ware ihre Gabe für hochromantisches Fließen und Weben, pflegen und hegen frei nach Marcel Proust die musikalischen Gedanken, die sich aus Klangwellen erheben. Ein weiterer Vorzug der beiden Künstler liegt in der Homogenität und dem Feintuning des Gebotenen, fallweise vielleicht allzu sehr auf Schönklang bedacht. 

Fazit: Ein programmatisch kluges und interessantes Album, im Detail gekonnt und unterhaltsam dargeboten, jedoch ohne interpretatorische Leuchttürme zu setzen. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

 

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