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CD ALEXANDER KRICHEL „AN DIE FERNE GELIEBTE“ – Liebesleid und Liebesfreud auf dem Klavier, SONY

Von sanftem Herzpochen und wildem Herzrasen: Ein fulminant emotionales, ein fulminant bewegendes Album

26.01.2019 | cd

CD ALEXANDER KRICHEL „AN DIE FERNE GELIEBTE“ – Liebesleid und Liebesfreud auf dem Klavier, SONY

 

Von sanftem Herzpochen und wildem Herzrasen: Ein fulminant emotionales, ein fulminant bewegendes Album

 

Veröffentlichung: 1. Februar 2019

 

Kein Sänger hat den wie in Ich-Nebeln befangenen Zyklus eines aus Liebe erlittenen Trennungsschmerzes „An die ferne Geliebte“  Op. 98 Ludwig van Beethovens so berührend, direkt und schicksalsergeben interpretiert wie Fritz Wunderlich. „Nimm sie hin denn, diese Lieder“. Und niemand hat dessen Klaviertranskription von Franz Liszt in ein so persönlich koloriertes, melancholisch auffahrendes Licht getaucht, wie dies Alexander Krichel auf seiner neuen CD gelungen ist. Wiewohl die sechs Lieder dem in Trauer verwitweten Auftraggeber Fürst Joseph von Lobkowitz zu verdanken sind, weiß keiner so genau, ob Beethoven 1816 nicht doch seine ganz persönliche Schwärmerei für Josephine von Deym darin verarbeitet hat. Persönliche Bekenntnismusik in aristokratische Salonduft gehüllt, gewissermaßen.

 

Generell geht es dem aus Hamburg stammenden Pianisten und Preisträger einer Mathematik-Olympiade in dem neuen Album um das Thema Abschied von geliebten Personen, unerwartete Umschwünge im Leben, also nachhallenden Richtungsänderungen, die jedem von uns, sei es im Leben, oder speziell natürlich in der Kunst, in der Musik widerfahren.

 

Im Zentrum stehen dabei die „Sinfonischen Etüden“ von Robert Schumann, eine endlose klangmäandernde Reise in sich selbst, den Blick auf die eigenen Bedingtheiten und steilen Abgründe freilegend. Ein Trauermarsch, den Baron Ignaz Ferdinand Freiherr von Fricken, der Vater von Schumanns damaliger Verlobten Ernestine geschickt hatte, steht als Ausgangspunkt für die 17 freien Variationen. Nur 12 wurden in die Erstausgabe aufgenommen, erst Johannes Brahms hat die restlichen fünf 1873 herausgebracht. Krichel fügt die posthum veröffentlichten Stücke nach der offiziell siebten Etüde ein: „Nach den fünf Variationen, die einen ganz weit weg aus der Realität saugen, ist es diese achte Etüde, die einen wieder zurückholt, die die stärkste Gravitation besitzt.“

 

Für mich ist es mehr als erstaunlich, wie sehr dieser vorzügliche junge Pianist die kühnen Verwandlungen der musikalischen Basis in sein Innerstes transponiert, wie er aus dem Grad an Abstraktion und Rausch der Etüden zu einer pianistischen Intensität jenseits von Perfektion und intellektueller Durchdringung findet. Temporückungen in existenzieller Auflehnung, ans Exzentrische grenzende Kobolderien (vierte Etüde) sowie eine kosmische Verwegenheit (siebte Etüde) prägen dieses musikalische Mosaik eines innerlich Getriebenen, eines schicksalhaft Aufbegehrenden. Auf dieser Basis fügen sich auch strengster Kontrapunkt und virtuoseste Sprünge in eine exquisite Klavierkunst, die einer traumwandlerischen Fahrt gleichsam in Trance zum innersten Altar der Musik gleicht. Welch ein wohltuender Gegensatz zu den so oft gehörten kristallin charmebefreiten Genaugkeitspedanterien und strikt dem Metronom nachhängenden Technikfanatikern.

 

Bei Alexander Krichel ist es Ausdrucksmittel, dass er Noten leicht verschmiert, sie zu ihm sanglichen Phrasen bindet, und diesen Witz und Aberwitz zugesteht. Als bestes Beispiel dienen die beiden Alt-Wiener Tanzweisen „Liebesleid“ und „Liebesfreud“ von Fritz Kreisler, ursprünglich für Klavier und Violine notiert, von Sergej Rachmaninov für Klavier solo eingerichtet. Bei diesen im Stile Joseph Lanners geschriebenen Stücken tritt Krichel nicht als brillanter Showmaster auf, sondern akzentuiert das Dämonische, das sich bis zum Taumel Drehen im Dreivierteltakt. Wie bei jedem Diabolus darf ein verschwörerisches Augenzwinkern nicht fehlen.

 

Maßvoller geht es bei der Liszt’schen Transkription von ‚Isoldens Liebestod‘ aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“ zu. Gut strukturiert und sich langsam bis zur Auflösung steigernd, sieht sich unser imaginärer Held von Schicksalsfragen entbunden. Es ist besiegelt, was kommen soll. Und eines der denkbar schönsten Klavieralben schließt mit dem einzigen Wunsch des Hörers nach Drücken des repeat button auf der Fernbedienung.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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