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CD Alessandro Stradella: LA DORICLEA – Opernweltersteinspielung ; Vol. 5 des „Stradella Projekts“ von ARACANA

Grandiose Ausgrabung aufregend musiziert

29.11.2018 | cd

CD Alessandro Stradella: LA DORICLEA – Opernweltersteinspielung ; Vol. 5 des „Stradella Projekts“ von ARACANA – Grandiose Ausgrabung aufregend musiziert

 

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Rom geschrieben, vielleicht wie damals üblich aus teils Vorhandenem zusammengestoppelt, wurde die Partitur erst 1938 in Rieti, einer kleinen Stadt in der italienischen Region Latium, wiederentdeckt. Die weitgehend unbekannte Oper „La Doriclea“ wird von Experten als Meisterwerk des italienischen Barockkomponisten Alessandro Stradella bezeichnet, der sein Leben opernwürdig auf offener Straße erstochen aushauchte. Das extravagante Leben des Komponisten taugte wiederum anderen Tonsetzern als Vorlage für deren Opern, wie etwa Friedrich von Flotow.

 

Der Viel- und Schnellschreiber Alessandro Stradella hat in dieser dreiaktigen und über drei Stunden Aufführungsdauer ausgiebigen, stets kulinarischen Oper auf ein Libretto des Flavio Orsini herzzerreißende Lamenti mit komödiantischen Passagen nach Vorbild des spanischen Mantel- und Degen-Theaters flott zu einem bekömmlichen, die Laune hebenden Cocktail gemixt. Opern mit dem Titel „Doriclea“ hatten zuvor schon Francesco Cavalli und Antonio Vivaldi geschrieben, haben aber mit dem vom römischen Adeligen Orsini verfassten Stück inhaltlich nichts gemein.

 

Es geht in „La Doriclea“ wie häufig in solchen Comedies (die Konstellation ist derjenigen in Cosi fan tutte zum Verwechseln ähnlich) um zwei Paare an jungen Liebenden: Doriclea und Fidalbo, Lucinda und Celinda, denen noch zwei vom gesellschaftlichen Rang her niedrigere, dafür umso komischere Charaktere, in diesem Fall Delfina und Giraldo – als Prototyp des italienischen Buffobasses schlechthin – beigeordnet sind. Wir begnügen uns zu bestätigen, dass wie der geneigte und in der Sache geeichte Leser zu Recht vermutet, die Handlung sich um Irrungen und Wirrungen der Liebe dreht samt romantischem Auf und Ab, vereitelten Heiratsplänen, vertauschten Identitäten, erotischem Qui pro Quo, Eifersucht, Verdächtigungen, gegenseitigen Vorwürfen der Untreue und Duellen. Dieses herzzerreißende Treiben kommentieren Delfina und Giraldo voller eloquentem Witz und bitterem Hintersinn. Fast ginge die finale Tripelhochzeit schief, wenn nicht die clevere Delfina im letzten Augenblick verhindert, dass der eifersüchtige Fidalbo seine Doriclea abmurkst. Letztere konnte er wegen deren offensichtlich glaubwürdigen Verkleidung als Mann, der sich Lindoro nennt, natürlich nicht erkennen. „Eh Wurscht“ (auf hochdeutsch: ohnedies egal), dem Happy End in einer Atmosphäre wieder gefundener Harmonie darf nichts im Wege stehen.

 

Die Oper war definitiv für ein kleines Privatheater konzipiert, das weitgehende Fehlen von Regieanweisungen und der Verzicht auf aufwändige szenische Wechsel deuten überdies darauf hin, dass die Kammeroper vielleicht im Rahmen von aristokratischen Gartenfesten zur Belustigung der Gäste gegeben worden ist. In dementsprechend kleiner Orchesterbesetzung tritt bei der Aufnahme das fabulöse Originalklang-Ensemble „Il Pomo d’oro“ unter der Leitung von Andrea De Carlo auf:  zwei Violinen, eine Viola da Gamba, ein Cello, ein Violone, eine Theorbe, eine Laute, eine Harfe, Cembalo und Orgel. Acht Arien mit können gezählt werden, die den Protagonisten der zwei Liebespaare vorbehalten sind. Warnung: Natürlich gibt es jede Menge an Rezitativen. Im Gegensatz zur Opera seria mit ihren unendlichen und bisweilen unendlich langweiligen Nummern hat Stradella in seiner Oper kurze klangbildreiche Rezitative mit sentimentalen wie frech-derb-kauzigen Arien und Duetten zu einer unterhaltsamen charmanten Farce rund um Liebes- und Heiratssachen montiert. 

 

Die Besetzung mit Emőke Baráth (Doriclea), dem Countertenor Xavier Sabata (Fidalbo), Giuseppina Bridelli (Lucinda), Luca Cervoni (Celindo) und dem komischen Paar Delfina (Gabriella Martellacci) und Giraldo (Riccardo Novaro) lässt keine Wünsche an jugendlicher Spielfreude, zudem Schönklang, deklamatorischem Überschwang und ironisch-komödiantischer Ader offen. Es darf auch übertrieben, persifliert und verhöhnt werden, mit passendem Sprachwitz wird auch nicht gegeizt. 

 

Eine glückvolle Operngesamtaufnahme, für mich eine der besten des Jahres 2018, für alle Liebhaber von Barockmusik oder enzyklopädisch veranlagte Melomanen, die schon alles zu haben glauben. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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