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CD: ALESSANDRO STRADELLA: IL TRESPOLO TUTORE – Ensemble Mare Nostrum, Andrea De Carlo

22.01.2021 | cd

CD: ALESSANDRO STRADELLA: IL TRESPOLO TUTORE – Ensemble Mare Nostrum, Andrea De Carlo

Stradella: Il Trespolo Tutore

«Tutta nuova e diversa dall’ordinario stile de’ teatri dell’Italia»

Alessandro Stradellas commedia per musica «Il Trespolo tutore», die am 30. oder 31. Januar 1679 in Genua im Teatro Falcone uraufgeführt wurde, ist ein ganz frühes Beispiel für jene Gattung, die später als Opera buffa bezeichnet wird. Komische Opern gab es schon vor jenen Reformen, die komische Szenen und Figuren von der Bühne verbannten, nachdem sich der allgemeine Geschmack geändert hatte und die Opern des 17. Jahrhunderts bzw. ihre Sujets als übertrieben und seltsam angesehen wurden. Diese Vorläufer der Opera buffa können, wie vom Musikwissenschaftler Lorenzo Bianconi vorgeschlagen, durchaus als lokales Gegenwicht zur «kosmopolitischen» venezianischen Oper betrachtet werden. Die Einteilung in eine Römer und Florentiner Schule ist dann aber doch zu hinterfragen.

Alessandro Stradella wurde am 6. Juli 1643 in Bologna geboren. Nach dem Tod des Vaters zog die Mutter mit den Kindern 1653 nach Rom, wo sie im Palast von Herzog Ippolito Lante Montefeltro della Rovere und Maria Cristina Altemps Aufnahme fanden und Alessandro seine musikalische Ausbildung erhielt. Am 11. März 1667 gelangte das erste Werk Stradellas, ein von der Bruderschaft des Kreuzes von San Marcello in Auftrag gegebenes und heute verschollenes Oratorium, zur Uraufführung. Stradellas Karriere als Komponist nahm rasch an Fahrt: für die Szene schuf er in seinen Römer Jahren Prologe, Intermezzi, Einlege-Arien und drei Opern («La Doriclea», 1672; «Amare e fingere», 1676, «Il Corispero», 1676). 1677 musste Stradella wegen dem Vorwurf der Kuppelei aus Rom fliehen und liess sich dann nach Stationen in Venedig und Turin in Genua nieder. Dort fand er Aufnahme im Palast des Adligen Franco Imperiali Lercaro und die Ruhe für den Genueser Adel, aber auch Adlige aus anderen Städten Italiens zu komponieren. Stradella hatte in seinem Leben mehrere Mordanschläge überstanden: Am 25. Februar 1682 aber wurde Stradella von einem Unbekannten auf der Strasse niedergeschlagen, wo er noch am Tatort verstarb.

Stradellas Librettist Giovanni Cosimo Villifranchi (1646–1699) liess sich für sein Libretto, das vor Stradella bereits Bernardo Pasquini 1677 erfolgreich für den römischen Karneval in Musik gesetzt hatte, durch Giovanni Battista Ricciardis Komödie «Amore è veleno e medicina degl’intelletti overo il Trespolo tutore» (1669) inspirieren. Das Personal entspricht den klassischen Charakteren der Commedia dell’arte: der alte, leicht trottelige Vormund Trespolo, das junge, hübsche Mündel Artemisia, die beiden Brüder Ciro und Nino und Despina und deren Mutter Simona, die Ninos Kindermädchen ist. Das Geschehen ist dann aber «Tutta nuova e diversa dall’ordinario stile de’ teatri dell’Italia» («Völlig neu und anders als der gewöhnliche Stil der italienischen Theater») wie in der Widmung an Herzog Francesco II von Modena vermerkt, beginnend damit, dass hier das Mündel den Vormund heiraten will und endend damit, dass die obligate Doppelhochzeit ausfällt und der Schluss offen bleibt. Neu ist auch die Musik: die lebhaften Rezitative, die unterhaltsamen Duette und der grosse Raum, der Stradella den Solisten für eigene Ergänzungen oder Tänze lässt

Für die Aufnahmen vom 23. bis 29. August 2019 in den Stallungen des Palazzo Farnese in Caprarola (einem der bedeutendsten Paläste der Renaissance und des Manierismus in Italien), hat das Label Arcana ein hochkarätiges Ensemble versammelt. Riccardo Novaro als Trespolo überzeugt mit kernigem Bariton während Roberta Mameli mit reifem Sopran die Artemisia gibt. Rafal Tomkiewicz überzeugt mit hellem Countertenor als Nino, Silvia Frigato singt mit hellem Sopran seinen Bruder Ciro. Luca Cervoni singt mit der Stimme eines Tenore di grazie als Tenor en travestie die Simona, Paola Valentina Molinari glänzt in der Rolle seiner Tochter Despina. Das Ensemble Mare Nostrum unter Andrea De Carlo spielt diskret einen farbenfrohen, vitalen Scarlatti.

Ein beglückender Ausflug in die Frühzeit der Oper!

 

22.01.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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