CD ALESSANDRO SCARLATTI: Messa per il Santissimo Natale, Beata Mater, O magnum mysterium; GhislieriMusica
„Scarlatti Legacy“ 1725 bis 2025: Weihnachtsalbum zum 300. Todestag des Komponisten

65 Jahre alt ist er geworden, davon konnte er sich an die 50 Jahre lang als Komponist, Kapellmeister, Theoretiker und Pädagoge profilieren. Der aus Palermo stammende A. Scarlatti reüssierte modellhaft in allen Gattungen von Oper bis Oratorium, Kantaten und Messen, Instrumental- bis Cembalowerken. In den Städten Rom und Neapel – mit Abstechern nach Florenz und Venedig – vollzog sich sein umfangreiches Wirken. In Neapel verdankte A. Scarlatti seine Position als Maestro der Königlichen Kapelle den Habsburgern. In Rom waren es vor allem die Kardinäle Pietro Ottonboni und Annibale Albani sowie Prinz Francesco Maria Ruspoli, die den Allround-Musiker förderten und mit Aufträgen überhäuften.
Auf dem vorliegenden Album ist Scarlatti mit geistlicher Vokalmusik aus den Jahren 1707 bis 1716 vertreten. Seine Messa per il Santissimo Natale hatte er im Dezember 1707 knapp vor Weihnachten für die päpstliche Basilika Santa Maria Maggiore in Rom, „spirituelles Herz der Marienverehrung“, geschrieben. Auch die strenge vierstimmige Motette „Beata Mater“ stammt aus den Archiven der auf dem höchsten Punkt des Esquilin errichteten Basilika, die wegen des Schneefalls als Gründungswunder am 5.8.358 auch „Maria Schnee“ genannt wird.
Im Wesentlichen diente Scarlatti nur das erweiterte Jahr 1708 als Leiter der Kapelle. Was die Geburt Christie anlangt, ist die Basilika Santa Maria Maggiore auch als „Bethlehem des Westens“ oder „Weihnachtsbasilika“ von Rom bekannt. In der Basilika befinden sich nämlich fünf Streben aus Ahornholz als zumindest zeitlich kongruent scheinende Teile der heiligen Wiege, in der das Jesuskind ruhte. Auch kunsthistorisch ist der Ort bedeutsam (frühchristliche Mosaiken, marmorne Krippe des Arnolfo di Cambio), weihnachtssymbolisch zudem wegen der im Auftrag von Papst Pius IX. von Virginio Vespignani geschaffenen „Confessio“.
Wie auch immer, man wusste zu Beginn des 18. Jahrhunderts Weihnachten in Santa Maria Maggiore musikalisch gehaltvoll und klanglich prunkvoll ziseliert zu begehen. Neben den beiden bereits genannten Kompositionen erklingt auf dem von Giulio Prandi, dem Chor und Orchester Ghislieri und der Sopranistin Carlotta Colombo musizierten Album die doppelchörige Motette „O magnum mysterium“ (basierend auf einer in Lissabon aufbewahrten Handschrift aus dem Jahr 1705, als Scarlatti noch als Assistent des Maestro di Cappella fungierte) sowie die Cantata pastorale da Camera „Non so qual più m’ingombra“ für Sopran, Violinen und Continuo vom Dezember 1716 nach dem bekannten Strickmuster Rezitativ-Arie-Rezitativ-Arie.
Ebenfalls aus dem Archiv der Basilika, allerdings vom venezianischen Komponisten Giovanni Giorgio geschrieben, stammt die als Weltersteinspielung hier präsentierte „Messa a quattro concertata con violini per la notte di Natale“. In diesem Archiv schlummern noch weitere 500 geistliche Werke des als besonders fruchtbar geltenden wie kaum bekannten Musikers.
Kammermusikalisch besetzt, geht es Giulio Prandi und den Mitwirkenden vorrangig um die menschliche Dimension im Kleide der festlich barocken Klanglandschaften in den so innig kunstfertigen wie subtil raffinierten Vokalsätzen im stile antico dieser exzeptionellen fünfsätzigen Weihnachtsmesse. In unmittelbar packender Feierlaune vermittelt sich das 100%ige Engagement, das den aus Sicht Prandis im Verhältnis zu seiner Größe arg vernachlässigten italienischen Meister würdigen will. Einfache melodische Themen und elaborierte Durchführungen charakterisieren das musikalische Geschehen, das sich bei unglaublicher Variabilität nicht davor scheut, in fugierter Komplexität zu überwältigen (Kyrie) oder zu arkadischer Heiterkeit tänzerisch beschwingt zu vibrieren, wie es ‚et in terra pax‘ des Gloria oder das finale ‚Amen‘ offerieren.
Spiegelgleich zur einleitenden Messa Natale Scarlattis begegnen wird in diesem Programm Giovanni Giorgios intimerer, von allzu großer barocker Prachtentfaltung sich abhebende, elegante Messa per la notte di Natale. Eingerahmt von Giorgios für Santa Maria Maggiore geschaffenen „Weihnachtsmesse“ ist die galante Pastoralkantate „Non so qual più m’ingombra“ des späteren Scarlatti zu hören. Carlotta Colombo besingt mit ihrem quellfrischen lyrischen Sopran in den beiden Arien den plötzlichen inneren Frieden, die die Geburt des großen Messias für alle Welt bringt, als auch die von allem Schmerz befreite Seele.
Fazit: Ein feingliedrig und liebevoll zelebriertes barockes Weihnachtsalbum, in dem meditative Ruhe und freudig polyphone Erregung gleichermaßen zu ihrem Recht kommen. Kein Ersatz für Bachs „Weihnachtsoratorium“, aber eine schöne Ergänzung für die besonders in ruhiger Einkehr gewidmeten Momente des Weihnachtsfestes.
Dr. Ingobert Waltenberger

