CD ALESSANDRO SCARLATTI „LA GRISELDA“ – Live Aufnahme aus dem Palazzo Ducale, 47. Valle d‘Itria Festival in Martina Franca, Juli 2021 – Neue kritische Edition zum 300. Geburtstag der Uraufführung der Oper; Dynamic

Die Geschichte der nicht standesgemäßen Hochzeit zwischen König Gualtiero von Sizilien und der Schäferin Griselda ist eine moralisierende Allegorie auf die überirdische Reinheit von Liebe, die sich jeder Prüfung stellt und am Schluss siegt. Nach den grauslichsten Prüfungen aller Art für Griselda seitens des feigen, zwischen seiner ehelichen „Liebe“ und seiner Loyalität zu einem launischen Volk schwankenden Herrschers ist erst Ruhe, als Griselda sich weigert, künftig dem Fürsten Ottone angehören zu müssen. Diese ihre Weigerung, diesem Befehl des Königs zu folgen, und lieber den Tod hinzunehmen, wird als vom Volk verlangter Beweis der Treue schließlich von allen akzeptiert. Jubel.
Die ersten beiden und einen Gutteil des dritten Akts hat der holde Gatte Griselda aber schon so sehr gequält und brutal sadistischen Aktionen ausgesetzt, dass das Happy End ziemlich aufgesetzt wirkt. Daran kann auch das Libretto von Apostolo Zeno nichts ändern, der zusätzlich zu den von Boccaccio im Il Decamerone ersonnenen Gruseligkeiten, wie die Verschleppung der eigenen Kinder, die angedrohte Verstoßung Griseldas und der Befehl, der vermeintlichen Nachfolgerin (die noch dazu ihre eigene Tochter Costanza ist) bei den Hochzeitsvorbereitungen zu dienen noch als letztes ehrenrettendes Opfer eine Zwangshochzeit mit dem General Ottone erfand. Diese Peripetie sollte es der armen Griselda erlauben, nicht als bloßes Opfer ins gloriose Finale zu gehen.
Starker titelheldischer Tobak der zwischen permanenter Demütigung und männlicher Bizarrerie leidenden und dennoch scheint‘s alles geduldig ertragenden Frau. Das Stück vertonten Komponisten wie Bononcini, Albinoni und Vivaldi. Im Auftrag und unter Mitwirkung des steinreichen Mäzens Fürst Francesco Maria Ruspoli an der poetischen Optimierung des Textbuchs machte sich Alessandro Scarlatti an die Arbeit. „Griselda“, 1721 im römischen Teatro Capranica aus der Taufe gehoben, sollte Scarlattis letzte Oper werden, die 114. (inkl. Revisionen und Adaptionen von Opern anderer Komponisten, nur ein Bruchteil davon ist erhalten) in einer wahrlich fruchtbaren und langen Karriere zwischen Rom und Neapel.
Der Grund für den erkannten Wert der Oper ist wohl nicht im hanebüchenen Libretto zu suchen, sondern liegt in der unglaublich farbigen, dramatisch aufgeputschten Musik mit all den damals theatergängigen Polen zwischen Tragik und Humor, kriegerischer Heroik und pastoraler Idylle. Zudem vermochte es Scarlatti, in der Musik die einzelnen Figuren in atmosphärisch abwechslungsreichen, meist kurzen da-capo Arien so zu individualisieren, dass er eine Art psychologische Durchdringung mittels spezifisch einzelnen Protagonisten zugeordneten Tonarten und eine passend vertiefende Instrumentierung (z.B.: Flöten für Griselda) erfand.
Die neue Edition, in Italien technisch nicht gerade überragend live mitgeschnitten, weckt vor allem wegen des affektgeladenen, die Emotionen zuspitzenden Dirigats des griechischen Alte-Musik-Spezialisten George Petrou Interesse. 20 Jahre nach der Studioeinspielung von René Jacobs mit der Akademie für Alte Musik Berlin (harmonia mundi) setzt Petrou in dieser Oper mit den Ensembles „La Lira di Orfeo“ und Coro Ghislieri höchste Maßstäbe an nuancenreicher Klangrede und stupender Instrumentalvirtuosität. Die Besetzung mit dem klangschönen Countertenor Raffale Pe als Gualtero, der koloratursicheren, erst nach und nach zu Hochform findenden Carmela Remigio in der Titelrolle, der pastos orgelnden Kontraaltistin Francesca Ascioti als in Griselda verliebter Ottone, der nicht gleichmäßig intonationssicheren Mariam Battistelli als Griseldas Tochter Costanza, dem polnischen Tenor Krystian Adam als Corrado, Fürst von Apulien, Miriam Albano als Corrados jüngerer Bruder Roberto und Carlo Buonfrate in der Rolle des Everardo vermag das Drama in allen Verästelungen glaubhaft und affektgeladen-effektvoll differenziert umzusetzen. Die Beantwortung der Frage, ob die Sängerbesetzung bei Jacobs (Zazzo, Röschmann, Cangemi, Tro Santafé, Rensburg und B. Fink) derjenigen der neuen Aufnahme überlegen ist oder nicht, läuft final auf individuelle Vorlieben für Stimmfarben und -charaktere hinaus. Was mir aber an der neuen Aufnahme besonders zusagt, ist, wie dramaturgisch stringent, emotional dicht und das Sängerensemble animierend Petrou die Oper präsentiert. Meisterlich!
Scarlattis „Griselda“ aus Martina Franca ist als bloße Hör-CD, aber auch in einer Filmversion (DVD, Blu-ray) erhältlich.
https://www.youtube.com/watch?v=YEMj6QXpiNA
Hinweis: Für Liebhaber historischer Aufnahmen möchte ich auf den zwar nicht historisch informierten, aber sängerisch exzeptionellen Mitschnitt aus 1970 mit dem Orchestra e Coro Alessandro Scarlatti di Napoli della Rai unter Nino Sanzogno mit Mirella Freni, Sesto Bruscantini, Luigi Alva, Rolando Panerai und Veriano Luchetti hinweisen.
Dr. Ingobert Waltenberger

