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CD: Alessandro Scarlatti Il Trionfo della Grazia Ensemble Céladon Paulin Bündgen, musikalische Leitung Ricercar, RIC490

27.09.2026 | cd

CD: Alessandro Scarlatti Il Trionfo della Grazia Ensemble Céladon Paulin Bündgen, musikalische Leitung Ricercar, RIC490

Scarlatti bekehrt die Sünde mit purer Eleganz

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Ein reuevoller Sünder ist für die Barockoper das, was ein defekter Schaltdraht für das Drama des modernen Regietheaters darstellt: ein dankbarer Vorwand für emotionale Ausnahmezustände. Das wusste man im Rom des Jahres 1685 ganz genau. Papst Unschuld XI. hatte das weltliche Theater vorsorglich untersagt, weshalb die Aristokratie und die Geistlichkeit ihre Lust an der dramatischen Verführung in den Betsaal verlegten. In diesem Klima schuf der erst fünfundzwanzigjährige Alessandro Scarlatti mit seinem Oratorium „Il Trionfo della Grazia“ ein Meisterwerk der musikalischen Rhetorik. Das Werk besaß eine derart einschlagende Wirkung, dass es über Jahrzehnte hinweg die europäischen Fürstenhöfe eroberte. Das französische Ensemble Céladon unter der Leitung des Countertenors Paulin Bündgen hat sich bei der Neueinspielung für das Label Ricercar nun auf die Urfassung konzentriert. Das bedeutet Verzicht auf spätere Orchesterauszierungen und Konzentration auf das intime, hochdramatische Skelett der Handlung.

Das Libretto aus der Feder des Kunstmäzens Kardinal Benedetto Pamphili serviert das Bekehrungsdrama der Maria Magdalena. Es treten gegeneinander an: Magdalena selbst, die zwischen weltlicher Lust und göttlicher Erleuchtung schwankt, die Verkörperung der Jugend namens Gioventù sowie die mahnende Penitenza, die Personifikation der Buße. Drei hohe Stimmen streiten um ein Seelenheil. Was trocken klingen mag wie ein Seminar über die Rhetorik der Gegenreformation, entwickelt in der Partitur des jungen Scarlatti ein überraschendes Leben. Hier wird nicht starr gepredigt, sondern leidenschaftlich um Argumente gerungen. Bündgen und seine Mitstreiter widerstehen der Versuchung, aus diesem Streitgespräch ein künstlich aufgeblasenes Spektakel zu machen. Sie wählen stattdessen einen schlanken, kammermusikalisch durchsichtigen Ton. Das fängt schon bei der Eröffnung an. Scarlatti verzichtete 1685 auf eine orchestrale Einleitung, da das Oratorium damals direkt an eine Predigt anknüpfte. Für die vorliegende Aufnahme greift das Ensemble zu einem Kniff und stellt dem Werk eine vierstimmige Bearbeitung der einleitenden Sinfonia aus Scarlattis zehnter Claviersonate voran. Ein strenges, dunkles Grave der Streicher stimmt den Hörer auf das kommende Seelendrama ein. Sobald die Stimmen einsetzen, entfaltet sich die Stärke dieser Einspielung. Die Besetzung verzichtet auf opernhaften Prunk und setzt ganz auf textdeutliche, hochdifferenzierte Deklamation. Das ist kein Zufall. Im Rom des späten siebzehnten Jahrhunderts diente die Musik primär als Verstärker des gesprochenen Wortes.

Sopranistin Marie-Frédérique Girod leiht der Titelheldin einen schlanken, feinen Ton. Man nimmt dieser Maddalena ihre innere Zerrissenheit in jedem Moment ab. In der Arie „Sento a l’Alma nuova vita“ im zweiten Teil zeigt Girod eindrucksvoll, wie viel Expressivität in einer schlicht geführten Linie liegen kann. Da gibt es keine virtuose Selbstdarstellung, sondern echte Musizierfreude im Dienste der Figur. Der Umschwung von der vergnügungssüchtigen Dame zur läuterten Büßerin gelingt ihr ohne vokale Übertreibung. Man hört schlicht eine Sängerin, die genau weiß, was sie singt. Als gegensätzlicher Pol fungiert die Gioventù, gesungen von Lise Viricel. Viricel bringt ein deutlich wärmeres Timbre mit und agiert in den Koloraturen spürbar losgelöst. Ihr Gesang besitzt jene jugendliche Unbekümmertheit, die der Text von ihr fordert. Wenn sie in der Arie „Ma poi sian più tardi“ das ewige Aufschieben der Reue besingt, geschieht das mit einem feinen, leicht spöttischen Unterton. Die vokale Virtuosität wirkt bei ihr nie wie Selbstzweck, sondern entlarvt die Arroganz der Jugend mit musikalischen Mitteln. Paulin Bündgen führt das Ensemble nicht nur vom Dirigentenpult aus, sondern übernimmt selbst die Rolle der Penitenza. Als Countertenor besitzt er ein substanzvolles, im tiefen Register überraschend tragfähiges Fundament. Seine Penitenza ist kein verbitterter Moralapostel mit erhobenem Zeigefinger, sondern eine Figur von mütterlicher Strenge und unerwarteter Sanftmut. Bündgen bringt eine ausgeprägte rhetorische Schärfe in die Rezitative ein. Die kleinen Lamenti und Mahnungen klingen bei ihm nie eintönig. Wenn Penitenza im zweiten Teil die Bedenken der Sünderin entkräftet, tut Bündgen das mit einer vokalen Gelassenheit, die den Sieg der Gnade bereits im Ansatz vorwegnimmt.

Das Instrumentalensemble Céladon agiert während der gesamten neunundsiebzig Minuten wie ein einziges Atemorgan. Der historische Streicherapparat, ergänzt durch Orgel, Cembalo und Streichbass, erzeugt ein dichtes, atmosphärisches Gewebe. In der kurzen Sinfonia des zweiten Teils, welche die Bewegung des Himmels beschreibt, zaubern die Instrumentalisten unter der Führung von Geiger Stéphan Dudermel ein zartes, beinahe schwereloses Klangbild in den Raum.

Scarlattis Komposition verweigert sich den gewohnten Schemata der späteren Neapolitanischen Schule. Es gibt hier kaum ausladende Da-capo-Arien. Die Sätze sind kurz, oft strophisch gebaut und münden rasch wieder in ausdrucksstarke Rezitative. Das verlangt von den Ausführenden eine extreme Beweglichkeit im Denken und Musizieren. Ein starrer Rhythmus würde diese Musik sofort ertöten. Bündgen hält das Geschehen jedoch durch klug gewählte Tempowechsel und sprechende Pausen in ständiger Bewegung. Besonders im Duett „Per far bella la mia pace“ zeigen die Stimmen von Girod und Viricel, wie gut sie aufeinander eingestimmt sind. Die Melodielinien verfehlen ihre Wirkung nicht. Sie umspielen einander, verschmelzen für wenige Takte und trennen sich wieder, bis die Einsicht über die Eitelkeit des Daseins siegt. Am Ende verzichtet Bündgen konsequent auf ein bombastisches Finale. Das Oratorium schließt ganz wie von Scarlatti beabsichtigt mit einem unbegleiteten, knappen Rezitativ der Buße. Der letzte Ton verhallt im Raum und hinterlässt beim Hörer keine sentimentale Rührung, sondern das angenehme Gefühl einer musikalisch vollkommenen Ordnung.

Das Ensemble zeigt mit dieser Veröffentlichung ein überzeugendes Dokument barocker Rhetorik. Die Klangtechnik des Labels Ricercar  ist hervorragend. Die Instrumente stehen weiträumig und luftig im Raum, ohne dass die Intimität der Kammermusik verloren geht.  Wer die Opern des siebzehnten Jahrhunderts nur als Abfolge platter Bravourarien kennt, wird hier eines Besseren belehrt. Scarlatti erweist sich bereits in seinen jungen Jahren als Meister des feinen psychologischen Porträts. Diese Aufnahme macht das mit beeindruckender Konsequenz und stilistischer Schärfe erlebbar.

Dirk Schauß, im September 2026

Alessandro Scarlatti

Il Trionfo della Grazia

Ensemble Céladon

Paulin Bündgen, musikalische Leitung

Ricercar, RIC490

 

 

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