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CD ALESSANDRO SCARLATTI: IL MARTIRIO di SANTA TEODOSIA – LES ACCENTS; aparte music

21.10.2020 | cd

CD ALESSANDRO SCARLATTI: IL MARTIRIO di SANTA TEODOSIA – LES ACCENTS; aparte music

 

Die arme Teodosia von Tyrus! Um es zum Status einer christlichen Märtyrerin zu bringen, musste die hilfreiche und nächstenliebende Frau laut Eusebius Unglaubliches aushalten. Ihr „Verbrechen“: Sie tröstete wegen ihres christlichen Glaubens in Gefangenschaft Geratene, die auf ihr Verhör warteten. Der Römer Urbanus befahl ihre Hinrichtung. Teodosia wurde gefoltert, ins Meer geworfen, wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen. Aber jedes Mal entkam sie unversehrt all den mörderischen Attacken. Also wurde die Achtzehnjährige schließlich enthauptet. Das war im Jahr 308. 

 

Alessandro Scarlatti dürfte der einzige Komponist gewesen sein, der diese schaurige Heiligen-Geschichte aufgriff und zu einem meisterlichen Oratorium formte. Der neapolitanische Komponist hat insgesamt drei geistliche Oratorien verfasst. Auch der heiligen Cecilia und der heiligen Orsola hat er beeindruckende musikalische Denkmäler errichtet. Ganz nach den im späten 17. Jahrhundert auch für Opern geltenden Schemata hören wir nach einer sinfonischen Einleitung eine Abfolge aus Rezitativen, ariosen Übergängen, 18 Arien, zwei Duetten (aria á 2), sowie je einem Terzett und Quartett. Den Abschluss macht ein Chor.

 

Das Personal des Stücks bilden neben der Heiligen Teodosia (Emmanuelle de Negri) der raue römische Statthalter Urbano (Renato Dolcini), sein zart besaiteter Sohn Arsenio (Emiliano Gonzales Toro) und Arsenios Vertrauter Decio (Anthéa Pichanick). Das Libretto ist entgegen der frühchristlichen Historie nicht der oben skizzierten Geschichte der Heiligen, sondern der unglücklichen Liebe des Arsenio zu Teodosia gewidmet. Decio bestärkt Arsenio noch in der irrigen Annahme, dass Teodosia seine Frau wird. Natürlich bleibt sie in ihrer ausschließlichen Liebe zu Gott auch trotz Urbanos Drohungen mit Feuer und Pfeil, Peitsche und Blutvergießen standhaft. Für ihren Märtyrertod erlangt Teodosia himmlische Glückseligkeit. Im Schlusschor wird besungen, dass für denjenigen, der für Gott stirbt, Tod gleich Leben bedeutet.

 

Die Musik dieses Oratoriums stellt sich größtenteils allen stereotypen Erwartungen entgegen. Statt epischer Reflexionen, der Abhandlung theologischer oder moralischer Fragen sind die Arien und Ensembles umgemein dramatisch aufgeladen, siedende Leidenschaften und inkompatible Lebensentwürfe herrschen auf beiden, miteinander unversöhnlichen Fronten. 

 
Musiziert wird in dieser im September 2019 in der deutschen evangelischen Kirche in Paris entstandenen Aufnahme auf allerhöchstem Niveau. Das Alte Musik Ensemble „Les Accents“ unter der musikalischen Leitung von Thibault Noally setzt dem opernhaften Duktus des Werks eins drauf. Die äußersten Emotionen der Protagonisten scheint das Kammerorchester noch zu doppeln, sei es durch eine solitär expressive, holzschnittartig markante Artikulation bzw. ein instrumental chorisches „Mitsingen“ der Streicher in Schmerz und Wunden. Bei der herzerweichend aus Verzweiflung schreienden und Hilfe anflehenden Arie der Teodosia „Soccorretemi Cieli fedeli“ (Track 33) und dem trauertrunkenen finalen Erlösungsgesang „Spirti beati“ bleibt sicher kein Auge trocken.


 Emmanuelle de Negri ist eine starke Teodosia, die ihren puren, goldig lichtdurchfluteten Sopran ganz in den Dienst der wunderbaren Titelheldin stellt. Der auf Mozart und Barockes spezialisierte Mailänder Renato Dolcini als Urbano markiert mit seinem dunklen Bassbariton den höchst brutalen, gnadenlosen politischen Gegenspieler zu Teodosia. Ein vokales Fest liefert die wunderbare französische Kontraaltistin Anthéa Pichanick als Decio. Mit glühender Emphase scheint die Figur ihre vielleicht verbotene Leidenschaft für ihren Arsenio zumindest in ihrem aussichtslosen Kampf um Teodosias Zuwendung dem Freund zulieb auszuleben. Emiliano Gonzales Toro glänzt in der gefühlsseligen Rolle des verliebten Schlächtersohns mit ahnungsvoll melancholischen Tönen. 


 Fazit: Eigentlich ist „Il Martirio di Santa Teodosia“ eine vor Passion lodernde Kammeroper (Spielzeit 75 Minuten) mit einem spirituell bewegenden Schluss. Die Aufnahme zählt sicherlich zu den Spitzenalben der gesamten Scarlatti-Diskographie.  

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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