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CD ALESSANDRO SCARLATTI: CANTATE da CAMERA, Vol. 2 – EMMANUELLE DE NEGRI und PHILIPPE GRISVARD; Audax Records

20.06.2026 | cd

CD ALESSANDRO SCARLATTI: CANTATE da CAMERA, Vol. 2 – EMMANUELLE DE NEGRI und PHILIPPE GRISVARD; Audax Records

„Es ist so, als würde Scarlatti jedes Mal die Kantate schlechthin neu erfinden.“ de Negri

scarlatti

Vorbei die Zeiten, als ich mich zwar chorsängerisch für extrem komplexe polyphone Renaissancemusik a cappella erwärmen konnte, sonst aber gab es für mich als jungen Menschen außer Wagner vor allem Spätromantik, Spätromantik und nochmals Spätromantik. Das hat sich komplett geändert. Vor allem, was die neapolitanisch-barocke Vielfalt und Brillanz, den experimentellen Einfallsreichtum und das Visionäre von Vater und Sohn Alessandro und Domenico Scarlatti betrifft, bin ich jetzt erst ‚voll auf den Geschmack gekommen‘. Da kann der Hörer wachen Ohrs in Universen vordringen, die nach Sciencefictionart unwillkürlich in unser Bewusstsein dringen.

Alessandro Scarlatti werden von den, aus heutiger Sicht vielleicht mit aufs intensivste reduzierte Opern-Essenzdestillate vergleichbar, nach den Forschungsergebnissen des Edwin Hanley 783 Kammerkantaten zugeschrieben (vgl. „The Scarlatti Project“, alessadroscarlatti.co.uk). Diese Stücke für Solostimme und Instrumentalbegleitung wurden oftmals für Kastraten geschrieben. Heute sind es in erster Linie Soprane, Mezzos oder Countertenöre, die diese Kunstgattung wiederbeleben.

Wie sehr das Gelingen, überwältigende Interpretieren von den Ausführenden abhängt, ergibt sich schon aus der mangelnden Aufführungstradition. Im Gegensatz zu den teils popkulturartig populären Werken Bachs, Händels oder Mozarts sind Vokalartisten und Instrumentalisten bei A. Scarlatti darauf angewiesen, aus ihrer eigenen Erfahrung und Imaginationsstärke zu schöpfen. Außer vorgegebenem Text, Tempoangaben und Rhythmik sind bei der Ornamentierung der da capos Arien große Freiheiten möglich.

Die Suche nach einer wahren Quintessenz

Die auf Barockes spezialisierte französische Sopranistin Emmanuelle de Negri sieht das Geheimnis einer modernen, packenden Erzählung all dieser vorrangig unglücklichen Liebesgeschichten in den weltlichen Kantaten A. Scarlattis in dem intensiven Miteinander von Instrument und Stimme. Darüber hinaus bildet vor allem die Aneignung spezifisch kompositorischer Mittel Scarlattis in seinen Cembalowerken, Opern und geistlichen Kompositionen das unerlässliche Erfolgsrezept. De Negri meint damit „harmonische Überraschungen, expressiv anmutende Intervallsprünge, eine eigenwillige rhythmische Signatur wie einen geschmeidig weiten Ambitus.“

Der Cembalist Philippe Grisvard legt nun mit seiner zweiten Edition eines langfristig angelegten Projekts rar bis noch nie präsentierter Kantaten von Alessandro Scarlatti ein hinreißendes Album vor. Zum ersten Mal in meinem musikalischen Leben hat es bei mir den vollen „Kick“ ausgelöst. Man kann dieses initiatorische Erleben als Begreifen oder einfach emotionales Mitnehmen bezeichnen.

Ist es die abwechslungsreiche, die verschiedenen Facetten des scarlattischen Kaleidoskops berücksichtigende Werkauswahl, die vokal expressiven Künste der Emmanuelle de Negri, die von lyrisch eingekehrt bis blitzedonnernd aufflammend alles ausdrücken kann oder die deckungsgleiche Harmonie mit dem Cembalisten Philippe Grisvard? Meine Hörabenteuerkurve verlief und verläuft steil.

Auf dem Programm stehen fünf Kantaten, vier davon textlich pastoralen Zuschnitts. In der frühen „Notte cara, ombre beate“ aus den 1680-er Jahren kann ‚Per me nasce di sera anco l’aurora‘ (=‘Für mich geht die Morgenröte auch am Abend auf.‘) als Motto einer auch formal mit zwei Arien und einem Arioso ungewöhnlichen Kantate gelten. De Negri schlüpft hier in die Kleider eines erst abgewiesenen Lovers, der den Sonnenlauf beschleunigen will, um wenigstens im Traum mit seiner Geliebten vereint zu sein. Emmanuelle de Negri flämmt die Affekte am äußersten Ende der Skala mit einer explosiv wortausdeutenden Deklamation, am anderen mit einem in allen Lagen ausbalancierten, dynamisch feinst abgestuften Legato. Schon die minimalsten Nuancen an Liebeseuphorie, -hoffnung und -qualen werden in einem Ineinander zart gehauchter, volltönender bis kreatürlich herausgepfefferter Tönen offenbar.

Diese interpretatorischen Vorzüge der de Negri gelten ebenso für die Kantaten „Quale al gelo s’adugge“ und folgende. In letzterer ist sie die stimmliche Statthalterin von eifersüchtigen Anfällen bis zum Tod des von Phyllis gehörnten Schäfers.

Völlig anders begegnet uns die historisierende Kantate mit Sujet „Io son Nerone l’Imperator del mondo“ auf ein Libretto von Kardinal Benedetto Pamphili. Abseits der Herz-Schmerz-Schemata wird hier selbstreferenziell in vier Rezitativen und drei Arien die psychische Instabilität des römischen Kaisers Nero vor und während des gerüchteweise von ihm selbst gelegten Brandes in Roms 64 n. Chr. geschildert. Makabrer Höhepunkt und zugleich sarkastischer Marker schwarzen Humors ist Neros historisch nicht verbürgtes, von ihm selbst begleitetes Wiegenlied in Anbetracht der Feuersbrunst. Für die Sopranistin Emmanuelle de Negri als lyrische Sängerin stellte die mit virtuosesten Verzierungen vollgepackten Arien und den höchst expressiv gestalteten Rezitativen einen wahren Genuss dar.

Den vernichtenden Kräften des Verlassenwerdens ausgesetzt, wegen des Fünkchens Resthoffnung am Äußersten gehindert, klagt in „Lontananza crudele“ die Schäferin Chlori verhalten und melancholisch über den (aktuell) verlorenen Fileno.

In der letzten Kantate des Albums, „Alme voi che provaste“, werden wir Zeugen einer besonders perfiden Szene. Die Verlassene beobachtet ihren Ex heimlich beim Turteln mit der Neuen. Klar, dass dieses „süße“ Geplänkel die Einsame zuerst in einen Wutanfall stürzt, der sodann nach typisch barocker Manier in den unvermeidlichen Wahnsinn mündet.

Emmanuelle de Negri erreicht in diesem Album im Hinblick auf Agilität und ausdrucksenergetisch ein Level, das an die jungen Cecilia Bartoli erinnert und damit einsames Weltspitzenniveau darstellt. Philippe Grisvard ist sowieso einer der besten seines Fachs.

Anmerkung: Der Cembalist hat in dieser Vol. 2 klugerweise darauf verzichtet, ein solistisches Cembalowerk einzufügen, weil die Art der Generalbassrealisierung bereits einen ausgeprägten solistischen Charakter verlangt. „Zudem bestand die Gefahr von Redundanzen, weil Alessandro Scarlattis Toccaten – eng mit seiner pädagogischen Tätigkeit verbunden – häufig auf denselben Satzmodellen beruhen.“

Das Booklet enthält ein ausführliches Gespräch des französischen Musikwissenschaftlers Xavier Carrère mit den beiden Ausführenden Grisvard und de Negri in drei Sprachen. Die Herausgeber verzichten bedauerlicherweise auf den Abdruck der Texte der Kantaten.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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