CD ALESSANDRO SCARLATTI: Cantate da camera; LUCILE RICHARDOT, PHILIPPE GRISVARD; Audax Records
Aus der barocken Raritätenschatulle

Fünf Kammerkantaten für Cembalo und Stimme und Stücke für Cembalo solo des Altmeisters der neapolitanischen Schule Alessandro Scarlatti: Das ist das neue Programm des Pariser Cembalisten Philippe Grisvard und der Mezzosopranistin Lucile Richardot.
Wir wissen, welchen schweren Stand die Oper in Rom besonders im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts hatte. Nach einem wohl besonders aufsehenerregenden Theaterskandal im Karnevaltrubel im Jahr 1677 verfügte der sittenstrenge Papst Innozenz XI. einen Bann gegen Opernaufführungen in der Stadt. 1686 wurde das von Klemens IX. erlassene 1667 päpstliche Auftrittsverbot für Frauen in der Musik erneuert. Ende des 17. Jahrhunderts gipfelte die Theater- und Opernfeindlichkeit der Kirche darin, dass Papst Innozenz XII. drei römische Theater, und zwar das Teatro Tordinona, das Teatro Capranica und das Teatro della Pace zerstören ließ. Ob dadurch Sittenverfall und Glaubensabfall wirksam bekämpft wurden, sei dahingestellt. Aber immer dann, wenn seitens der Ordnungshüter aller Art besonders prohibitiv vorgegangen wird, öffnen sich besonders findige und kreative Kanäle, um verlorenes Terrain wenigsten partiell zurückzuerobern.
Dichter und Komponisten wichen u.a. auf die beliebte Gattung der Kantate aus. So konnten sie ihre Sinne und Einfälle für dramatische Momente innerer Monologe musikalisch weiterhin pflegen. Natürlich fanden diese konzertanten Stücke mit abwechselnden Rezitativen und Arien ohne opernhaften Ausstattungspomp und instrumental nur frugal begleitet statt, bestanden die Aufführungsräumlichkeiten doch vor allem in aristokratischen und päpstlichen Salons anlässlich der wöchentlich zelebrierten sog. „Conversationi“. Dazu herrschte auf Basis der Philosophie der Accademia degli Arcadi das Bestreben, vor allem idyllische pastorale Sujets mit gemäßigteren Affekten in edle Musik zu hüllen. Das heißt, umgemünzt auf dieses Album, exzessiv furiose Arien stehen ganz sicher nicht zur Disposition.
Aus den ca. 480 von A. Scarlatti geschriebenen Kantaten haben die Initiatoren der CD fünf Pastoralkantaten aus der Zeit nach 1700, also aus Scarlattis Reifezeit, gewählt: Cantata „Al fin m’ucciderete“, Cantata „Sarei tropp felice“, Cantata „Sento nel core certo dolore“, Cantata „La Lezione di Musica“ und Cantata „Là dove a Mergellina“. Der in den Partituren angegebene Basso continuo Part wird von einem Cembalo gespielt. Parallel zu den damals vorzüglich engagieren Kastraten, wie Matteo Sassano, war auch Flaminia Scarlatti, die Tochter des Komponisten, für ihre ‚göttlich gute‘ Stimme berühmt und übernahm in privaten Kreisen den Solopart in den Kantaten ihres Vaters. Auf der CD werden Rezitative und Arien von der stilistisch vollendeten, farbenreichen und kulinarisch gepflegten Mezzosopranstimme der Lucile Richardot gestaltet.
Inhaltlich geht es in der sog. arkadischen Musik um Liebesschmerzen aller Arten des bedauernswerten Hirten. Der Arme wird nicht erhört, zu wenig geliebt bzw. leidet unter der vorübergehenden räumlichen Trennung samt gehörigen Zweifeln an der Treue der Geliebten. Klassische Geschichten im Sinne einer zeitlich abrollenden Entwicklung werden nicht erzählt. Die in unendlichen Zustandsumkreisungen sich schlängelnden statischen Arien dienten nicht der Unterhaltung, sondern einer elitären Bewunderung von dichterischer und kompositorisch artifizieller Verfeinerung.
Die gleichförmige emotionale Textur der Musik macht es dem Hörer des zweifelsohne exzellent musizierten Albums nicht leicht. Der elegische Grundton der Gesänge wird kunstreich variiert, aber für ein wenig Temperament und Tempo sorgen nur einzelne Solostücke für Cembalo, wie die Toccata in a-Moll oder in g-Moll.
So muss die CD ein Geheimtipp für Spezialisten bleiben, die die bis ins letzte verfeinerte neapolitanische Kantatenkultur und die leiseren Töne im überwiegend so spektakulären Universum barocker Klänge zu würdigen wissen.
Dr. Ingobert Waltenberger

