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CD Alessandro Melani: L’EMPIO PUNITO – Live Mitschnitt aus dem Teatro Verdi in Pisa vom Oktober 2019, Weltersteinspielung; GLOSSA

21.08.2020 | cd

CD Alessandro Melani: L’EMPIO PUNITO – Live Mitschnitt aus dem Teatro Verdi in Pisa vom Oktober 2019, Weltersteinspielung; GLOSSA

Veröffentlichung: Anfang September

„Così punisce il ciel, chi mil cielo offende.“ So bestraft der Himmel den, der den Himmel beleidigt. Schluss der Oper

Dieser „Don Giovanni“ aus dem 17. Jahrhundert stammt von Alessandro Melani. Im Februar 1669 feierte diese erste Opernversion über den mythischen Verführer und Wüstling Don Juan im Palazzo Colonna in Rom ihre Premiere vor hohem Klerus, Adligen und der wohl einzigen Frau – Königin Christina von Schweden. Historisch ging der Aufführung die Wahl von Giulio Rospigliosi zum Papst Clemens IX. im Jahr 1667 voraus. Er wie auch die Familie Melani stammen aus Pistoia. Nicht zufällig war Bartolomeo Rospigliosi, der Bruder des späteren Papstes, Taufpate von Melani. Alessandro wurde 1667 zum Kapellmeister der Basilika Santa Maria Maggiore ernannt und zum Leiter der Privatkapelle der Familie Borghese in der Paulinerkapelle der Basilika.

Beim vorliegenden Audio-Mitschnitt einer Ko-Produktion des Teatro Verdi in Pisa und des Teatro Manzoni in Pistoia, basierend auf einer Neuedition von Luca Della Libera, handelt es sich um eine Weltersteinspielung. Die Ausgrabung hat aber insofern schon Schule gemacht, als die Oper vom 21. bis 24. August 2020 im Rahmen der Innsbrucker Festwochen für Alte Musik im Haus der Musik aufgeführt wird. Ein Stöbern in den Annalen hat ergeben: Nach der Wiederentdeckung des Dramma per musica in drei Akten „L’Empio punito“ im Jahr 1986 und einer Inszenierung in Stockholm feierte das Werk in Leipzig beim Bachfest 2003 seine Erstaufführung in Deutschland mit dem Orchester „Les Talens Lyrique“ unter der musikalischen Leitung von Christophe Rousset. Rousset dirigierte auch eine Konzertversion am 23. Juli 2004 an der Opéra Comédie im Rahmen des Festivals de Radio France in Montpellier.

Rousset sagte zur Einordnung der Musik in einem Interview vom 23.5.2003 für die Tageszeitung „Die junge Welt“: „Die Oper ist ein fehlendes Teil des Puzzles, denn sie steht musikhistorisch zwischen Monteverdi, Cavalli und Scarlatti, deren Werke wir ja gut kennen.“ Im Vergleich zu Mozarts Don Giovanni betont Rousset, dass die Art zu denken in Melanis Zeit, dem 17. Jahrhundert, eine ganz und gar barocke war. Ende des 18. Jahrhunderts blühte schon die Aufklärung. Bei Mozart ficht Don Giovanni einen zerstörerischen Kampf gegen Gott und die Welt, während Acrimantes Revolte aufs Private beschränkt bleibt. Bei Melani schlägt sich außerdem die barocke Ambivalenz aus Tragödie und Komödie auch in der Musik nieder.

Das pfiffige Libretto zu „L’empio punito“, auf Deutsch „Der bestrafte Gottlose“ stammt von Filippo Acciaiuoli, der sich wiederum von den Ideen des spanischen Theaterstücks „El burlador de Sevilla“ von Tirso de Molina inspirieren ließ. Acciauoli und Melani verlegten das Geschehen von Sevilla nach Pella in Mazedonien, wo es Acrimante und Bibi (so heißen Don Giovanni und Leporello bei Melani) am Hofe des Königs Atrace ganz toll treiben. Commendatore, Donna Anna und Don Ottavio sind hier Tidemo, Ipomene et Cloridoro, Atamira die Elvira. Das Gerüst der Handlung ähnelt Lorenzo Da Pontes Meisterwurf aufs Haar. Acrimante läuft jedem Kittel hinterher, verliert aber sofort nach jeder Eroberung jegliches Interesse. Der Diener bedient sich an den Dienerinnen. Acrimante verspottet die Statue am Grabmal eines von ihm getöteten Edelmannes und wird am Ende vom Steinernen Gast ins Jenseits gezogen.

Die teils grandios witzige, stets kurzweilige Musik der Barockperle (immerhin 188 Minuten Spieldauer) ist von einer kaum beschreibbaren Schönheit. Sie hat nichts mit hochbarocker opera seria samt endlosen da-capo-Arien und noch weniger mit Mozart zu tun. Strukturelle und kompositorische Parallelen eröffnen sich vielmehr etwa zur 25 Jahre vorher entstandenen, stilistisch noch von der Spätrenaissance geprägten „L’incoronazione di Poppea“ von Claudio Monteverdi. Anspielungsreiche Wortspiele, ein vielfach überzeichnetes Pathos und skurrile Einlagen heben die berührendsten Melodien kontrastreich hervor. Tragische, komische und burleske Szenen folgen rasch aufeinander. Dieser flotte Wechsel und das Ineinandergreifen von Rezitativen, virtuos verzierten ariosen Passagen, lebendigen Arien und madrigalesken Ensembles hinterlässt den Eindruck, miteinander als dramaturgischer Bogen gespannt und kunstvoll durchkomponiert zu sein. Die Komik wird durch eine grandios überzeichnete Diktion, scharf geformte Rollenporträts und die Wahl von tollen Charakterstimmen noch einmal erhöht. Die Besetzung darf als ideal gelten.

Es kommt nicht von ungefähr, dass unser erotisch irrlichternder Acrimante (in der Uraufführung wurde er vom Bruder des Komponisten, dem Kastraten und Spion Atto Melani verkörpert) nicht von einem markig virilen Kavaliersbariton oder testosterongeladenen Bass gesungen wird, sondern einem Countertenor zugeordnet ist. Raffaele Pe aus Lodi ist dafür mit seinem schillernden Timbre, der spitzzüngigen Wortgewandtheit und seiner sehr gut fokussierten Stimme allererste Wahl. Auch die Römerin Raffaella Milanesi als tragische Atamira ist einfach grandios. Della Libera bezeichnet sie als die tragischste und leidenschaftlichste Figur der Oper. Trotz Acrimantes ständiger Demütigungen und Beleidigungen liebt sie ihn genug, um sein Leben zu retten und lehnt den Heiratsantrag von König Atrace so lange wie nur möglich ab. Wie einst berühmte Charakterdarstellerinnen scheut die Sopranistin auch von drastisch eingesetzten Stimmmitteln nicht zurück. Giorgio Celenza als Bibi singt fleischig und voll, könnte sich aber noch ein Quentchen profilierter à la Milanesi in die Schlacht werfen. Roberta Invernizzi als vielseits umworbene Ipomene und der Tenor, Flötist und Schauspieler Alberto Allegrezza als Delfa sind schlicht weg Traumbesetzungen.

Besonders schön ist, dass die Aufführung aus Pisa mit dem Ensemble Auser Musici unter der sprudelnd forschen musikalischen Leitung von Carlo Ipata bei der Besetzung der einen Hälfte des Bühnenpersonals auf Alte Musik Stars wie Raffaele Pe, Raffaela Milanesi, Roberta Invernizzi, Giorgio Celenza oder Alberto Allegrezza setzt, während die kleineren Rollen mit exzellenten Sängern aus der Accademia Barocca, einem speziellen Trainingsprojekt für barocke Musik von Auser Musici besetzt ist: Lorenzo Barbieri (Atrace), der Sopranist Federico Fiorio (Cloridoro/Pastorella), Benedetta Gaggioli (Proserpina/Pastorella), der in vielen Rollen brillierende Bass Piersilvio De Santis (Niceste, Capitano, Caronte, Demonio), Shaked Evron (Corimbo) und Carlos Negrin Lopez (Telefo).

Heißer Tipp!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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