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CD AFFINITÀ ELETTIVE – Wolfgang Amadeus Mozart Klarinettenkonzert K. 622, Rondo K. 373, „Sperai vicino il lido“ K. 368 und die Symphonie Nr. 29 in A-Dur K. 201

22.09.2021 | cd

CD AFFINITÀ ELETTIVE – Wolfgang Amadeus Mozart Klarinettenkonzert K. 622, Rondo K. 373, „Sperai vicino il lido“ K. 368 und die Symphonie Nr. 29 in A-Dur K. 201

NICOLAI PFEFFER brilliert mit samtig rundem Ton und himmlischem Legato als Solist einer von Markus Stenz geleiteten Aufnahmen mit dem ORT Orchestra della Toscana;

Der Tontechnik tausend Rosen für eine der klanglich schönsten Klarinetten-Orchester CDs überhaupt

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Das Motto der CD „Affinitá elettive“ entstammt Johann Wolfgang von Goethes Roman aus dem Jahr 1809. Die Musik von Mozart soll wohl wahlverwandtschaftlich mit Florenz, der Wiege der Renaissance, verbunden werden. Der Aufnahmeort war nämlich das florentinische Teatro Verdi. Corona-bedingt war das Theater monatelang zu und auch das Orchester musste seine Tätigkeit komplett einfrieren. Die Aufnahme entstand bei erster Gelegenheit nach der Zwangsschließung und fühlt sich an wie das erste lebensrettende Luftschnappen eines schon fast Ertrunkenen.

So lichtdurchflutet und sehnsüchtig, so orangen- und mandelduftend, elegant mit üppigem Ton wie Jacquard-Brokatsamt habe ich Mozarts berühmtes Klarinettenkonzert noch nie gehört. Das wundersame Gewebe aus Orchester und Solostellen ist fein und raffiniert gewirkt. Und weil die Tontechnik schlicht meisterlich ist, stimmt auch die Balance zwischen Klarinette und Orchester. Da wird nicht die tapfere Klarinette in ein übermächtiges Orchester reingewürgt, sondern der Klarinettenton steht stolz und erhaben vor dem Orchester, das Konzerterlebnis quasi in echt simulierend. Der Hörer hat den Eindruck, der junge Pfeffer spiele im selben Raum, wo er selbst durch die Musik animiert durch die Gegend hüpft. Kindlich-spontan zu sein, ist bei Mozart natürlich erlaubt.

Wie brillant wohltönend, expressiv und intuitiv zugleich Pfeffer spielt, ist ein Ereignis. Da paaren sich urwüchsiges Musikantentum mit sinnlicher Tongebung, Wissen mit Instinkt. Lassen wir den privat der holden Kochkunst huldigenden Klarinettisten zu Mozarts berühmten Konzert selbst zu Wort kommen: „In der gereiften Schlichtheit des Konzerts liegt eine enorme Intensität. Seine Dramatik und Ausdrucksstärke speist sich auch aus Mozarts Beschäftigung mit seinen späten Opern sowie der Freundschaft mit dem Klarinettenvirtuosen Anton Stadler und dem Wiener Instrumentenbauer Theodor Lotz. Die stimmliche Behandlung der Klarinette hat hier etwas Magisches, ihren schier endlos langen Phrasen und Melodiebögen steht ein transparenter Orchestersatz gegenüber.“

Als Drüberstreuer gibt es noch eine Premiere: Noch vor dem Rondo in C-Dur K. 373 komponierte Mozart die Konzertarie „Sperai vicino il lido“, K. 368, auf einen Text aus dem Libretto „Demofoonte“ von Pietro Metastasio. Andreas Tarkmann arrangierte die Arie für Klarinette und Orchester, eigentlich für ein CD-Projekt von Sabine Meyer, die das Stück damals aber nicht einspielte. Auf dem neuen Album ist diese Version nun zum ersten Mal zu hören.

Bei der Symphonie in A-Dur K. 201 kann das Orchestra della Toscana unter Markus Stenz auch ganz ohne marktplatzbeherrschende Soloklarinette zeigen, was es drauf hat. Das mediterran heiter umwölkte Stück begeistert bei dieser von Artikulation und Phrasierung her durchaus historisch informierten Interpretation, dank des modernen Instrumentariums aber in größerem Klangkleid, einmal mehr. Alfred Einstein hielt dazu im Buch „Mozart – sein Charakter, sein Werk“ 1953 fest: „Die Instrumente wandeln ihren Charakter; die Geigen werden geistiger, die Bläser vermeiden alles Lärmende, die Figurationen alles Konventionelle.“ Frisch und animiert scheint das italienische Ensemble dieser Einschätzung zu folgen.

Tipp: Hören Sie dieses unwiderstehlich prächtige, lustvoll interpretierte Album und setzen Sie damit bewusst einen Kontrapunkt zum von Bernhard Pörksen (Anm.: deutscher Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen) klug so bezeichneten „Kult der Kurzfristigkeit“, wo das „Grelle und das Banale das Wichtige verdrängt.“ Der nervenden kollektiven Dauerempörung unserer Zeit entfliehen mit Klängen der und für die Ewigkeit.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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