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CD Adrian Eröd / Franz Liszt: The Complete Songs. Volume 1

03.03.2013 | cd

CD  
FRANZ LISZT: The Complete Songs. Volume 1
Kling leise mein Lied
Adrian Eröd / Charles Spencer
MARSYAS / UPC: 063757180623

Der 200. Geburtstag von Franz Liszt, der wirklich ausführlich gefeiert wurde, ist nun auch schon wieder zwei Jahre vorbei. Als bemerkenswerte Nachlese erreicht uns nun die erste CD mit seinen „Complete Songs“, interpretiert von Adrien Eröd. (Teil 2 mit Janina Baechle ist auch schon auf dem Markt.)

Da die Nachwelt Liszt vor allem als den genialen Pianisten und infolgedessen Schöpfer von Klaviermusik wahrnimmt, auch – besonders im Zusammenhang mit seinem Schwiegersohn Richard Wagner – als menschlich großzügigen, allem Neuen aufgeschlossenen, ganz wichtigen „Musikmanager“ seiner Epoche, tritt sein anderes Schaffen in den Hintergrund. Die Orchestermusik wird (pfui „Les Préludes“, als Nazi-Musik verfemt, als ob er das hätte ahnen können) kaum gespielt, auch seine Oratorien wenig. Und kaum die Lieder.

Mit 21 Liedern Liszts, davon drei als Erstaufnahme auf Tonträgern, bietet Adrian Eröd dem Hörer überaus genussreiche und auch abwechselungsreiche eineinviertel Stunden. Liszt war der wahre Europäer, einfach, weil er so viel unterwegs war, und er hat europäische Kultur in sich aufgesogen, viel hohe Literatur vertont. So finden sich hier Lieder in französischer Sprache nach Texten von Victor Hugo, es finden sich auf Italienisch „Tre Sonetti“ nach Petrarca, und er hat auch drei „Tell“-Lieder nach Schiller geschaffen (zwei bemerkenswert lyrisch, eines hochdramatisch). In dieser Epoche verschmolzen die Künste.

Dazu noch ein Lied in Ungarisch (eine Sprache, die er sich mühsam und unzureichend angeeignet hat!), auch eine Tennyson-Vertonung auf Englisch und noch einiges andere auf Deutsch – ein ganzer Zyklus nach Heine, dazu Uhland oder auch so Seltsames wie „Die Zelle in Nonnenwerth“ von Felix Lichnowsky, einem dichtenden Fürsten (Liszt verkehrte locker in diesen Kreisen), wo es fast balladenhaft zugeht.

Wenn man feststellt, dass Bombastik durchaus eine Eigenschaft des Liszt’schen Schaffens ist, so ist das nicht im geringsten negativ gemeint. Als später „Romantiker“ war seine Liedkunst eben nicht von der klassisch schlichten, sondern der schwärmerisch ausufernden Art einer opulenteren Epoche. Wo er „Einfachheit“ anstrebt (bei Uhland etwa) wirkt es fast wie eine Nachahmung – so wie bei „Angiolin dal biondo crin“, wo er Volksliedhaftes anstimmt.

Auf die vorherrschende Dramatik, ja, manchmal sogar auf Pathos muss sich ein Interpret auch einlassen – und Eröd tut es. Wie gewaltig schmettert er das „Toujours!“ in „Le juif errant“, auch eines der seltsamen Stücke, das geradezu balladenartigen Charakter hat. Eröd hat keine Angst vor Emphase, wo Liszt Dramatik angelegt hat, und er beweist auch, dass mit voller Kraft zu singen, nicht schreien bedeutet.

Man kann Adrian Eröd darüber hinaus Souveränität in allen Sprachen zugestehen (nur auf Ungarisch kann ich es nicht  beurteilen), dazu die Schönheit seines Baritons und die Sicherheit seiner Stimmführung. Wollte man einem Sänger Fehler aufrechnen, müsste man feststellen, dass es in tiefen Tiefen nicht so gemütlich für ihn ist (dafür klappen die Höhen vorzüglich!) oder man die eine oder andere Stimmschwankung gehört hat (dafür gelingen die Piani glänzend).

Aber Kleinigkeiten spielen keine Rolle im so stimmigen Großen und Ganzen, an dessen Gelingen auch Pianist Charles Spencer seinen Anteil hat, der gelegentlich in Mini-Passagen auch hören lassen darf, dass ein Klaviervirtuose diese Lieder geschrieben hat…

Renate Wagner

 

 

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