CD „A BRITTEN SONGFEST“ – DANIEL JOHANNSEN (Tenor) und ANDREAS FRÖSCHL (Klavier) mit 25 Liedern von Benjamin Britten; hänssler classic

Er interpretiert mit schlank geführtem, stets kernig fokussiertem Tenor Barockes von Bach, Händel, Matthes, Scheidt, Fux bis Zelenka. Er hat bewunderte Liederalben von Schubert, Schumann bis Hugo Wolf vorgelegt. Aber nicht nur die ausdruckslodernden Erzählweisen des Evangelisten sind dem aus dem österreichischen Burgenland stammenden Tenor Daniel Johannsen vertraut, er ist auch fit und stilsicher in Sachen Wienerlied unterwegs.
Sein neuestes Album nennt sich selbsterklärend „A Britten Songfest“. Johannsens tatsächlich ein wenig in der Nachfolge von Peter Pears klingende, unverwechselbar charaktervolle, alle Limits der Expressivität auslotende Stimme macht mit seinen ins Fleisch schneidenden Interpretationen der neun „Holy Sonnets of John Donne“, Op. 35 den Anfang eines in mehreren Hinsichten bemerkenswerten Albums.
Von den 19 Gedichten des Shakespeare-Zeitgenossen John Donne über religiös Konnotiertes wie Endlichkeit des Erdendaseins, Angst, Schmerz und göttliche Zuwendung, Buße und Vergebung hat Benjamin Britten neun Texte unter dem emotionalen Einfluss von Konzerten u.a. im befreiten Konzentrationslager Bergen-Belsen in herzverbrennende Musik gesetzt.
Daniel Johannsen und der bayerische Pianist Andreas Fröschl haben sich die formal strengen, mit knappen musikalischen Mitteln ins Pergament des Lebens geritzten Lieder ganz zu eigen gemacht. Mit einer Wahrhaftigkeit sondergleichen, die jegliche Komfortzone und vordergründigen Trost weit hinter sich lässt, stürzen sich Johannsen und Fröschl in diese erratisch anklagenden Welten empathisch menschlichen Empfindens, schlüpfen in die zweite Haut von Brittens überwältigendem Humanismus.
Daniel Johannsen hat zudem – der Vielfältigkeit von Brittens Liedschaffen Rechnung tragend – acht ausgewählte Volksliedbearbeitungen (The Salley Gardens, The Ash Grove, Oliver Cromwell, The Plough Boy, Come you not from Newcastle, Avenging and bright, The Minstrel Boy, The last rose of summer in sein Programm aufgenommen, die den zweiten großen Zyklus des Albums, „Winter Words“, op. 52 nach Poesie von Thomas Hardy, umrahmen.
Hier zeigt Daniel Johannsen völlig andere Facetten seines Könnens. Leicht wie ein bauschender Lufthauch erklingt ‚Come you not from Newcastle‘, verschwörerisch shantylike ‚Avenging and bright‘, gefühlvoll verträumt ‚The last rose of summer.‘
„Winter Words“ des 41-jährigen Benjamin Britten, im Titel Assoziationen an Franz Schuberts „Winterreise“ weckend, ist musikalisch karg wie eine Steinwüste. Aus der absichtlichen Reduktion erblühen umso zarter und augenfälliger die lyrisch innigen Betrachtungen über Unschuld und Erleben. Metrisch und atmosphärisch fluoreszierend wie Hardys Wortvorlagen gestalten Johannsen und sein kongenialer Partner am Klavier Andreas Fröschl, den Zyklus mit einem tenoral lichthellen und pianistischen Eigensinn, den diese Musik braucht, um rezipiert werden zu können.
Dabei erreichen Johannsen und Fröschl sprachlich profiliert und idiomatisch passgenau erstaunlicherweise dieselbe stupende Reife und Gültigkeit, wie dies in der genialen Interpretation von Anthony Rolfe Johnsen und Graham Johnson für Hyperion der Fall war. Bravo!.
Fazit: Musikalisches „Slow Food“, für die innere Einkehr. Scharf wie ein Schwert und zart wie Frühlingsluft liegen bei dem vorliegenden solitären Album nah beieinander, ja verschmelzen zu einer Möglichkeit zur Bestandsaufnahme seelischer Empfindsamkeit. Wie im wirklichen Leben, oder?
Dr. Ingobert Waltenberger

